04.09.1995

„Man bleibt wunschbereit“

Martin Walser über Günter Grass, das Elend des politischen Romans und die Freuden des Lesens
SPIEGEL: Herr Walser, in diesen Tagen wird, am Beispiel Günter Grass, über Politik und Schriftstellerei gestritten. Sie haben vor Jahren schon bedauert, daß man "das Politische" eines Schriftstellers mehr nach seinen aktuellen Auftritten als nach seiner Literatur beurteile. Sehen Sie das immer noch so?
Walser: Ich kenne keinen Schriftsteller, der lieber nach seinen politischen Auftritten beurteilt werden möchte als nach seinen Romanen. Die Forderung, daß bei einem Schriftsteller die Weltveränderungsbotschaft dabeisein müsse, ist eher eine Art von Gesellschaftsspiel.
SPIEGEL: Niemand zwingt die Autoren, da mitzuspielen.
Walser: Aber man wird immer wieder genötigt. Es ist noch nicht lange her, da wurden uns in der Zeit die französischen Denker als Vorbild präsentiert: Wo bleibt ihr deutschen Intellektuellen, warum sagt ihr denn überhaupt nichts über Bosnien? Und wenn man damit erst einmal anfängt, geht es gleich weiter: Haben Sie etwas zu den Atomversuchen gesagt oder nicht? Das ist doch ein Spiel . . .
SPIEGEL: . . . dem Sie sich nicht immer entzogen haben. Einst protestierten Sie gegen den Vietnamkrieg - warum nicht auch gegen den in Bosnien?
Walser: Damals gab es eine Adresse für den Protest. Das waren nicht die Amerikaner, sondern die Regierung in Bonn und die westdeutsche Presse. Die Politiker hier wollten ihre Ruhe haben und treue Bundesgenossen sein. Es ist dagegen eine sinnlose Aufforderung, man solle etwas zu Bosnien sagen - kein Mensch in unserem Land, kein Politiker verteidigt diesen Krieg. Alle versuchen verzweifelt und nach ihren Möglichkeiten, diese Scheußlichkeiten zu beenden. Dann müßte schon ein Intellektueller kommen und sagen: Ich kann es besser, ich weiß eine Lösung. Gut, der hätte meine Hochachtung.
SPIEGEL: Es gibt Schriftsteller, die sich der politischen Wortmeldung am liebsten entziehen würden - wie Peter Handke oder Botho Strauß. Aber auch sie sind nicht konsequent: Handke äußert sich zum Krieg im ehemaligen Jugoslawien, Strauß mit einem "Bocksgesang".
Walser: Wenn die Provokation zu stark wird, kann man sich nicht beherrschen. Ob das gut oder weise ist, fragt man sich dann nicht.
SPIEGEL: Jedenfalls werden solche Wortmeldungen mit einem starken Echo belohnt.
Walser: Das hat sich über mehr als 30 Jahre erhalten: die Bevorzugung der politischen Äußerung des Schriftstellers. Die Feuilletons haben mehr über den "Bocksgesang" diskutiert als über jedes Theaterstück von Botho Strauß. Und da kommt nicht etwa ein Theater auf die Idee, einfach einmal vier Strauß-Stücke zu spielen und zu fragen: Was ist das für ein Autor? Sondern ununterbrochen explodierten in den Feuilletons Stellungnahmen gegen ihn, für ihn, gegen ihn. Und das, was er eigentlich ist, dieser Dialogschreiber, dieser Feinstnervige, da, wo er am zuverlässigsten ist als Analysator einer gesellschaftlichen Szene: nichts! Eben das ist das Interesse am Gesellschaftsspiel. Es hat wenig Sinn, dagegen zu sein, aber die Lust, daran teilzunehmen, kann bei einem Autor nicht groß sein.
SPIEGEL: Gehen Sie da nicht sehr von sich aus? Wie war es bei Heinrich Böll, wie ist es bei Günter Grass?
Walser: Ich glaube nicht, daß Böll den politischen Auftritt geliebt hat. Bei Grass sieht es manchmal so aus.
SPIEGEL: Wie urteilen Sie über die jüngst im SPIEGEL erschienene Grass-Kritik von Marcel Reich-Ranicki? Der hat ja auch Sie gelegentlich arg gerupft?
