07.08.1995

SpektakelVerrückt oder gehirntot

Der Schauspieler Ben Becker, 31, hat ein Rock-Grusical geschrieben. Nun präsentiert er das Werk in einer Berliner Szenekneipe.
Am 14. Oktober 1978 meldete Bild auf der Titelseite: "Rock-Star schlitzt Geliebte auf - tot." Ben Becker hat die Schlagzeile ausgeschnitten und fein säuberlich mit vielen anderen auf ein großes Stück schwarzes Tonpapier geklebt. Denn damals, lange bevor er als Schauspieler Erfolg hatte, war Becker 14 und ein Punker, und die Geschichte vom mordenden Popmusiker begründete die dauerhafte und finsterste aller Punk-Legenden.
Am 12. Oktober 1978 fand man Nancy Spungen erstochen in einem schäbigen Badezimmer im New Yorker Chelsea-Hotel. Ihr Freund Sid Vicious, Bassist der britischen Punk-Band Sex Pistols, wurde verhaftet. Vier Monate später starb Vicious an einer Überdosis Heroin.
Ein Rock'n'Roll-Alptraum: Zwei Hoffnungslose richten sich gegenseitig zugrunde, verwirrt von Gift und Geld und jähem Ruhm. Becker, demnächst im Kino zu sehen in Joseph Vilsmaiers Literaturverfilmung "Schlafes Bruder", hat aus dem Stoff sein erstes Theaterstück verfaßt: "Sid & Nancy". Es erzählt die traurige Liebesgeschichte von einem Jungen und einem Mädchen in einem Hotelzimmer, das die beiden nicht mehr lebend verlassen - ein historisches Junkie-Märchen.
Becker hat eine lose Szenenfolge geschrieben, in der vier Figuren - Sid, Nancy, ein Polizist, ein Zimmermädchen - allerhand Seelenmüll auf die Theaterbretter kippen: Die Hauptakteure brüllen, leiden und lieben aneinander vorbei, die Randgestalten aber beschwören die Ordnungssucht der kleinbürgerlichen Schreckenswelt.
In Beckers bizarrem Reigen erschießt der Polizist beispielsweise Sid Vicious im Traum und deliriert von "der Überheblichkeit der Neger, der Türken, Juden und Osteuropäer" - in einer Haßtirade auf den "ganzen Abschaum, der sich da draußen rumdrückt und sich von mir aushalten läßt".
Das irische Zimmermädchen dagegen erzählt vom Suff des Vaters, der gehirntoten Schwester im Krankenhaus und dem Unfalltod der Mutter - und von ihren Lehren aus all diesen Trübnissen: "Man darf nicht so viel denken, weißt du, wenn man zuviel denkt, wird man verrückt oder gehirntot."
Beckers Moral indes klingt ein wenig lahmer. "Jedes Menschenkind", sagt er, "hat Schwierigkeiten, mit den Widersprüchen in sich zurechtzukommen." Von derlei Allerweltsschmerz beflügelt, hat der Schauspieler nun "Sid & Nancy" im Kreise seiner Lieben inszeniert: Ben Beckers Schwester Meret spielt Nancy, und in der Rolle des Rockmusikers Sid gibt Alexander Hacke, Gitarrist der Berliner Kunstlärm-Band Einstürzende Neubauten, sein schauspielerisches Debüt. Becker selbst mimt den Polizisten, und Barbara Philipp, eine weitere Freundin der Familie, spielt das Zimmermädchen.
Als Uraufführungsort des Rocktheater-Schockers war zunächst das Berliner Ensemble vorgesehen. Dann aber scheiterten die Verhandlungen mit der Subventionsbühne - und Becker zog um in eine seiner Stammkneipen, das "Ex & Pop" in der Mansteinstraße im Berliner Stadtteil Schöneberg.
Ein Lokal mit Geschichte: Hier zechten Nick Cave und die Leningrad Cowboys, und Gianna Nannini spielte bis in die frühen Morgenstunden am Kicker. Nun rollt Becker hier jeden Tag einen blauen Teppich auf der kleinen Bühne aus, Flohmarktfunde möblieren ein Hotelzimmer-Bühnenbild, daneben nähen Freunde Kostüme, hämmern, schrauben und albern herum.
Für Probenfotos kippt Becker seiner Schwester Tomatensaft übers weiße Nachthemd. "Als Kinder haben wir so zusammen gespielt", sagt er, "im Keller haben wir eine Geisterbahn gebaut, mit einem schwarzen Theatervorhang und alten Truhen, die man per Seilzug aufgemacht hat - dann kamen die Monster raus. Meret mußte damals immer an den Strippen ziehen und Kasse machen, schließlich war sie die kleine Schwester."
Meret Beckers bislang einzige Theaterrolle in der Berliner "Bar jeder Vernunft" war ein großer Erfolg - sie spielte mit beim Operettenklamauk ums "Weiße Rößl".
Nun tritt sie in einem Drama auf, das der Autor und Regisseur als "Kinderstück" bezeichnet. Nicht die beiden Hauptfiguren seien böse, sagt Ben Becker, "sondern nur die Dinge, mit denen sie spielen: Nadeln und Koks, Alkohol und Prügel". Bedenken, mit der Premiere am kommenden Sonntag abzustürzen, wischt Becker beiseite: "Das Stück ist eben romantisch und ein bißchen kitschig - genau wie ich."

DER SPIEGEL 32/1995
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