28.08.1995

FilmPrügel mit dem Paddel

„Waterworld“. Spielfilm von Kevin Reynolds. USA 1995.
Schon bevor das Wasser-Werk in die Kinos kam, war es abgesoffen. Monatelang labte sich die internationale Presse an immer neuen Katastrophenmeldungen von den Dreharbeiten.
Hauptdarsteller und Mitproduzent Kevin Costner, so hieß es, habe sich am Schneidetisch mit seinem Regisseur und Intimus Kevin Reynolds verkracht, seine Ehe sei vorher schon baden gegangen. Während der Dreharbeiten versank vor Hawaii eine stählerne Plattform, beim Tiefseetauchen wäre beinahe ein Stuntman ertrunken. Und schließlich landete auch noch Costners Submarin-Trainer wegen Drogenbesitzes im Knast.
Als "Waterworld" beim Start in den USA darüber hinaus nur klägliche Besucherzahlen erreichte, war jedermann überzeugt, daß die monumentalen 200 Millionen Dollar Produktionskosten nimmermehr eingespielt werden könnten.
Das war das grausige Vorspiel, und stilvoll ging es weiter. "Kevin's Gate" höhnten die Kritiker nach Begutachtung der Marine-Misere - in Anlehnung an einen der größten Flops der Filmgeschichte, Michael Ciminos Großbild-Western "Heaven's Gate".
Die englische Sunday Times überschrieb ihren Verriß mit "Langeweile kommt in Wellen" und ulkte: "Filme, in denen Costner langes Haar trägt, sind immer ein Desaster." Übereinstimmend beklagten die Rezensenten elementare Mängel an Witz, Humor und Ironie.
Das Öko-Drama "Waterworld" spielt irgendwann im Dritten Jahrtausend: Die Menschheit hat es endlich geschafft, die polaren Eiskappen zum Schmelzen zu bringen, die Welt steht unter Wasser.
Ein paar immerhin sind waterproof und haben sich auf verrostete Plattformen und ehemalige Öltanker gerettet. Einige Herrschaften leben ganz fidel und reisen im Katamaran durch die vereinigten Ozeane.
Einen solchen Draufgänger gibt Costner - "Mariner" heißt er in Wasserkreisen. Sein luxuriöses Segelboot, ein Trimaran, verfügt über eine Apparatur, die aus Costners kostbarem Urin immer wieder Trinkwasser destilliert. Die internationale Kritik quittierte diesen urologischen Kreislauf mit besonderem Ekel.
Der Kahn hat aber noch andere Finessen. Nach Bedarf läßt er sich entweder zum Rennboot oder zum Bergungsfahrzeug aufrüsten, mit dem der Mariner den Zivilisationsmüll vergangener Generationen vom Meeresgrund hievt. Eine alte Autobatterie zum Beispiel dient ihm als Antrieb für eine Turbo-Harpune, mit der er zum Abendbrot einen Wal schießt; den verzehrt er dann im Fischstäbchen-Format.
Der Mariner ist auch physisch schon einen Schritt weiter als der Rest der Menschheit: Zwischen seinen Zehen wachsen nützliche Schwimmhäute, hinter den Ohren keimen Kiemen, mit denen der Amphibe unter Wasser atmen kann. Bisweilen schnellt Costner wie ein Delphin aus den Fluten, wirkt allerdings verglichen mit dem munteren Flipper eher wie ein psychisch verkümmerter Seeigel.
Seelisch ist der naßforsche Mariner ohnehin schwer aus dem Ruder gelaufen. Seine schöne, glutvolle Gefährtin (Jeanne Tripplehorn) bezieht gelegentlich Prügel mit einem Paddel. Und wenn er sie mal küßt, dann nur unter Wasser - um die Kiemenlose mit Sauerstoff zu versorgen.
Natürlich siedelt auch ein Unhold unter den Flossilien, Dennis Hopper spielt ihn mit satanischer Verve. Er ist der Piratenkapitän, haut Costner und seine Genossen so übers Ohr, daß es auf keine Schwimmhaut geht: Der Trunkenbold verspricht - rhetorisch nicht unbegabt - den Wassermenschen das Heil im fernen "Trockenland".
Doch wenigstens eine faßbare Botschaft dürfen geduldige Kinogänger aus diesem ozeanischen Unfug ins Trockene retten: Selbst in der globalen Apokalypse bleibt der menschliche Todestrieb aprilfrisch. Hoppers Wassertreter verprassen am Schluß ihre letzten Ölreserven und taumeln blind in den kollektiven Suizid und enden als Fischfutter. Da hilft auch kein Öko-Pissoir. Y

DER SPIEGEL 35/1995
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