28.08.1995

OppositionelleDas Herz der Stasi

Wer in diesen heißen Tagen ins berühmte Sommerloch gekippt wurde, hatte es wieder mal leicht. Denn alle liegen irgendwo am Strand und haben den Kopf voll Sonne. Die Reaktionen auf miese Neuigkeiten halten sich in Grenzen. Wer aber hiergeblieben ist und Zeitung liest, hat seine kalte Dusche abbekommen. Denn in diesem Jahr ist völlig unerwartet die Schriftstellerin Monika Maron in dieses Loch gefallen. Und wie beim Dominospiel sind gleich einige vor lauter Zuneigung hinterhergepurzelt. Weil M. M. eine sympathische Frau ist, die sich in den letzten Jahren mit durchaus eigenwilligen Artikeln und Büchern hervorgetan hat, hat sie natürlich auch etliche Freunde und Verehrer, die wieder einmal bereit sind, nicht alles genau zu nehmen.
Aber das ist menschlich, wir haben alle unsere Freunde. Und wir kennen das ja schon von anderen, deren Mitarbeit für die Staatssicherheit bekannt wurde. Auch Mielke bekommt Reverenzen, Modrow seine Rosen und Stolpe seine Treueschwüre. Was bedeutet das schon?
Viel interessanter sind die Argumente, mit denen auch in diesem Fall die Geneigten auf den Vorwurf der Zusammenarbeit mit der Stasi antworten: alles nicht so schlimm gewesen, hat niemandem geschadet, Privatsache.
Nach fünf Jahren Akteneinsicht wissen alle, die es wissen wollen, daß die Staatssicherheit eine menschenverachtende Maschine war und daß sie sich selbst vor Vernichtung von Leben und Persönlichkeit nicht gescheut hat. Die "toten Seelen", Ergebnis von Anordnungen, Auflagen, Zersetzungsmaßnahmen, Haft, sind allein Beweis genug. Aber wie viele Schweinereien sind verborgen geblieben?
Bis jetzt sind fast nur die internen Aktionsfelder des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) durchleuchtet worden, die externen liegen im dunkeln, denn die Akten der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), bei der auch M. M. angebunden war, sind mit durch die Blödigkeit der Bürgerbewegung 1990 vernichtet worden.
Doch wer konnte damals schon ahnen, daß sich vielleicht gerade in der HVA das Herz der Stasi befand? Heute wissen wir, daß die Spionage, "das Auskundschaften bzw. Verraten politischer, ökonomischer und wissenschaftlich-technischer Geheimnisse" (Meyers Lexikon von 1976), besser abgesichert war als die Arbeit nach innen. Hier hat auch noch die Vernichtung der Akten funktioniert.
Die Spionage gegen die DDR war eines der gefährlichsten Verbrechen und konnte mit dem Tode bestraft werden. Und was war umgekehrt die Spionage für die DDR? Sie war im offiziellen Jargon "Kampf an der unsichtbaren Front" für den Endsieg des Sozialismus. Schon allein deshalb wurde die Anwerbung von Agenten für den Einsatz im Ausland sorgfältig vorbereitet.
So blauäugig war die HVA nicht, daß sie auf Treu und Glauben einem unternehmungslustigen Mädel ein tolles Abenteuer im Westen anbot. Wer für diese Truppe fast zwei Jahre lang Gesprächspartner war, mußte schon davor etliches aufweisen, um für eine dauerhafte Zusammenarbeit in Frage zu kommen. Der wurde auf Herz und Nieren geprüft. Die Schmalzstullen, die Monika Marons Mutter für Stasi-Chef Erich Mielke geschmiert hat, haben die Tochter jedenfalls nicht geradewegs in die HVA schlittern lassen.
Daß M. M. mit der HVA mehr verband als ein bißchen Abenteuerlust, dafür spricht auch ein anderes Detail. Für die HVA hatte eine M. M. im Westen nur Bedeutung, wenn sie bereit war zu verschweigen, über wen und mit welchem Auftrag sie dorthin gekommen ist. Der erste und letzte Befehl hieß auf jeden Fall immer: schweigen! Und den hat M. M. tatsächlich eingehalten, bis sie zur Aufdeckung dieses dunklen Punktes in ihrem Leben gezwungen wurde. Ganz gleich, was tatsächlich passiert ist und wie viele Berichte sie tatsächlich geschrieben hat und ob sie tatsächlich niemandem geschadet hat, dieses auferlegte Schweigen hat sie befolgt. Daß sie gezwungen wurde, es zu durchbrechen, empfindet sie als Nötigung. Aber ihre Geschichte gehört genauso zum Reinigungsprozeß der Gesellschaft wie viele andere. Wenn Monika Maron es heute dabei bewenden lassen möchte, zu sagen, "es stimmt, es war unehrenhaft, mit ihnen zu reden", dann ist das nur die halbe Wahrheit. Sie ist für die Stasi in den Westen gefahren und hat Berichte geschrieben.
Daß es mehr waren als die zwei, die sich in den erhaltenen Stasi-Unterlagen über Monika Maron befinden, geht aus den Akten eindeutig hervor. Wieviel und worüber sie en detail an ihre Auftraggeber wirklich berichtet hat, ist bis jetzt unbekannt, eben weil die Akten der HVA vernichtet wurden. Das vorliegende Material ist wohl nur deshalb erhalten geblieben, weil es in einer anderen Stasi-Abteilung verwahrt wurde.
