18.09.1995

AuktionenSchieflage mit Charme

Mißmanagement hat den Markgrafen von Baden hoch verschuldet. Sotheby's hilft bei der Sanierung.
Es sei schon sehr schade, daß nun alles weggehe, sagt der junge Mann, der den ganzen kostbaren Hausrat eines Tages hätte übernehmen können - die alten Möbel, das schöne Porzellan, die Bilder. Er sei schließlich damit aufgewachsen.
Aber Prinz Bernhard, 25, wäre kein Prinz, wüßte er nicht auch dann, wenn das Familiensilber verkauft wird, die Contenance zu wahren. "Wir haben", sagt der älteste männliche Nachkomme des Markgrafen Max von Baden, "ja schließlich auch eine unternehmerische Verantwortung und Pflichten gegenüber unseren Beschäftigten."
Allzu nachsichtig hat Vater Max, 62, wohl die Verantwortung für das markgräfliche Vermögen einem Management überlassen, das damit nur unvollkommen umzugehen verstand. Ein neuer Mann, der schließlich eingestellt wurde, entdeckte sehr schnell, daß der Markgraf mehr Schulden hatte, als er verkraften konnte - rund 264 Millionen Mark. Um sie loszuwerden, trennt er sich nun von Teilen des in 800 Jahren angesammelten Vermögens.
Das Haus befinde sich in einer "finanziellen Schieflage", teilte Seine Königliche Hoheit Max von Baden bereits im Januar schnöde mit. Zur notwendigen Sanierung müssen auch die Kunstgegenstände beitragen, die im Neuen Schloß zusammengetragen wurden.
Trotz der peinlichen Millionenschulden sind der Markgraf und seine Familie keineswegs zum verarmten Adel zu rechnen. Mit einem Minus auf dem Konto läßt sich immer noch ganz gut leben, wenn reichlich Vermögen da ist.
Mehr als 6000 Hektar Wald und Äcker nennen die Markgrafen ihr eigen, dazu kommen noch einmal 125 Hektar Weinberge. Sie besitzen Kiesgruben, sind an Industriefirmen beteiligt, und von den 15 Schlössern, die sie sich im Laufe der Jahrhunderte errichten ließen, sind ihnen immerhin noch 4 geblieben, darunter das Neue Schloß in Baden-Baden.
Nein, sagt der junge Prinz und lächelt milde, von einer Pleite könne man hier wirklich nicht sprechen. "Aber es ist ja bekannt, daß nicht jedes Grundstück und nicht jede Industriebeteiligung etwas einbringt." Der Erbprinz hat in der Schweiz Betriebswirtschaft studiert - er weiß das.
Schon seit Jahren hatten sich in der Markgräflichen Badischen Hauptverwaltung die Schulden angehäuft. Als der neue Generalbevollmächtigte Sonnfried Weber nach seinem Antritt in den Diensten des Fürsten genauer hinsah, addierte er die Verbindlichkeiten auf die 264 Millionen Mark.
War es Mißmanagement? Zum Teil mit Sicherheit. Webers Vorgänger hatte es offensichtlich nicht geschafft, rechtzeitig ungünstige Beteiligungen abzustoßen. Hinzu kam, daß eine markgräfliche Maschinenfabrik voll von der schlechten Konjunktur erwischt wurde und mit Forstwirtschaft oder Ackerbau auch wenig zu verdienen war.
Weber zögerte nicht lange mit dem ersten Zug seines Sanierungsplans. Er stieß die defizitäre Maschinenfabrik für einen symbolischen Preis ab und brachte durch Verkauf anderer Teile des markgräflichen Besitzes Geld auf die Konten. Eine Firma, die Kunststoffgranulate herstellt und damit als eines der wenigen Unternehmen Gewinne machte, ging für fast 100 Millionen Mark an amerikanische Interessenten; Schloß Kirchberg am Bodensee, Jachthafen inklusive, brachte gut 30 Millionen.
Gleichzeitig tat Weber etwas, das der Markgraf bislang, wahrscheinlich aus fürstlicher Verantwortung fürs Personal, vermieden hatte: Er feuerte Leute. Von 1500 Beschäftigten der markgräflichen Besitzungen verloren 1000 ihren Job, eine eigene Forstverwaltung gibt es seitdem nicht mehr.
Andere Mitarbeiter bekamen eine neue Chance. Weber organisierte die verbliebenen Aktivitäten um: Restaurants, Weinstuben und Cafeterias werden nicht mehr von der Hauptverwaltung in Salem betrieben, sondern von ehemaligen Mitarbeitern in eigener Regie geführt.
