11.09.1995

„Heile Welt vorgespielt“

SPIEGEL: Bei den Weltmeisterschaften in Göteborg mußten Sie mit dem neunten Platz im Weitsprung eine Ihrer schlimmsten Niederlagen einstecken. Bei den anschließenden Sportfesten sind Sie dagegen wieder über sieben Meter gesprungen. Wie ist der Aussetzer im entscheidenden Moment zu erklären?
Drechsler: Niederlagen haben auch etwas Gutes. Göteborg hat mir geholfen, über einige Dinge nachzudenken und mein Leben zu analysieren.
SPIEGEL: Mit welcher Erkenntnis?
Drechsler: Ich hatte meinen Kopf nicht frei, war nervlich nicht richtig bei der Sache. Als Sportler muß man Dinge, die einen bewegen, vor dem Wettkampf klären, sonst sollte man gar nicht erst antreten.
SPIEGEL: Was hat Sie denn so sehr beschäftigt?
Drechsler: Nach der Trennung von meinem Ehemann muß ich mein ganzes Privatleben neu ordnen. Außerdem habe ich mich frisch verliebt.
SPIEGEL: Seit wann schadet Liebe der sportlichen Leistung?
Drechsler: Früher habe ich den Sport als Beruf empfunden, ich _(Das Gespräch führten die Redakteure ) _(Udo Ludwig und Alfred Weinzierl. )
war wahnsinnig pflichtbewußt. Nichts konnte mich ablenken. Mein neuer Freund ist auch Leichtathlet, Zehnkämpfer. Aber er ist total anders. Er hat mir gezeigt, daß man Leichtathletik und andere Lebensziele durchaus kombinieren kann.
SPIEGEL: Wenn die Lust nachläßt, alles dem Sport unterzuordnen, ist das Karriereende oft nicht mehr fern.
Drechsler: Im Gegenteil. Ich will jetzt nur viele Dinge selbst in die Hand nehmen und nicht länger ein Leben aufgepfropft bekommen. Ich werde selbst über meinen Körper bestimmen, und ich werde den Mut aufbringen, auch mal einen Wettkampf abzusagen - auch wenn mein Trainer oder mein Wettkampfmanager etwas dagegen haben.
SPIEGEL: Man hat Sie in der Vergangenheit mitunter zum Start gezwungen?
Drechsler: Sagen wir es so: Ich habe mich in meinem blöden Drang zur Pflichterfüllung selbst gezwungen. Ich bin angetreten, obwohl ich keinen Spaß an der Sache hatte, sogar bei Verletzungen. Ich habe nie nein sagen können.
SPIEGEL: Vielleicht war Ihre Vielstarterei nur eine Flucht vor einem ansonsten ereignisarmen Alltag?
Drechsler: Weil ich ständig unterwegs war, habe ich mein Leben nie als langweilig empfunden. Doch jetzt bin ich aufgewacht und werde auch das genießen, was es außerhalb des Sports gibt. Früher kam es mir nicht in den Sinn, etwa in eine Gemäldeausstellung zu gehen. Ich erkenne plötzlich die sinnliche Herrlichkeit alter Kirchenbauten. Früher bin ich einfach daran vorbeigegangen, vielleicht weil ich Genossin war.
SPIEGEL: Und jetzt kommt mit Alain Blondel ein neuer Mann in Ihr Leben und vermittelt Ihnen französische Lebensart?
Drechsler: Es hätte natürlich auch ein Deutscher sein können, der mir beim Umdenken hilft. Möglicherweise weckt Alain aber auch meine innersten Wünsche. Ich hatte schon immer den Wunsch, ins Ausland zu gehen. Vielleicht ergibt sich ja irgendwann die Gelegenheit, für einige Zeit wegzugehen.
SPIEGEL: Ein Boulevardblatt befürchtete bereits, Sie wollten auswandern.
Drechsler: Das ist völliger Quatsch. Bis zum Ende meiner Karriere bleibe ich und starte auf jeden Fall für Deutschland. Ich liebe das Land und habe hier auch meinen beruflichen Mittelpunkt.
SPIEGEL: Warum hat es fünf Jahre und eine gescheiterte Ehe gebraucht, um diesen Reifeprozeß in Gang zu setzen?
Drechsler: Ich hatte an die DDR geglaubt. Und plötzlich war vieles von dem, was ich tat und was vorher gut war, mit der Wende plötzlich schlecht. Man kann nicht in ein anderes System hineingeworfen werden und auf Knopfdruck so denken wie die, die dort groß geworden sind. Ich habe mich abgeschottet, mich anfangs wohl nur unbewußt gegen große Veränderungen gewehrt, weil ich Angst hatte, Fehler zu machen.