Walser: Daß man sich gegen ein Buch so ereifern kann, verstehe ich nicht. Ich kann nur über Bücher schreiben, die ich gern gelesen habe.
SPIEGEL: Grass und seine Verteidiger behaupten jetzt, daß sein Roman aus politischen Gründen verrissen werde.
Walser: Ich kenne diesen Roman nicht. Aber es gibt natürlich Romane, in denen das Politische eine große Rolle spielt. Für mich gehört das Faktisch-Politische wenn überhaupt in die Literatur, dann auf die ** Martin Walser: "Zauber und Gegenzauber". _(Edition Isele, Eggingen; 224 Seiten; ) _(36 Mark. ) _(* Im September 1994 in Hannover beim ) _(Rundfunkgespräch mit NDR-Redakteur ) _(Stephan Lohr (M.). )
Bühne. Die Staatsaktion wäre für mich nie eine Romanmöglichkeit. Doch das soll jeder halten, wie er will. Ich mußte immer lachen, wenn ich in letzter Zeit von "Wenderomanen" hörte, so ein Quatsch. Gut, aber bitte, wer gern Staatsaktionen hat im Roman, der soll sie haben.
SPIEGEL: Grass scheint das zu gefallen. Warum lehnen Sie dieses Sujet ab?
Walser: Ich sage nur: Bei mir ist ein Roman die Antwort auf eine Zumutung, auf eine weit über alles Politische hinausgehende Zumutung, auf eine Daseinsschwierigkeit eben. Ich will den Ton hervorbringen, der durch mein Leben entsteht - so habe ich einmal eine schriftstellerisch tendierende Figur sagen lassen. Meinungen helfen da nicht viel. Beim Theater ist das ganz anders: Da interessiert mich am Dialog das, was schon im Sprachgebrauch vorhanden ist, aber nach meiner Meinung noch anders gesagt werden müßte. Das ist dem Politischen nah. Beim Roman kann man noch so sehr ein Thema haben, entscheidend ist die Tagesform - man schreibt heute etwas, was man gestern noch nicht wußte. Wüßte man es vorher, wäre es meinungshaft formulierbar, müßte man es nicht schreiben. Für mich ist Prosaschreiben eine Lebensart, eine Art, auf der Welt zu sein - nichts, um etwas mitzuteilen, was ich besser weiß als andere. Im Roman kann man nicht recht haben. Wenn jemand im Roman recht haben will, interessiert mich der Roman nicht.
SPIEGEL: Sie haben das in einem Aufsatz auf die Formel gebracht: "Eine Meinung ist für einen Erzähler ein Kurzschluß."
Walser: Ja, mir ist das erst verhältnismäßig spät aufgegangen: wie beschränkt der Spielraum von all dem ist, was Meinung heißt. Das habe ich nur durch Erfahrung gelernt. Meine Meinungsäußerungen zogen Gegenmeinungen nach sich, die noch schriller waren. Das heißt aber: In meiner Meinung muß auch schon etwas Schrilles gewesen sein. Da wuchs das Bedürfnis, das bei sich selbst zu durchschauen: Was heißt das, wenn du Statthalter einer Meinung bist? Das hat bei mir zu dem Satz geführt, nichts sei ohne sein Gegenteil wahr. Und heute behaupte ich einfach: Dieser Satz ist mehr als eine Meinung, also eine Erfahrung.
SPIEGEL: Nun haben Sie aber gerade Ihre Meinungen aus mehr als 30 Jahren in dem Buch "Zauber und Gegenzauber" gesammelt, das in diesen Tagen erscheinen wird**. Was reizte Sie daran?
Walser: Es ist ein Buch, das mindestens soviel Stimmungen wie Meinungen enthält. Ich wollte aber denen, die mir mit politischen Platzanweisungen behilflich sein wollen, auch tiefer ins Zeitliche reichende Sätze anbieten. Daß sie, wenn sie von mir reden, nicht bei gestern abend anfangen müssen.
SPIEGEL: Vor 17 Jahren, so ist diesem Band zu entnehmen, polemisierten Sie gegen den künstlerischen Narzißmus, gegen die "Heiligsprechung der Asozialität des Ichs", sahen darin gar eine Art Faschismus walten.