Im Weinbau sowie in der Forstwirtschaft versucht Weber ähnliches, um die Personalkosten weiter zu verringern. Frühere Angestellte sind so schon mal zu Schloßherren geworden: Sie haben Schloß Staufenberg samt Weingut übernommen.
Einen Teil seiner Schulden ist Max von Baden mit Webers Hilfe bereits losgeworden, aber bei weitem nicht alle. So muß er sich jetzt vom Inventar der Schlösser trennen, das kunstsinnige Altvordere erworben hatten. Die öffentliche Versteigerung, vom 5. bis zum 21. Oktober, hat das Auktionshaus Sotheby's übernommen.
Ein Versuch des Markgrafen, dem Land Baden-Württemberg den gesamten Inhalt des Neuen Schlosses für 80 Millionen Mark zu überlassen, scheiterte am Geldmangel in Stuttgart und an politischen Differenzen. Die Koalition war sich nicht einig: Die Christdemokraten des Ministerpräsidenten Erwin Teufel wollten kaufen und den Schatz für das Land retten; Wirtschaftsminister Dieter Spöri (SPD) wollte dagegen erst einmal genau wissen, was denn alles zum "Fürstennippes" (Spöri) gehörte.
Nach monatelangem Hin und Her sicherte sich das Land Optionen auf einige wichtige Stücke und kaufte in Einzelaktionen für 42 Millionen Mark Bücher, Gemälde, Möbel und Gobelins.
"Das Land hat eine Chance vertan", sagt Christoph Graf Douglas, Deutschland-Chef des Hauses Sotheby's. "Es hätte mit den alten Möbeln aus dem Neuen Schloß alle seine Schlösser ausrüsten können." Überdies werde die wertvolle Kunstkammer, eine einmalige Sammlung von Objekten des Kunsthandwerks aus Silber, Gold, Elfenbein und Bronze, nun durch den Verkauf aufgelöst.
Nachdem das Land keine 80 Millionen für die markgräflichen Kostbarkeiten opfern wollte, hat Max von Baden einen Teil des Angebots wieder zurückgenommen. Alles andere wird versteigert: Möbel und Tapisserien, Kunsthandwerk und Porzellan, Gemälde und Waffen.
Es sei Sotheby's eine Ehre, sagt Graf Douglas, der selbst auch als Auktionator auftreten wird, die Sammlung des Markgrafen anzubieten. Sie sei, "was Qualität und Charme betrifft, in jeder Beziehung außergewöhnlich".
Gleichzeitig ist es ein dicker Brocken selbst für Sotheby's. Nach der Auktion im Hause Thurn und Taxis, bei der Fürstin Gloria für gut 31 Millionen Mark Hausrat verkaufte, wird nun ein ähnlicher Erfolg in Baden-Baden erwartet. Die Auktion soll mindestens 30 Millionen bringen.
Graf Douglas, mit dem Markgrafen verwandt, will jedenfalls die Sippe nicht enttäuschen. Sotheby's hat bereits reichlich Zeit und Geld in das kühne Unterfangen investiert. Monatelang haben Experten rund 24 000 Objekte gesichtet, nach Inventarverzeichnissen geordnet und bewertet. Ein sechs Kilo schwerer Katalog, üppig ausgestattet und für 80 Mark (bei Versand 100 Mark) zu haben, hilft Interessenten, sich im badischen Angebot zurechtzufinden und dient als Eintrittskarte zur Auktion.
Die sechs Millionen, die Sotheby's bereits in den Auftrag gesteckt hat, wird der Auktionator sicher schnell hereingeholt haben. Vom Käufer erhält er jedesmal 20 Prozent des Zuschlagpreises; der Verkäufer zahlt ihm ebenfalls noch etwas. Und an den Objekten, die der Staat erworben hat, sagt Graf Douglas, habe er schließlich auch verdient.
Am letzten Tag der Auktion soll das Neue Schloß dann leer sein. Mit etwas Glück wird es auch verkauft werden; die Familie wohnt ohnehin in Salem.
Ob der Erlös aller Verkäufe, zusammen mit der Neuorganisation der markgräflichen Betriebe, dann reichen wird, Max von Baden aus der finanziellen Schieflage zu helfen, will Sanierer Weber erst am Jahresende beurteilen. "Wir werden das schaffen", sagt Erbprinz Bernhard. "Und später kümmere ich mich dann ums Geschäft." Y

DER SPIEGEL 38/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 38/1995
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Auktionen:
Schieflage mit Charme

  • Europawahl in Großbritannien: Die Stunde des Mr Brexit
  • Konzept für Nothilfe: Siedlung aus dem 3D-Drucker
  • Skandal in der J-League: Schiedsrichter übersieht Tor
  • Virales Mountainbike-Video: Ausritt mit "Onkel Danny"