SPIEGEL: Vor welchen Fehlern hatten Sie Angst?
Drechsler: Doping, Stasi, der DDR-Sport - das ganze alte System wurde doch an meiner Person festgemacht. Da ist einfach zuviel auf mich eingedrungen. Meist kamen die Vorhaltungen auch noch unmittelbar vor sportlichen Höhepunkten. Da bin ich schließlich nur noch geduckt rumgelaufen.
SPIEGEL: Wie konnten Sie unter solchen Umständen 1992 Olympiasiegerin werden?
Drechsler: Ich habe mich, um nicht kaputtzugehen, in meine Familie verkrochen, was für mich nur natürlich war. Ich hatte mit 14 Jahren meinen späteren Mann Andreas kennengelernt, seine Eltern wurden für mich eine Art Ersatzeltern. Ich bin bei den Drechslers ein- und ausgegangen. Die Schwiegermutter hat mir beim Studium geholfen und später mein Baby für mich betreut, wenn ich unterwegs war. Dann wurde mein Schwiegervater auch mein Trainer.
SPIEGEL: Sie haben das System DDR durch das System Drechsler ersetzt - eine Trutzburg gegen die Unbill der Wende?
Drechsler: Im nachhinein betrachtet, haben sie mir wohl etwas zuviel abgenommen. Meine Selbständigkeit ging verloren. _(* Am 9. Juni 1984 mit den ) _(Politfunktionären Erich Mielke, Horst ) _(Sindermann, Eberhard Aurich, Egon Krenz, ) _(Manfred Ewald (in der ersten Reihe). )
SPIEGEL: Erschwert diese familiäre Enge nun den Abkopplungsprozeß?
Drechsler: Ich hatte mir zu Hause oft eine heile Welt vorgespielt. Nun ist es schwierig für mich, mein eigenes Leben in den Griff zu bekommen. Ich hatte ja schon verlernt, wie man Geld von einer Bank abholt. Doch ich bin jetzt selbstbewußter geworden, formuliere eigene Ziele auch im sportlichen Bereich. Das ist für Erich Drechsler natürlich auch eine neue Situation. Aber wir haben uns zusammengerauft. Er wird also mein Trainer bleiben, denn wie heißt es so schön: "Never change a winning team."
SPIEGEL: Die Situation ist durchaus delikat, wenn Drechsler nun seine Schwiegertochter trainiert, die sich gerade von seinem Sohn löst. Wie funktioniert das im Alltag?
Drechsler: Das ist natürlich nicht einfach für alle. Anfangs gab es schon Spannungen und Reibereien zwischen Erich und mir. Es gab besonders Probleme, weil ich bei Entscheidungen mitreden wollte. Vorher hat er ja die Dinge allein für mich entschieden.
SPIEGEL: Ihr größtes Problem nach der Wende, haben Sie einmal zugegeben, seien die Medien gewesen. Warum?
Drechsler: Da kamen zwei Dinge zusammen: Einerseits war ich den Umgang mit den Medien nicht gewohnt, andererseits kannten die Medien mich nicht. Dadurch sind Mißverständnisse entstanden, die in falschen negativen Darstellungen über mich endeten. Das hat mich oft verletzt. Mir wurde immer wieder aufs Butterbrot geschmiert, wo ich herkomme. Das hat mich schon enttäuscht. Eine Heike Henkel war immer die Saubere, ich die Böse.
SPIEGEL: Sie glauben, daß Sie als Frau aus dem Osten diskriminiert worden sind?
Drechsler: Ich will keinen Ost-West-Konflikt schüren. Aber ich habe schon den Eindruck, daß ich mehr um Anerkennung kämpfen muß als meine Westkollegen. Ein Beispiel: 1992 wurde ich Olympiasiegerin, doch alle Welt hat nur über diese Dopinggeschichten geschrieben. Ich glaube, daß uns Ostathleten besonders der Dopingfall Katrin Krabbe geschadet hat - nach dem Motto: Siehst du, die Ostsportler können es doch nicht lassen. Ich habe den Eindruck, daß die Journalisten, anders als die Leute auf der Tribüne, immer noch nach Ost und West trennen.
SPIEGEL: Die Popularität des Fußballprofis Matthias Sammer, der aus Dresden kommt und bundesweit als Vorbild gilt, spricht gegen Ihre These.
Drechsler: Der ist ja auch aus Dresden weggegangen und spielt jetzt in Dortmund. Vielleicht wäre es für mein Image auch besser gewesen, wenn ich mich einem Westklub angeschlossen hätte. Ich sehe das jetzt beim Diskuswerfer Lars Riedel. Als der noch für Mainz gestartet ist, wurde wohlwollend über ihn berichtet. Jetzt wirft er für Chemnitz und kriegt sofort eine schlechtere Presse.