Walser: Wenn man sich eine Biographie als Wegstrecke vorstellt, so ist dieser Satz gewiß die Ausbiegung, die am meisten zur Selbstentfremdung tendiert. Du empfindest deinen eigenen Narzißmus als illegitim und glaubst, ihn in dir bekämpfen zu müssen. Das gebe ich gern zu: Wenn der Begriff "Faschismus" in diesem Zusammenhang vorkommt - weiter war ich nie von mir weg.
SPIEGEL: Und aus derselben Zeit, im Buch gleich danach, zwei Gedichtzeilen: "jede Stimme, die aus mir spricht / ist mir fremd, ich hab kein Gesicht". Waren Sie sich da näher?
Walser: Die antinarzißtische Stimmung war ja auch Selbstverlorenheit, Mutlosigkeit mir selbst gegenüber. Da warst du in der Hölle der Selbstlosigkeit angelangt. Das für den Himmel zu halten, muß ich noch lernen. Später habe ich ja einmal, in Hinblick auf die deutsche Frage, vom meinem "Geschichtsgefühl" gesprochen - und dafür Prügel bezogen: Denken konnte er nie! Und so weiter. Ich wollte mich genauer ausdrücken als in den rechthaberischen Jahren davor. Man darf aber nicht sagen, daß man ein "Geschichtsgefühl" hat, sondern man muß sagen: Ich weiß Bescheid. Das war aber mein Gefühl: Für mich als jemand vom Jahrgang 1927 war auf Sachsen und Thüringen nicht zu verzichten. Erst danach habe ich bei einem französischen Moralisten gelesen, daß die großen Gedanken alle im Herzen entspringen. Aber in der aktuellen Situation mußt du eben als Meinungssoldat auftreten.
SPIEGEL: Haben Sie denn nicht 1989 die Pointe genossen, daß die Wirklichkeit all die politischen Bescheidwisser alt aussehen ließ und Ihrem Gefühl Genugtuung verschaffte?
Walser: Ich war nie ein Prophet. Ich bin nur für Vergangenheit zuständig, nicht für die Zukunft. Vielleicht bin ich dann eben kein Intellektueller: Ich kann nicht so tun, als könnte ich Denken und Empfinden trennen. Ich bin als Schreibender völlig unfrei. Gut, ich kann es hinterher wegwerfen. Aber das, was kommt, kann ich mir nicht aussuchen. Das ist doch nicht rational und denkbar und bestellbar. Beim Einfall bin ich unfrei und erlebe zugleich die größte Notwendigkeit. Ich reagiere, ich bin der, der die Hand leiht. Und ahne schon, was diese Ausdrucksweise für eine Platzanweisung zur Folge haben wird.
SPIEGEL: Wie empfinden Sie heute Ihre Meinungen von früher?
Walser: Wenn ich dieses Bändchen jetzt zur Hand nehme, finde ich Meinungen aus verschiedenen Jahrzehnten, die mir zum Teil grell vorkommen. So grell war man also! Der Ton des Rechthabens ist eine Frequenz, die stört und verstört. Ich habe das aber nicht weggelassen. Das sind die durchlaufenen Stationen.
SPIEGEL: Im vergangenen Jahr haben Sie zusammen mit Grass einen Rundfunkdialog geführt, der soeben als Hörkassette erschienen ist: "Ein Gespräch über Deutschland"*. Mit einiger Geduld haben Sie es immerhin fertiggebracht, Grass nach anderthalb Stunden zu einer leichten Variation seines Standpunkts zu bringen: Auf der deutschen Einheit liege "kein Segen", meinte er zu Beginn, am Schluß hieß es: "noch kein Segen". Waren Sie da froh?
Walser: Ja, da war ich sehr glücklich. Das war das schönste Ergebnis dieses für mich wunderbaren Gesprächs. Grass ist einfach politisch muskulöser als ich, dazu kommt dieses überwältigende Bewußtsein, sich 30 Jahre lang treu geblieben zu sein. Er war offenbar nie anfechtbar. Während ich von einer Anfechtung in die andere gestolpert bin. Und wahrscheinlich immer noch stolpere.
