28.08.1995

Barschel-AffäreNeue Spuren in Blut und Urin

Seit Jahren beschäftigt sich der Münchner Toxikologe Ludwig von Meyer immer wieder mit einem der rätselhaftesten Todesfälle der deutschen Nachkriegsgeschichte. Er versucht aufzuklären, wie der ehemalige CDU-Ministerpräsident Uwe Barschel am 11. Oktober 1987 im Genfer Hotel "Beau-Rivage" zu Tode kam.
Bislang galt Meyer als Frondeur jener Wissenschaftler, die Mord kategorisch ausschlossen. Jetzt besinnt er sich anders.
In einem knapp 20 Seiten starken Gutachten für die Lübecker Staatsanwaltschaft schließt Meyer nicht mehr aus, daß Barschel, dessen Leiche in der Badewanne von Zimmer 317 gefunden worden war, ein todbringender Medikamenten-Cocktail eingeflößt wurde.
Das geht aus einer seit Ende voriger Woche in München kursierenden Expertise des Instituts für Rechtsmedizin hervor. Mord oder Sterbehilfe scheint nach den neuen Erkenntnissen möglich.
Die Lübecker Ermittler hatten Meyer und dessen Kollegen Wolfgang Eisenmenger Material zur Verfügung gestellt, das merkwürdigerweise keinem der früheren Gutachter vorlag: Teile der inneren Organe, darunter die Galle, sowie der gesamte Mageninhalt von Barschel. Zustand und Menge der Stoffe, erklärte ein Lübecker Ermittler dem SPIEGEL, seien "geradezu sensationell". Auch stand den Münchner Wissenschaftlern mehr Urin und Blut zur Verfügung als bei bisherigen Untersuchungen.
Die Asservate waren den deutschen Ermittlern überraschend bei einem Besuch in Genf von Schweizer Kollegen ausgehändigt worden. Unklar bleibt, warum die Körpergewebe nicht früher freigegeben worden sind.
Meyer und Eisenmenger entdeckten in Galle und Blut Barschels eine hohe Dosis eines Arzneimittelwirkstoffs namens Methyprylon. Dieser Wirkstoff wird in starken Schlafmitteln wie Noludar verwendet und kann, so die Schlußfolgerung der Gutachter, in Verbindung mit Alkohol zu Bewußtseinsstörungen oder gar Bewußtlosigkeit führen. Das vom Schweizer Arzneimittelkonzern Hoffmann-La Roche vertriebene Mittel gilt als Suchtauslöser und wurde 1988 vom Markt genommen.
Nach der Einnahme von Noludar könnten Barschel drei vergleichsweise harmlose Medikamente - die Beruhigungstabletten Pyrithyldion, der Brechreizhemmer Diphenhydramin und das Nervenmittel Perazin - sowie das starke Schlafmittel Cyclobarbital eingeflößt worden sein: möglicherweise, nachdem er bereits bewußtlos war.
Die mit mehr als einem halben Liter gefüllte Blase Barschels deutet nach Meinung der Gutachter auf lange Bewußtlosigkeit vor dem Tod hin.
Anders als die früheren Gutachter entdeckten die Münchner Toxikologen Alkohol im Körper Barschels. Es könnte sich um Rotwein und Whisky handeln - leere Flaschen waren im Zimmer Barschels gefunden worden.
Die bisherigen Gutachter hatten nur das Blut auf Alkohol untersucht - Meyer und Eisenmenger machten die Restbestände im Urin aus.
Die Expertise aus München erleichtert der Lübecker Staatsanwaltschaft die Arbeit im Todesfall Barschel nicht. Unter dem Aktenzeichen 705 Js 33247/87 ermittelt seit Ende vergangenen Jahres eine fast zehnköpfige Gruppe von Polizisten und Strafverfolgern. Ihre Arbeitshypothese: Mord.
Grundlage dafür ist ein Gutachten des Zürcher Toxikologen Hans Brandenberger. Der emeritierte Professor war bereits im vergangenen Jahr zu dem Ergebnis gekommen, es sei "sehr unwahrscheinlich", daß Barschel "noch handlungsfähig" gewesen sei, als ein tödliches Medikament in seinen Körper gelangte.
Doch bei der Frage nach dem Motiv eventueller Täter sind die Fahnder keinen Schritt vorangekommen. Als Barschel-Mörder ist schon über bulgarische Killer, russische Geheimdienstler und deren Kollegen aus dem deutschen Osten spekuliert worden, ohne daß es plausible Spuren gäbe.
Ein Anfang des Jahres vom Leitenden Oberstaatsanwalt Heinrich Wille einberufener Runder Tisch deutscher Geheimdienste ließ die Ermittler ratlos zurück. Wille meinte damals erbost: "Die Dienste haben uns belogen und immer nur das zugegeben, was sie wußten."
Ob tatsächlich der Bundesnachrichtendienst (BND) oder das Bundesamt für Verfassungsschutz Interna zurückhält, ist nicht bewiesen. Zumindest der BND hat sich, nicht nur nach Meinung der Lübecker Ermittler, im Fall Barschel mit fragwürdigen Zulieferungen diskreditiert. "Wenn Geheimdienste ihre Hand im Spiel haben", meinte Wille, "erfahren wir nie, wie es wirklich war."
Aufwendige Ermittlungen nach der Rolle der Ost-Berliner Staatssicherheit führten ebenfalls ins Nichts. Weder in Archiven noch bei Vernehmungen von Zeugen ergaben sich Anhaltspunkte für eine Verwicklung der Stasi in den Fall Barschel.
Nach ihren bisherigen Erkenntnissen wollen die Ermittler allerdings nicht ausschließen, daß sich der frühere CDU-Ministerpräsident in illegale deutsch-deutsche Technologie-Transfers oder in Waffengeschäfte verstrickt hatte und deshalb umgebracht wurde. Sie glauben, Spuren in der ehemaligen Tschechoslowakei gefunden zu haben, doch es mangelt auch da an handfesten Belegen. "Vielleicht wußte Barschel etwas", so Wille, "was anderen gefährlich werden konnte."
Mord oder Sterbehilfe? Die Geschichte eines aufgeregten Samariters würde das Durcheinander in Barschels Hotelzimmer erklären und auch das flüchtige und unprofessionelle Beseitigen von Spuren. Der Stuttgarter Anwalt Karl Egbert Wenzel hatte jüngst die Lübecker Fahnder auf diese Möglichkeit aufmerksam gemacht. Es gebe Hinweise, so der Anwalt, daß sich am Abend des 10. Oktober 1987 Aktivisten der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) im "Beau-Rivage" aufgehalten hätten. Tags darauf war Barschel tot.
Fest steht: Damals waren sogenannte Todesengel der DGHS mit Pillen und Rezepturen unterwegs - Spezialisten fürs Töten aus Mitleid. Allerdings: In keiner der von den Staatsanwälten sichergestellten Todeskladden tauchte der Name Dr. Uwe Barschel auf.
Nun soll High-Tech zur Lösung des Rätsels beitragen. Als nächstes wird Barschels Haarbürste mit aufwendiger Analyse nach den Haaren eines Fremden untersucht.

DER SPIEGEL 35/1995
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