11.09.1995

Frankreich„Ein Akt der Dummheit“

Wütende Proteste aus aller Welt, Boykott und diplomatische Ächtung: Die Entscheidung des Präsidenten Jacques Chirac für den Atombombentest auf Mururoa machte aus der Grande Nation einen internationalen Bösewicht. Der fundamentalistische Terror im eigenen Land und die hohe Arbeitslosigkeit verunsichern die Franzosen zusätzlich.
Frankreichs Staatschef Jacques Chirac, 62, hat es mit den Philosophen, mit den Deutschen Immanuel Kant und Johann Gottlieb Fichte vornweg: "Volontarisme", die Lehre vom Willen als Grundprinzip menschlichen Handelns, ist Chiracs Leitmotiv. Doch nun fühlen sich viele Franzosen an einen anderen Denker erinnert, wenn sie die Aktionen ihres Präsidenten bewerten - an einen Landsmann der eher minderen philosophischen Qualität; an den Apotheker Emile Coue (1857 bis 1926), der lehrte, Menschen könnten sich selbst von jeglichen Gebrechen heilen, wenn sie nur intensiv genug daran glaubten und sich immer wieder einredeten: "Es geht mir jeden Tag besser."
Seit vergangenem Dienstag, 23.30 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit, spricht viel dafür, daß die Autosuggestionsmethode des in Frankreich vielzitierten Monsieur Coue regiert; seit dem Abend, an dem Chirac auf dem Atoll Mururoa in Französisch-Polynesien den ersten von acht geplanten Atomtests durchführen ließ.
Obwohl die Bombe unterirdisch gezündet und mit weniger als 20 Kilotonnen TNT Sprengkraft - unter Hiroschima-Stärke - relativ klein war, schüttelten ihre Schockwellen das 18 000 Kilometer entfernte Frankreich durch und durch. Reaktionen der Empörung und des Abscheus aus aller Welt isolierten Frankreich wie nie zuvor. Im Land selbst zeigte eine neue Atomfronde - letzten Mittwoch demonstrierten auf der Pariser Place de la Bastille Tausende Linke, Gewerkschafter und Grüne gegen Chiracs Tests -, daß Frankreichs nukleare Abschreckungsmacht nicht mehr der von keiner politischen Partei angetastete heilige Gral der Nation ist.
Zwar sind mehr als die Hälfte der Franzosen weiter für den Fortbestand der Atommacht, die ihnen über drei Jahrzehnte das Gefühl der Sicherheit und die Gewißheit vermittelt hatte, zum Klub der Weltmächte zu gehören. Aber 63 Prozent lehnen die neuen Atomtests ab, die Chirac, unumschränkter Herr über die Abschreckungsmacht, ohne jede Diskussion in Parlament oder Kabinett verordnet hat.
Eine neue Generation von Franzosen fordert nach Ende des Kalten Kriegs und angesichts der Drohung von Weiterverbreitung der Massenvernichtungswaffe an unberechenbare Diktaturen erst einmal eine neue Definition der nuklearen Abschreckung. Atompotentat Chirac indes ließ nach einer Sitzung des Ministerrats hochmütig mitteilen, daß er mit "absoluter Entschlossenheit" an den Tests und damit an der von de Gaulle im Zeichen des Ost-West-Konflikts geprägten Doktrin festhalten werde.
Die Autosuggestion, daß sich seit de Gaulle im Prinzip nichts geändert habe und daß man sich von der internationalen Kritik gesundbeten könne: Coueismus in Reinform. Mit seiner "augenfälligen Demonstration präsidialer Virilität", schrieb der prominente Pariser Journalist Serge July, habe sich Chirac ganz einfach "in der Epoche getäuscht". Sozialistenchef Henri Emmanuelli höhnte, Chirac wolle sich "das Käppi eines anderen" aufsetzen - das des großen Charles de Gaulle.
Das Ausmaß und die Heftigkeit der Reaktionen auf Frankreichs 205. Atomversuch haben Frankreichs Rolle in der Welt erst einmal verändert. La France hat sich immer gern als Diva der Weltpolitik gesehen. Nun aber steht das Land eher als Paria da. Der "häßliche Franzose", so sagte düster vorige Woche ein hoher Pariser Diplomat, habe den legendären "häßlichen Amerikaner" abgelöst. Und das Nachrichtenmagazin L'Express konstatierte bekümmert: "Frankreich ist ganz allein."