SPIEGEL: Und Grass zählt zu denen, die Ihnen das naserümpfend vorgehalten haben.
Walser: Ja, er hat des öfteren, nach mir befragt, vor Kameras den Blick zum Himmel gerichtet und geseufzt. Er war manchmal eher polemisch gesonnen. Aber als der Vorschlag zu diesem Gespräch kam, war mein Vertrauen in diesen Günter Grass trotzdem viel größer. Und das hat mit Denken und politischen Meinungen überhaupt nichts zu tun. Das ist eine Sache von Haut und Haar und Sprachgebrauch. Verstehen Sie? Weil ich ihn mag. Und wenn ich jemand mag, ist es mir völlig egal, was er sagt und denkt. Vielleicht ist Politik für mich so sekundär, daß eine Art zu reden und dazusein und am Tisch zu sitzen mich viel mehr fasziniert. Ich muß mich dann mobilisieren: Halt, du mußt ja widersprechen! Ich kann Opfer von Faszination werden.
SPIEGEL: Und wie war es dann beim Gespräch?
Walser: Ja, ich habe gemerkt, daß mein Gefühl mich überhaupt nicht getäuscht hat. Der Grass war genauso sympathisch und liebenswürdig, wie ich ihn im Gefühl hatte. Obgleich er immer noch der strenge Mann ist, der das Pech hat, 30 Jahre recht gehabt zu haben - das meine ich ganz ernst.
SPIEGEL: Immer wieder, auch in diesem Radiogespräch mit Ihnen, bringt Grass gegen die Art der Vereinigung von 1990 vor, sie beruhe auf einem Verfassungsbruch. Sie haben da doch eine ganz andere Meinung.
Walser: Grass legt den Artikel 146 auf eine sehr eigenwillige Art aus: eine reine Interpretation. In dem Artikel steht, das Grundgesetz verliere "seine Gültigkeit an dem Tag, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volk in freier Entscheidung beschlossen worden ist". Nichts steht da von Wiedervereinigung oder Einheit - das wurde früher im Artikel 23 abgehandelt. Grass sieht die Notwendigkeit, daß mit der Einheit eine neue Verfassung kommen muß. Mir widerstrebt das. Aber soll er darauf beharren. Auch sein Leiden an diesem Prozeß ist nicht willkürlich. Er kann nicht anders, als wirklich daran zu leiden, daß die Einheit anders verlaufen ist, als er sich das vorgestellt hat.
SPIEGEL: Während Sie die Wiedervereinigung immer noch positiv sehen? _(* Günter Grass und Martin Walser: ) _("Ein Gespräch über Deutschland - eine ) _(Hörkassette". Edition Isele, Eggingen; ) _(25 Mark. )
Walser: Ich sehe das freundlicher, heller. Aber mich erinnert das an eine Erfahrung, die ich als Reisender gemacht habe: Du brauchst die Zeit, die du fort warst, noch einmal daheim, um wieder ganz zu Hause zu sein. Wenn du 14 Tage verreist warst, mußt du 14 Tage warten, bis du wieder da bist. Und wenn man 40 Jahre getrennt war . . . Vielleicht dauert es dann nicht noch einmal 40 Jahre, aber man muß das für möglich halten. Und alle Leiden und Mißstimmungen und Mißverständnisse gehören einfach dazu. Da hat keiner dem anderen seine Position vorzuwerfen.
SPIEGEL: Bleiben wir bei Ihrem Alltag als Schriftsteller. Was lesen Sie, was inspiriert Sie?
Walser: Die mir liebste und wichtigste Lektüre ist die nachts. Ab halb elf etwa. Da kann ich nur noch lesen, was mir wirklich guttut. Autoren, die sich dafür eignen, lese ich dann jahrelang. Ich weiß nicht genau, seit wie vielen Jahren jetzt Nietzsche mein Nachtautor ist. Ich kann mir noch nicht vorstellen, daß er es einmal nicht mehr sein wird. Soviel Glück geht von dieser Prosa aus. Einfach weil man fast in jedem Satz erlebt, was man mit unserer Sprache alles machen kann. Eben die allerfeinste Unterhaltung und die unglaublich weitreichende, eigentlich überall hinreichende Erkenntnis- und Einsichtsschärfe. Wenn man liest, was der alles über das 20. Jahrhundert gesagt hat, da fragt man sich: Warum mußte das dann alles noch passieren? Mit dem Sozialismus, mit den Diktaturen? Alles hat er schon gesehen.
