18.09.1995

Kino„Ich rieche Menschenfleisch“

In Frankreich ist in der Zeit kurz vor dem letzten großen Krieg ein junger Deutscher zu eigenartigem Schlagzeilen-Ruhm aufgestiegen: Eugen Weidmann, blond und schön und vielfacher Mörder. Nicht nur Frauen schwärmten für ihn und machten den Toten zur Kultfigur. Der Schriftsteller Jean Genet hatte jahrzehntelang in seinen oft wechselnden Behausungen als einzige Ikone ein Weidmann-Foto an die Wand gepinnt.
Auch der Schriftsteller Michel Tournier erwies der blonden Bestie seine Reverenz: Er schildert in seinem Roman "Der Erlkönig" die Enthauptung Weidmanns 1939 (die letzte, die in Frankreich öffentlich vollstreckt wurde) als Massenspektakel, dem letzten Auftritt eines Popstars ähnlich, und macht daraus für seinen Romanhelden Abel Tiffauges, der unter den Zuschauern ist, ein Erweckungserlebnis.
Tiffauges, am selben Tag wie Weidmann geboren, entdeckt, daß er dem Deutschen auch wie ein Zwillingsbruder gleicht - was (mit aller Ironie, die zu Literatur gehört) als Berufung zum deutschen Wesen zu verstehen sein darf. Ein Enthusiast des Germanischen wird später den seltsamen Familiennamen Tiffauges in "Tiefauge" umdeuten, manchmal auch gehässig in "Triefauge".
Abel Tiffauges, Inhaber einer kleinen Autowerkstatt in Paris, gerät "auf den Tag genau ein Jahr nach Weidmanns Ermordung" als Frontsoldat in Kriegsgefangenschaft. Er wird nach Ostpreußen expediert und findet dort - berauscht von nordisch-nebliger, mythengeschwängerter Landschaft - die Erfüllung delikater Lebensträume, erst als Jagdhelfer im Gefolge des dicken Reichsmarschalls Göring, dann in der Leitung einer der "Napola" genannten Elite-Erziehungsanstalten der Nazis. Da wird die Schönheit von Pferdeärschen gepriesen, und der Anblick von 400 nackt duschenden Pimpfen mit pädophiler Verzückung gefeiert.
Michel Tourniers Roman "Le roi des aulnes" ("Der Erlkönig") erschien in Frankreich 25 Jahre nach Kriegsende und bekam von der Jury einstimmig (was sonst noch nie vorkam) den bedeutendsten Literaturpreis des Landes zugesprochen, den Prix Goncourt - mancher Kritik zum Trotz, die da fand, Tournier selber erliege ein wenig zu schönheitstrunken dem Faszinosum faschistischen Pomps.
Nun ist, nach wieder 25 Jahren, die Auferstehung des Abel Tiffauges in Gang: "Der Erlkönig" wird unter dem Titel "The Ogre" ("Der Unhold") verfilmt. Volker Schlöndorff bekennt sich dazu, daß ihn dieses Abenteuer eines französischen Simplizissimus in Nazi-Deutschland ganz sinnlich verführt habe, zudem aber ist er natürlich der Überzeugung, es stecke darin nicht nur Schau-, sondern auch Erkenntniswert.
So kam es, daß in diesem Sommer, im Juli, all die deutschen Nostalgietouristen in ihren klimatisierten Bussen, auf deren Programm neben der Wolfsschanze und dem Wallfahrtsort Heiligelinde ganz unbedingt die Marienburg südlich von Danzig steht, dieses imposanteste Bollwerk der Deutschordensritter gegen den Ostmenschen in überraschendem, doch irgendwie sinnigem Schmuck erlebten: beflaggt mit Hakenkreuzfahnen, verziert mit dem Reichsadler, geschmückt mit Feuerschalen.
