25.09.1995

Kriegsverbrechen„His name is Priebke“

San Carlos de Bariloche ist eine Stadt wie im Film - die Berge Patagoniens im Osten und dahinter unendlich die Pampa, im Westen schneebedeckte Andengipfel.
Hier ist Argentinien so richtig deutsch. Häuser wie in Oberammergau, wer eine komfortable Unterkunft wünscht, wohnt im Hotel "Edelweiss". Wildragout mit Preiselbeeren und Klößen gehört auf jede Speisekarte.
Schon in den zwanziger Jahren machten deutsche Emigranten Urlaub in Bariloche. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen dann Landsleute, die Deutschland unbedingt zu meiden hatten - weil sie als NS- oder Kriegsverbrecher auf der Fahndungsliste standen. Seitdem gilt Bariloche als "Stadt der vielen Geheimnisse" (Sunday Times).
SS-Mediziner Josef Mengele, in Auschwitz an der Selektionsrampe Herr über Leben und Tod, praktizierte hier als Badearzt. Hart am Stadtrand wohnte der Vergasungsspezialist Walther Rauff, und so mancher will auch Hitlers Kanzleichef Martin Bormann gesehen haben, der längst für tot erklärt war.
Die besten deutschen Würste, echt Hausmacher, gab es bei Don Erico. Wer über den Metzger mehr wissen wollte, wußte es auch. Erich Priebke, so heißt der Mann, stammt aus der Nähe von Berlin und war als SS-Hauptsturmführer ein getreuer Gefolgsmann des NS-Regimes - Personalnummer: 290305.
Priebke ist heute 82. Unbehelligt lebte er 47 Jahre lang in Deutsch-Bariloche, für Freunde und Nachbarn ein Ehrenmann - bis er im vergangenen Jahr enttarnt und unter Hausarrest gestellt wurde.
Jetzt soll Priebke der Prozeß wegen Mordes gemacht werden. Die Dortmunder Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, an einer schrecklichen Greueltat der Nationalsozialisten beteiligt gewesen zu sein - der Erschießung von 335 Geiseln in den Ardeatinischen Höhlen nahe Rom. Das jüngste Opfer war 14, das älteste 74.
Den meisten Italienern gilt der 24. März 1944 immer noch als schlimmstes Symbol deutscher Barbarei - zumal das "haarsträubendste Verbrechen" in Roms 2700jähriger Geschichte (US-Autor Robert Katz) auf geweihtem Boden stattfand: zwischen den Katakomben der heiligen Domitilla und des Calixtus, unweit jener Stelle, an der angeblich Jesus Christus dem Apostel Petrus ("Domine, quo vadis?") erschienen war.
Fast alle Akteure von damals sind tot. Im Bett gestorben, zermürbt nach langer Haft, hingerichtet. Einer aber hat überlebt.
Don Erico alias Priebke, behaupten die Dortmunder Staatsanwälte, sei "dringend verdächtig", zwei Geiseln vor 51 Jahren eigenhändig getötet zu haben - generell sei die Vergeltungsmaßnahme "grausam" gewesen und aus "niedrigen Beweggründen" erfolgt. "Der Verfolgte", heißt es im Haftbefehl, habe "sich durch Flucht nach Argentinien der Verfolgung entzogen".
Daß der SS-Scherge erst nach einem halben Jahrhundert aufgespürt werden konnte, gehört zu den vielen Fehlleistungen der deutschen Nachkriegsjustiz. Dem Nazi, Jahrgang 1913, wurden ausgerechnet Neonazis zum Verhängnis.