SPIEGEL: Also auch ein Autor mit "Geschichtsgefühl"?
Walser: Und nicht so sehr durch Denkkonsequenz als durch Empfindungsfeinheit. Man muß immer so einen Heiligen im Haus haben, glaube ich. Vorher war das für mich lange Zeit Kierkegaard. Es muß ein Autor sein, der sich der Sprache anvertraut als einem unkommandierbarem Reichtum. Ich mag nicht lesen, um etwas zur Kenntnis zu nehmen, sondern um etwas zu sein.
SPIEGEL: Fürchten Sie eigentlich, daß Ihnen selbst eines Tages die Leser abhanden kommen und zum Fernsehen überlaufen?
Walser: Solange ich selber lese, kann ich mir nicht vorstellen, daß andere ohne zu lesen leben können. Nicht daß das Fernsehen Leser entführt, ist problematisch, sondern die Gewaltverklärung, die da von Jahr zu Jahr mehr perfektioniert wird. Das wird die Menschheit sich nicht gefallen lassen. Diese Gewaltorgie läuft ja bereits länger, ich habe vor Jahren schon, 1969, eine Geschichte geschrieben, die trägt den Titel: "Die Rede des vom Zuschauen erregten Gallistl vom Fernsehapparat herunter, daß es keine Wirklichkeit geben dürfe". Diese Machtausübung halte ich für eine Provokation vom Range der Pest. Ich weiß, wovon ich rede. Meine Kinder weisen mich gelegentlich auf Filme hin - und da merke ich dann, daß ich bestimmte amerikanische Filme schon nicht mehr sehen kann. Ich ertrage das nicht: diese ausgearbeitete Grausamkeit minutenlang.
SPIEGEL: Jüngere Kinogänger behaupten, daß sie das locker wegstecken.
Walser: Dann ist das ein negativer Lernprozeß. Das wird Folgen haben.
SPIEGEL: Es gibt genug neunmalkluge Filmkritiker, die uns weismachen wollen, das sei alles doch ganz ulkig - und im übrigen bilde es nur die Realität ab, es werde keine Gewalt verherrlicht . . .
Walser: . . . absurd, absurd! Ich glaube auch nicht, daß die Jüngeren das wirklich "wegstecken". Das ist allenfalls eine Schutzreaktion. Aber ich bin da voller Vertrauen in die Gesellschaft. Die wird sich das nicht gefallen lassen.
SPIEGEL: Wollen Sie Zensurmaßnahmen?
Walser: Nein, das kann nicht vom Staat ausgehen. Die Leute müssen sich das verbitten. Sie müssen als Kunden nicht mehr in Frage kommen. _(* Volker Hage (l.) im Garten des ) _(Schriftstellers in Überlingen am ) _(Bodensee. )
SPIEGEL: Ein schöner Traum . . .
Walser: . . . aber ein Traum, der sozusagen in das Gebiet der Hygiene gehört. Das würde sonst nicht zu einem Lieblingssatz von mir passen, der da heißt: "Man kann nicht spät genug geboren werden."
SPIEGEL: Glauben Sie tatsächlich immer noch an den Fortschritt hin zum Besseren?
Walser: Ja, diesen Satz darf ich bitte nicht widerrufen müssen. Ich sage nur: Man ist mit der Pest auch fertiggeworden. Das sind Entwicklungskrankheiten. Das kann ja nicht Jahrtausende so weitergehen.
SPIEGEL: Ihr Kollege Hans Magnus Enzensberger ist da weniger optimistisch. Der sieht hier und überall einen um sich greifenden, allgegenwärtigen Bürgerkrieg.