Die Großen gingen noch relativ gnädig mit dem Atomtester um. USA, Rußland und Kanada "bedauerten" die Versuche und forderten Frankreich auf, sofort damit aufzuhören. Bundeskanzler Helmut Kohl wollte den neuen Freund "Tschack" im Elysee nicht verprellen, er tadelte nur sanft und hob dafür hervor, daß Chirac sich ja verpflichtet habe, das für 1996 anvisierte weltweite Teststopp-Abkommen zu unterzeichnen. Britannien, selbst Atommacht, zeigte Verständnis für "diese Angelegenheit der Franzosen".
Doch aus anderen Ecken klang es schrill - die Mehrheit der Weltnationen stellte Frankreich regelrecht an den Pranger. Chile und Neuseeland beorderten ihre Botschafter von der Seine heimwärts. Japan, dessen Bevölkerung 50 Jahre nach Hiroschima die Tests zu 96,5 Prozent verurteilt, verlangte eine Beendigung der "verrückten" Versuche, die, so der auf Tahiti mitdemonstrierende Finanzminister Takemura, "teuflischen Trieben des Präsidenten Chirac" entsprungen seien. Beleidigt sagte der Franzose daraufhin einen fest verabredeten Staatsbesuch in Tokio ab, und den kritischen schwedischen Premierminister Ingvar Carlsson lud er gar aus - wohl eher zum eigenen Schaden.
Australiens Premier Paul Keating geißelte die Tests als "Akt der Dummheit". Das Südpazifikforum faxte seine Empörung ebenso nach Paris wie die 14 Staaten der lateinamerikanischen Rio-Gruppe. Neuseelands Greenpeace-Sprecher Michael Szabo nannte Chiracs Tests schlichtweg "ökologisch und politisch kriminell", die einflußreiche evangelische Kirche von Polynesien kündigte einen Fasten-Protesttag an.
"La grande nation" - Chirac hat dem etwas demolierten Titel neues Leben eingehaucht - hat sich immer in der Rolle gesonnt, anders als andere Nationen zu sein und nach dem Motto "Frankreich gegen den Rest der Welt" die Partner, bevorzugt Amerika, Deutschland und die Eurokraten, kräftig vors diplomatische Schienbein zu treten. Doch die ausgelöste Brandung von Beschimpfungen und - besonders schlimm für die stolzen Gallier - Hohn oder Verachtung treffen diesmal eine in ihren Abwehrkräften geschwächte Nation.
Die Wiedervereinigung Deutschlands hat Frankreichs politische Bedeutung reduziert. Und auch in Europa spielt Paris längst nicht mehr die erste diplomatische Geige. Wenn Pariser Minister in Brüssel grollten, rotierte früher das Diplomatenkarussell. Heute scheren Pariser Launen die EU-Freunde nur wenig. Chiracs jüngste Andeutung, die nationale Atommacht könne europäisiert werden, stieß auf höfliches Desinteresse.
Frankreich ist verunsichert, lebt in Zukunftsangst und ist deshalb dünnhäutiger geworden. Die islamistische Bedrohung ist allgegenwärtig. Terroranschläge haben seit dem 25. Juli sieben Tote und über hundert Verletzte gefordert; bei Attentatsversuchen an einer Strecke des superschnellen Zugs TGV und auf Pariser Wochenmärkten verhinderten nur technische Defekte an den Zündern Massaker. In Lyon entgingen letzten Donnerstag Kinder einer jüdischen Schule nur knapp einer Katastrophe, mehr als ein Dutzend wurden durch eine Autobombe verletzt.
Überall im Land werden jetzt, damit keine Bomben deponiert werden können, Abfallkörbe zugeschraubt, und selbst vor Kindergärten patrouilliert heute Bereitschaftspolizei. Das erzeugt Krisenstimmung. Die Obrigkeit hat bisher keinen einzigen islamischen Terroristen überführen können, Innenminister Jean-Louis Debre suggeriert da vergebens Ruhe.
Zu den Terrorängsten gesellen sich materielle Sorgen. Die groß angekündigten Reformen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit greifen nicht. Selbst beste Diplome sichern jungen Franzosen keinen Job mehr. Und die Erhöhung der Mehrwertsteuer hat das Leben verteuert.
Immer mehr Kommentatoren vergleichen den bei seinem Amtsantritt mit Vorschußlorbeeren überhäuften Premier Alain Juppe mit dessen Vorgänger Edouard Balladur, der sich vor jeder harten Entscheidung drückte. Auch diese Ernennung wird dem Präsidenten negativ angerechnet. Sein Abstieg ist mit Zahlen zu belegen: Seit Einzug in den Palast ist Chirac von 59 auf 39 Popularitätspunkte abgesackt.