Nach den ausländerfeindlichen Attacken und Anschlägen von Rostock, Hoyerswerda und Mölln hatten 1993 der Amerikaner Rick Eaton, Rechercheur am Simon Wiesenthal Center in Los Angeles, und der Israeli Yaron Svoray beschlossen, sich in die deutsche Neonazi-Szene _(* Oben: nach dem Anschlag in der Via ) _(Rasella; unten: bei seiner Festnahme am ) _(11. Mai 1994 in Argentinien. )
einzuschleusen. Svoray, ein Ex-Fallschirmspringer der Armee, spielte einen rechtsradikalen australischen Reporter, Eaton einen abgedrehten Nazi-Millionär. Die beiden wollten gefährliche "mittelständische Rechtsradikale" entlarven, "Doktoren, Anwälte und Geschäftsleute" (Eaton). In Hessen stießen sie auf einen Amerikaner, der sich vielfältiger Kontakte rühmte.
Namen, die er nannte, kommen in allen Verfassungsschutzberichten vor. Nur einer nicht: Juan Mahler, Autor antisemitischer Hetzschriften mit Sitz in Bariloche. Mahler, so der Ami, heiße in Wirklichkeit Reinhardt Kops. Auf dem besetzten Balkan habe der Abwehroffizier "mit den Partisanen aufgeräumt".
Eaton steckte die Nachricht dem amerikanischen TV-Journalisten Sam Donaldson, der für seinen Sender ABC gerade an einem Film über Argentinien als Fluchtburg der Nazis arbeitete.
Donaldson lauerte Kops in Bariloche auf. Der leugnete erst, dann verplapperte er sich, schließlich wollte er von sich ablenken: "Hier gibt es noch viele Nazis - viele, sag'' ich Ihnen." Wenn Donaldson einen wirklichen Kriegsverbrecher suche, raunte Kops, solle er sich einen anderen Deutschen vorknöpfen: "His name is Priebke, Erich Priebke."
Priebkes Karriere ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Er kam nicht aus der akademisch vorgebildeten Intelligenz der SS und nicht aus einer brutalen Parteigarde - Priebke lernte nach der Schule brav sechs Jahre lang Hotelkaufmann, arbeitete im Berliner "Esplanade", in London und Rapallo.
1936, nach der Rückkehr in die Heimat, heuerte ihn die Polizei in Berlin wegen seiner guten Sprachkenntnisse als Dolmetscher und Übersetzer an. Priebke besuchte einen Kommissar-Lehrgang und leitete dann im Reichssicherheitshauptamt eine kleine Dienststelle.
Im zweiten Kriegsjahr, Anfang 1941, wurde Priebke an die Deutsche Botschaft in Rom versetzt. Sein unmittelbarer Vorgesetzter war der Polizeiattache Herbert Kappler, damals 34, Dienstgrad: SS-Obersturmbannführer.
Anfang September 1943 brach die Achse Berlin-Rom, Italien kapitulierte; alliierte Truppen waren im Süden gelandet. In der Kapitale des Abendlandes organisierte sich der Widerstand. "An allen Ecken Roms", meldete General Kurt Mälzer, der deutsche Stadtkommandant, "riecht es nach Dynamit."
Um 15.45 Uhr am 23. März 1944 erschütterten mehrere schwere Detonationen die Via Rasella mitten im Herzen von Rom. 32 Polizisten einer Südtiroler Polizeikompanie, die soeben vorbeimarschiert waren, brachen sterbend zusammen, auch Zivilisten wurden getötet. Die Opfer, schreibt Katz, "lagen stöhnend zwischen Armen und Beinen, die in vielen Fällen ihnen selbst gehörten".
Kommandant Mälzer, ein oft weinseliger Falstaff-Typ, erschien am Tatort und schrie: "Rache, Rache für meine armen Kameraden!"
In der fernen Wolfsschanze, seinem ostpreußischen Hauptquartier, bekam Hitler einen Tobsuchtsanfall: Er wollte, als erste Reaktion, das ganze Stadtviertel in die Luft jagen und über 1000 Italiener exekutieren lassen.