Entschuldigend führt M. M. an, daß sie nichts über Freunde berichtet habe, sondern nur über Leute, die im Westen wohnten und deshalb für die HVA interessant waren. Trotzdem waren die Berichte keinen Deut legitimer, denn mit denen arbeitete man nicht zusammen, weder nach innen noch nach außen, vor allem nicht zu einer Zeit, in der Wolf Biermann ausgebürgert wurde, Jürgen Fuchs, Gerulf Pannach, Christian Kunert, Rudolf Bahro im Knast saßen, Robert Havemann Hausarrest hatte und Tausende wegen ihrer Sympathieerklärungen für Havemann und Biermann verfolgt wurden.
Aber es ist noch "unehrenhafter" von ihr, mit mir und meinen Freunden heute über die Stasi zu reden, ohne uns ihre "halbe" Wahrheit mitzuteilen und sich zur vollen zu bekennen. Sie ist der Meinung, wir würden uns von diesem Thema nicht lösen können, obwohl es doch viele andere gebe. Dabei hält sie selbst einen wichtigen Komplex der Stasi bedeckt und ist noch gekränkt darüber, daß ihre "Affäre" doch ans Licht gekommen ist.
Meine Scham über Monika Marons heutiges Verhalten bedrückt mich mehr als die Fakten, die mir bisher aus ihrer Geschichte bekannt wurden. Jede Enttäuschung macht müde und tut weh. Die Halbherzigkeit Monika Marons schreibt eine unheimliche Tradition aus der DDR fort: die Verantwortungslosigkeit der öffentlichen Person gegenüber der Öffentlichkeit. Warum fällt es den prominenten Leuten wie Heiner Müller, Ludwig Güttler, Willi Sitte und letztendlich Monika Maron so schwer, Verantwortung zu übernehmen?
Spätestens als Christa Wolfs Kontakte zur Stasi bekannt wurden, hätte Monika Maron den Mund aufmachen müssen, wenigstens aus Solidarität zur Schriftsteller-Kollegin. Aber man ahnt _(* Am 15. Januar 1990. )
bereits die nächsten angefaulten Lebensläufe, die nicht durch die Betroffenen selbst, sondern auch nur von den Medien aufgedeckt werden. Vielleicht kann nicht anders das trübe Bild der ostdeutschen Intellektuellen geklärt werden.
Auf der einen Seite ist die Identifizierung mit dem alten DDR-System so groß gewesen, daß man manche Gemeinheit mitmachte. Auf der anderen Seite möchte man sich am liebsten von der Lüge, dem Schlamm, der Erniedrigung distanzieren, indem man sich selbst betrügt und vormacht, ein anderes Leben geführt zu haben. Frei wird man allerdings erst sein, wenn man bereit ist, die volle Verantwortung für seine Taten, auch für die unterlassenen, zu übernehmen.
"Die unheilbare Natur der Versündigung, die sich ausbreitet wie eine Krankheit" (der Schriftsteller Primo Levi), läßt uns nicht los. Wir alle sind davon berührt. Die Befehlsgeber ebenso wie die, die nur mitmachen wollten oder die den Befehlen gefolgt sind. Aber auch die, die zugesehen haben, sind beteiligt gewesen. Selbst die, die sich dagegen gewehrt haben.
Wir empfinden Scham darüber, daß Menschen überhaupt fähig sind, sich so inhuman zu verhalten. Sie haben die Lüge zu ihrer Arbeit, zu ihrem Leben gemacht. Diese Scham verbindet uns, und wir wollen sie unterdrücken. Levi schrieb: "Unsinnig zu glauben, sie könne durch menschliche Gerechtigkeit getilgt werden. Sie ist eine unerschöpfliche Quelle des Bösen: Sie zerbricht Körper und Seele der Betroffenen, löscht sie aus und erniedrigt sie. Sie fällt als Schande auf die Unterdrücker zurück, schwelt als Haß in den Überlebenden fort und wuchert weiter auf tausend Arten, gegen den Willen aller, als Rachedurst, als moralisches Nachgeben, als Verleugnung, als Müdigkeit und als Verzicht."
Wenn man aber nicht müde werden will, bleibt nichts weiter, als sich in das Streitgespräch einzumischen, auch auf die Gefahr hin, daß man eins in die Fresse bekommt. Es ist natürlich leichter, sich dabei als Freund zu gerieren, indem man alles eine Nummer herunterspielt, nicht so schlimm findet, alles auf die böse Öffentlichkeit oder Vergangenheit abschiebt und Händchen hält.
Aber woher nehmen diese Freunde eigentlich die Gewißheit, daß sie damit auch nur im geringsten etwas Gutes tun? Weder für den Delinquenten noch für das Thema, noch für die Öffentlichkeit ist diese Art von Unehrlichkeit von Nutzen. Im Gegenteil, man macht sich unglaubwürdig oder haut sich im Kampf gegen die Tatsachen noch selbst ein Bein ab.
Wenn der Bundesbeauftragte für das Stasi-Unterlagen-Gesetz zum Fall Monika Maron ernsthaft entschuldigend meint, "die Kürze ihrer Kontakte" sei "nach Auffassung der Schriftstellerin eben dazu angetan gewesen, darüber zu schweigen", dann kann er einpacken. Bisher ist noch kein Fall bekanntgeworden, daß jemand gesagt hätte, die Länge seiner Kontakte zum MfS wäre dazu angetan, endlich zu sprechen. Geschweige, daß jemand deshalb sein Amt niederlegen würde. Y
* Am 15. Januar 1990.
Von Bärbel Bohley

DER SPIEGEL 35/1995
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