Walser: Das kommt mir ein bißchen zu formelhaft vor. Wem etwas so Allgemeines einfällt oder auffällt, der sollte vielleicht auch noch versuchen, das, was ihm da ein- und aufgefallen ist, zu widerlegen. Dadurch könnte sein Einfall noch interessanter werden. Und vergessen Sie bitte nicht, Hans Magnus Enzensberger hat die Öffentlichkeit daran gewöhnt, daß er sie mit saisonalen Stichworten beliefert. Das heißt, er liefert bei jedem Stichwort das Verfallsdatum mit.
SPIEGEL: Und was haben Sie für Pläne? Denken Sie daran, einmal etwas über Ihre Kindheit zu schreiben?
Walser: Das möchte jeder. Kein Erzähler möchte sich doch verabschieden, ohne ganz zurückgereicht zu haben. Man bleibt wunschbereit. Ich würde das gerne als letztes machen.
SPIEGEL: Eine Autobiographie?
Walser: Nein, auf keinen Fall. Das Wort "Autobiographie" kann in diesem Zusammenhang nur jemand benutzen, der von der unwillkürlichen Verklärungskraft der Sprache wenig Ahnung hat.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Walser: Man kann nicht etwas derart weit Zurückliegendes beschreiben, ohne zu erleben, daß es längst Fiktion ist - selbst wenn das alles tatsachengesättigt ist, wenn das Personen sind, die tatsächlich gelebt haben. Daß das jetzt in Sprache erwachen soll, ist eine Phantasie.
SPIEGEL: Auch eine Autobiographie kann ja in Kreisbewegungen vorgehen, assoziativ, nicht chronologisch . . .
Walser: . . . das ist dann eben Prosa, aber keine Autobiographie mehr. Mit Hilfe einer Figur kann ich mich viel weitergehend entblößen, kann ich viel radikaler sein, als ich es mir gegenüber vermöchte - als bürgerliche Person. Alles andere wäre peinlich.
SPIEGEL: Warum peinlich? Es gibt doch die literarische Tradition der Selbstentblößer, der radikal autobiographischen Schriften.
Walser: Mir wäre es peinlich. Mir ist es so schon peinlich genug. Wenn man eine solche Figur hat, geht man im Grunde viel weiter. Danach kommen die Leute ohnehin und sagen: Das bist du!
SPIEGEL: Gibt es da einen Zusammenhang mit der Erfahrung der Beichte?
Walser: Manchmal denke ich, daß ich ein lebenslänglicher Krüppel wegen dieser Beicht-Samstage geworden bin. Dann denke ich, es hat auch etwas gebracht: etwa diesen trickreichen Umgang mit sich selber.
SPIEGEL: Arbeiten Sie noch viel?
Walser: Als Max Frisch zu meinem 50. Geburtstag hierherkam, da war er Mitte 60 und erzählte mir, ihm würden 3 Stunden pro Tag am Schreibtisch genügen. Und ich weiß noch, wie ich damals dachte: Und die andere Zeit? Das muß ja ein entsetzliches Dasein sein: nur 3 Stunden - bleiben 21 Stunden pro Tag, die man herumbringen muß. Ich denke oft daran, denn inzwischen komme ich auch nach 3, 4 Stunden von meinem Arbeitszimmer unter dem Dach herunter und bin erledigt. Im letzten Jahr hatte ich Probleme mit der Gesundheit und habe alle Reisen quittiert. In diesem Jahr werden es vielleicht 9 Reisetage sein gegen 150 früher. Jetzt erreiche ich, weil ich nicht mehr reise, also mit 4 Stunden Arbeit soviel wie früher mit 8.
SPIEGEL: Fehlt Ihnen das Reisen?
Walser: Keiner hat genug erlebt, jeder zuviel. So sagt es, glaube ich, eine Literaturfigur, vielleicht eine von mir.
SPIEGEL: Herr Walser, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
** Martin Walser: "Zauber und Gegenzauber". Edition Isele, Eggingen; 224 Seiten; 36 Mark. * Im September 1994 in Hannover beim Rundfunkgespräch mit NDR-Redakteur Stephan Lohr (M.). * Günter Grass und Martin Walser: "Ein Gespräch über Deutschland - eine Hörkassette". Edition Isele, Eggingen; 25 Mark. * Volker Hage (l.) im Garten des Schriftstellers in Überlingen am Bodensee.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 36/1995
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