Zwischen Rom und der Wolfsschanze liefen die Telefondrähte heiß. Gegen 22 Uhr übermittelte Generaloberst Alfred Jodl die endgültige Order Hitlers: _____" Für jeden getöteten Soldaten sind zehn italienische " _____" Geiseln zu erschießen. Vollzugsmeldung bis 24. März. "
Die Durchführung der als "wirkungsvoll" eingeschätzten "Repressalie" übertrug das Militär der Polizei - also Kappler und seinem Kommando. Als ein weiterer Polizist starb, erhöhte er die Zahl der Geiseln auf 330.
Widerspruchslos, getrieben vom "Geist der blinden Disziplin" (ein Zeitzeuge), begann der Obersturmbannführer mit der Mordaktion. Die Opfer ließ er aus Gefängnissen holen; als sie nicht reichten, griff er wahllos nach Juden, die auf ihre Deportation nach Auschwitz warten mußten.
Kappler verteilte die Aufgaben. Mit der Strichliste, die beim Medizinstudenten Agnini begann und beim Leutnant Zironi endete, beauftragte er den damals 30jährigen Hauptsturmführer Priebke.
Dann hielt Kappler eine kurze Ansprache. Das Erschießungskommando, erklärte er, stehe "unter einem Sonderbefehl des Führers", niemand könne sich drücken. Er werde den ersten Schuß abgeben, um "allen ein Vorbild" zu sein. Es handele sich um eine "kriegsrechtlich einwandfreie Maßnahme".
Hier irrte Kappler. Nach der Haager Landkriegsordnung sei, so ein Kommentar, gerade die "Verhängung schwerer Übel als Kollektivstrafen" verboten.
Fast auf die Minute genau 24 Stunden nach dem Anschlag in der Via Rasella begannen die Erschießungen. Kapplers Männer trieben die Gefangenen, die keine Ahnung hatten von ihrem Schicksal, zu fünft in die von Fackeln nur schwach erleuchteten Höhlengänge.
Die Geiseln mußten niederknien. Hinter jede trat ein Polizist. Nur ein Schuß aus "möglichst kurzer Entfernung" sollte abgegeben werden, um Zeit und Munition zu sparen und um "eine unnötige Schießerei zu vermeiden" (Kappler).
Reihe um Reihe wurde niedergeknallt. "Es lebe Italien", schrien einige. Der 31jährige Domenico Ricci, katholischen Glaubens, trug einen Zettel in der Tasche: "Lieber Gott, wir beten zu Dir, daß Du die Juden vor den barbarischen Verfolgungen erretten mögest. 1 Vaterunser, 10 Ave Maria, 1 Gloria Patri."
Bald häuften sich die Toten derartig, daß die Höhlen zu klein wurden. Was dann geschah, rekonstruierte Katz in seinem Buch "Mord in Rom": _____" (Die Deutschen) zwangen ihre Opfer, auf den " _____" Leichenhaufen zu klettern. Dort knieten sie auf den " _____" Körpern ihrer toten Freunde, Väter, Kinder und Verwandten " _____" nieder . . . Selbst ihre Mörder mußten den Fleischhaufen " _____" erklimmen, um die richtige Schußposition zu erlangen. "
Ein SS-Mann wurde ohnmächtig. Einen zweiten überredete Kappler, weiterzumachen. Alle anderen, nach den Ermittlungen auch Priebke, erfüllten ihre Aufgabe. Die Liquidierungen gerieten zur Blutorgie - Katz: _____" Bis zu vier Kugeln wurden in die Schädel einzelner " _____" Opfer gefeuert. Manche Köpfe wurden . . . buchstäblich " _____" vom Hals gerissen. Gehirn spritzte an die Tunneldecke. "
Kappler wurde im Juli 1948 in Rom zu lebenslanger Haft verurteilt. Entscheidend für den Schuldspruch war die Tatsache, daß er nach Hitlers Order nicht "legitimiert" gewesen sei, zehn weitere Geiseln töten zu lassen.