SPIEGEL: Sie können keine positiven Schlagzeilen erwarten, wenn Sie wie nach der Weitsprungpleite in Göteborg die Pressekonferenz schwänzen.
Drechsler: Klar, das war ein riesengroßer Fehler. Ich hatte die Chance, meine Leistung in einer Pressekonferenz zu erklären. Die nicht zu nutzen, war unprofessionell.
SPIEGEL: Die späte Reue klingt, als habe Ihr Manager Michael Mronz jetzt zur Imagekorrektur geraten.
Drechsler: Er hat mir geholfen, offen und ohne Angst über persönliche Dinge zu reden. Wir arbeiten jetzt seit zwei Jahren zusammen, da ist etwas gewachsen. Direkt nach der Wende hätte ich zu einem Manager aus dem Westen kein großes Vertrauen gehabt. Damals wußte ich im übrigen mit einem Manager noch gar nichts anzufangen, ich mußte doch im Duden nachschlagen, was ein Manager überhaupt ist.
SPIEGEL: Ein Manager hätte Ihnen zu mehr Offenheit raten können, als die Medien über Ihre Stasi-Akte berichteten.
Drechsler: In der DDR wurde alles beschönigt, und alles, was ich machte, wurde nur gelobt. Das Leben lief wie auf Schienen, immer in geordneten Bahnen. Als dann die Stasi-Vorwürfe kamen, war es mir unmöglich, plötzlich öffentlich über meine persönliche Situation zu reden.
SPIEGEL: Hatten Sie keine Sportkollegin, mit der Sie über Ihr Stasi-Problem reden konnten? _(* Inoffizieller Mitarbeiter des ) _(Ministeriums für Staatssicherheit. Unter ) _(IMV (IM-Vorlauf) wurden Informationen ) _(über eine Person gesammelt, die als IM ) _(angeworben werden sollte. )
Drechsler: Ich hatte keinen so engen Kontakt zu den anderen Sportlern. Außerdem habe ich mich sehr verunsichert gefühlt.
SPIEGEL: Warum das, Sie haben doch Ihre Berichte als "IMV Jump" stets als unbedeutend abgetan?
Drechsler: Was auch richtig ist. Ich habe nie jemandem geschadet. Und es geht klar aus den Unterlagen hervor, daß ich nie ein IM* war. Aber trotzdem hätte mir der Führungsoffizier, der ja ein Freund unserer Familie war, sagen müssen, daß er über mich eine Akte anlegt. Es war für mich ein Greuel, unsere Gespräche in der Akte zu lesen. Nach dem Studium der Unterlagen bin ich sehr vorsichtig geworden, welche Freundschaften ich noch eingehe.
SPIEGEL: Weil Ihnen der Weitsprung zu eintönig geworden ist, sind Sie in diesem Jahr zusätzlich im Siebenkampf angetreten. Jetzt wollen Sie wieder öfter sprinten oder sogar 800 Meter laufen. Haben Sie Motivationsprobleme und suchen deshalb scheinbar konzeptlos neue Ziele?
Drechsler: Mit Konzeptlosigkeit hat das nichts zu tun. Jeder sucht nach neuen Zielen. Zur Entscheidung, bei der WM im Siebenkampf anzutreten, stehe ich auch heute noch. Da aber der Zeitplan in Atlanta sehr ungünstig ist, werde ich mich voll auf den Weitsprung konzentrieren. Schließlich möchte ich noch einmal olympisches Gold gewinnen. Danach bin ich für alles offen. Ich glaube, den Mut zu haben, nach 1996 eine völlig andere Disziplin anzufangen.
SPIEGEL: Mit Blickrichtung auf die Olympischen Spiele 2000?
Drechsler: Erst eine Babypause und dann für 2000 noch mal angreifen - das würde mich schon reizen. Wir älteren Athleten werden noch gebraucht. Ohne uns wäre oft eine tote Stimmung im Stadion.
SPIEGEL: Frau Drechsler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Udo Ludwig und Alfred Weinzierl. * Am 9. Juni 1984 mit den Politfunktionären Erich Mielke, Horst Sindermann, Eberhard Aurich, Egon Krenz, Manfred Ewald (in der ersten Reihe). * Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Unter IMV (IM-Vorlauf) wurden Informationen über eine Person gesammelt, die als IM angeworben werden sollte.
Von Udo Ludwig und Alfred Weinzierl

DER SPIEGEL 37/1995
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