Statt mit dem alten Hochmut reagieren die Franzosen auf verbale Aggressionen aus dem Ausland bedrückt. Mit Anflügen von Masochismus - früher hätten sie gehöhnt - drucken das Eliteblatt Le Monde ("Von Mururoa nach Canossa") ebenso wie das Volksblatt Le Parisien in aller Länge Demütigungen des Auslands nach; selbst der diplomatische Bruch des mikronesischen Inselchens Nauru mit Paris fand Erwähnung.
Am weitesten trieb es Liberation. Das Linksblatt zeigte auf seiner Titelseite ein grausliches Computerbild des Staatschefs: die eine Gesichtshälfte lächelnd, die andere wie unter radioaktiver Strahlung zerschmolzen. Bildtext: "Mururoa son amour". Nicht aus dem Ausland, aus Frankreich stammt der neue üble Spitzname für den Staatschef, "Hiro-Chirac", der jetzt bei Test-Protesten rund um den Globus auf Transparenten auftaucht. Und das Staatsfernsehen France 2 zeigte japanische Demonstranten mit einem Chirac-Konterfei: "Hitler des Pazifiks".
In Panik gerät allmählich Frankreichs Wirtschaft: Industrie und Handel rechnen damit, daß sich mit Fortsetzung der Nuklearböllerei der internationale Boykott von Käse, Champagner und französischer Technik von Südkorea bis Skandinavien noch verschärfen wird und Frankreich damit Tausende Arbeitsplätze verlieren könnte. 50 Prozent der Dänen und 25 Prozent der Deutschen haben erklärt, sie wollten auf Produkte "made in France" verzichten. Daß die Boykotte Frankreich zu schmerzen beginnen, bestätigte der Premier indirekt: Er will gegen Sperr-Staaten mit den "Regeln des internationalen Handels" zurückschlagen.
Nur noch die Gaullistenpartei RPR steht in atomarer Treue fest zu Chirac. Es gehöre zur "Größe eines Staatsmannes", tönte der Premier in einem Radio-Interview, eine "vorübergehende Unpopularität" hinzunehmen, um "langfristig die wesentlichen Interessen des Landes" zu sichern. Verteidigungsminister Charles Millon will in Eilkursen geschulte rechte atomfreudige Abgeordnete in alle Welt ausschwärmen lassen, um "Hysteriker" über den Wert der Tests für den Weltfrieden und die ökologische Unbedenklichkeit der Atomexplosionen aufzuklären.
Kleine Pannen fechten die atomaren Hardliner nicht an. So hat der weltberühmte Ozeanologe Jacques-Yves Cousteau, 85, vom Verteidigungsministerium zunächst als Kronzeuge für ein unverstrahltes Mururoa zitiert, inzwischen den Staatschef in einem dramatischen Appell aufgefordert, auf die Versuche zu verzichten: "Stoppen Sie, stoppen Sie sofort. Man schützt ein Land nicht durch Explosionen."
Zehn Stunden vor dem Experiment hatte Chirac ein letztes Mal versucht, über ein TV-Interview die Anti-Test-Stimmung daheim und in der Welt zu mildern. Wenn seine Forscher sicher seien, daß sie bereits vor dem achten Versuch alle für eine Simulierung der Explosionen nötigen Informationen gesammelt hätten, "werde ich selbstverständlich die Sprengungen beenden". Die Serie, so Beschwichtiger Chirac weiter, werde vor dem ursprünglich bestimmten 31. Mai beendet sein; danach werde es "keine kleinen, keine großen, sondern überhaupt keine Versuche mehr" geben.
Doch niemand hörte mehr hin, die Welt starrte wie hypnotisiert auf Mururoa. 21 handverlesene Journalisten - darunter nur 4 Nicht-Franzosen - notierten, wie nach erfolgter Untergrundzündung die Militärs "glücklich lächelten" und der Sicherheitsbeauftragte, Admiral Philippe Euverte, gar "jubilierte". Der Mann an den roten Knöpfen, der Direktor der "Centres d'experimentations nucleaires" Paul Vericel, strahlte: Die Explosion sei unter den "besten Bedingungen" verlaufen.
Im fernen Paris konstatierte Liberation indes, daß der Test doch "ein Hauptopfer" gefordert habe: Jacques Chirac.

DER SPIEGEL 37/1995
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