Seine fünf Mitangeklagten wurden freigesprochen - weil sie auf Befehl gehandelt hätten. Einer saß nicht auf der Anklagebank: Erich Priebke.
Obschon ein italienischer Haftbefehl vorlag, will er während des Prozesses unbeachtet im Südtiroler Sterzing gewohnt haben. Erst im Oktober 1948 sei er nach Argentinien ausgewandert. Etliche Male, berichtet Priebke, habe er Deutschland _(* Auf dem Weg zum Gericht in Rom. )
besucht und auch "liebgewordene Stätten" in Italien. Mit deutschem Paß und unter richtigem Namen.
Mag sein. Zumindest in Deutschland spielte sein Name auch lange keine Rolle. Die Dortmunder "Zentralstelle für die Bearbeitung nationalsozialistischer Massenverbrechen" hatte zwar 1963 gegen eine Vielzahl alter SS-Leute wegen der Judendeportationen aus Italien ein umfangreiches Ermittlungsverfahren eingeleitet, es aber 1971 eingestellt - "mangels hinreichendem Tatverdacht".
Der Staatsanwalt streifte auch die Bluttat in den Ardeatinischen Höhlen. Die Geiselliquidierungen, entschied er nach Akten- und Rechtslage, seien allenfalls Beihilfe zum Totschlag gewesen und verjährt. Dokumente in italienischer Sprache, darunter das Kappler-Urteil vom 20. Juli 1948, gab er unübersetzt und ungelesen in die Ablage.
Ende April 1994 outete sich Priebke vor laufender Kamera. Ja, er sei in Rom dabeigewesen, die Getöteten, sagte er zu ABC-Reporter Donaldson, seien "fast alles Terroristen" gewesen. Er habe "kein Verbrechen" begangen: "Wir taten, was uns befohlen wurde."
Donaldsons Beitrag entfachte in Amerika einen Riesenwirbel. "Um dem eventuellen Vorwurf eines deutschen Desinteresses an der Verfolgung vorzubeugen", drängten die Botschafter in Buenos Aires und Washington auf "schnelle Reaktion der deutschen Justizbehörden".
Die Z-Stelle in Dortmund wurde wieder mit den Ermittlungen beauftragt. Am 20. Juni 1994 hielt der Staatsanwalt in einem Vermerk fest, "derzeit" gebe es "keine Veranlassung", Priebkes "Auslieferung zu betreiben".
Jetzt erst wurde nachgeholt, was vor drei Jahrzehnten versäumt worden war - die italienischen Akten zu übersetzen. Und jetzt erst dämmerte es den Juristen, daß die Umstände der Exekution und die widerlichen Abläufe die Mordmerkmale "grausam" und "niedriger Beweggrund" erfüllen könnten. Mord oder Beihilfe dazu verjährt nie.
Der Hammer Generalstaatsanwalt Rudolf Mosqua wies die NS-Strafverfolger an, einen Haftbefehl zu beantragen; am 9. Juni dieses Jahres gab das Amtsgericht Dortmund dem statt. Bonn formulierte einen Auslieferungsantrag.
Ein entsprechendes Gesuch der Italiener ist, vorerst, abgelehnt. Argentiniens Staatspräsident Carlos Menem deutete letzte Woche an, er wolle Priebke unverzüglich nach Deutschland schicken. Die Modalitäten der Überstellung stehen schon fest - zwei Dortmunder Kriminalbeamte holen ihn in Buenos Aires ab, weitere Sicherheitsmaßnahmen seien "nicht erforderlich".
Priebke, der Mann aus Bariloche, ist ein Greis. Georg Bönisch
"An allen Ecken Roms riecht es nach Dynamit"
* Oben: nach dem Anschlag in der Via Rasella; unten: bei seiner Festnahme am 11. Mai 1994 in Argentinien. * Auf dem Weg zum Gericht in Rom.
Von Georg Bönisch

DER SPIEGEL 39/1995
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