Die Marienburg, wo einst der Reichsjugendführer Baldur von Schirach alljährlich den Führereid zelebrierte, diente Schlöndorff als Napola-Kulisse: Da ließ er seine 400 Pimpfe turnen, exerzieren, Horst Wessel besingen - und die Videokameras der Touristen surrten.
Nach diesem Auftakt, der in einer Sonnwendfeier seinen Höhepunkt fand, zog Schlöndorff mit seinem Trupp nach Paris, um die Geschichte von vorn zu beginnen, Ende der dreißiger Jahre, in der Autowerkstatt des jungen Abel. Den Drehort hatte Schlöndorff selbst bei einem Spaziergang im Osten der Stadt, gleich hinter der Bastille-Oper, in einem Seitensträßchen mit holprigem Kopfsteinpflaster entdeckt: eine ehemalige Autowerkstatt, die vielleicht seit einem halben Jahrhundert vor sich hindämmerte, unverändert samt Inventar, nur noch als Abstellhalle genutzt.
Nun steht, in der gewittrig heißen letzten Augustwoche, Schlöndorff als Regie-Stratege vor dieser Garage, die sich in die Höhle des "Unholds" Abel verwandelt hat. Oben in den engen Räumen über der Tordurchfahrt sind Abels Büro, seine Küche samt Dunkelkammer, sein Schlafkabuff. Da streitet er sich lustlos mit seiner Geliebten, die ihm Lustlosigkeit vorwirft: zu Recht.
Abels Passionen sind anderer Art. Er ist ein täppischer Riese mit dem Gemüt eines Kindes, er steht oft träumerisch an einem verschmierten Werkstattfenster und schaut den Schuljungen und den kleinen Mädchen in ihren blauen Kitteln mit weißen Kragen zu, wie sie vor der Schulhofmauer Ball spielen. Manchmal fotografiert er sie heimlich.
"Das ist eine Geschichte, die mir sehr nahegeht", sagt Schlöndorff. "Sonst wäre ich jetzt nicht hier. Sicher ist das mein riskantestes Projekt, in dem es alles an Verrücktheit geben kann, aber keinen Mittelweg. Manchmal, wenn ich in meinem Hotelzimmer zu früh aufwache, schießt mir durch den Kopf: Himmel, worauf hast du dich da eingelassen!"
Schlöndorff ist kein Regisseur, der am Drehort herumbrüllt. Die energische Unrast, die ihn treibt, hält er durch Freundlichkeit gezügelt; er sieht, nun 56jährig, mit seinem steilen Kahlkopf endlich nicht mehr älter aus, als er ist, beinahe schon jünger; er ist "wie befreit", wieder Regie zu führen (sein letzter Film "Homo Faber" liegt fünf Jahre zurück), und er scheint endlich eins mit dem, was er kann und liebt: das Kunsthandwerk der filmischen Nacherzählung von bedeutenden Werken der Literatur.
Als die Berliner Mauer gefallen und die DDR in sich kollabiert war, ist Volker Schlöndorff aus Amerika heimgekehrt in der geradezu närrischen Hoffnung, dabeizusein, wenn aus Deutschland etwas Neues würde. Er ließ sich von dem französischen Konzern CGE, der das Studio Babelsberg übernommen hatte, als Geschäftsführer dieses ehemaligen Ufa- und Defa-Filmbetriebs anheuern: Mit aufregend aktuellen Ost-West-Filmstoffen sollte Babelsberg zum Zentrum eines neuen Kino-Europas erblühen - daß aus all dem nicht das Erhoffte wurde (und nun auch nicht mehr wird), weiß er nur zu genau.
Er hatte in eine neue Zeit aufbrechen wollen und verliebte sich in ein altes Buch, in diesen "Erlkönig". Schlöndorff hat Erfahrung mit Neugier und Naivität bedeutender Schriftsteller im Umgang mit Kinoprojekten (Böll, Grass, Frisch), doch als er zum erstenmal bei Michel Tournier vorsprach, erlebte er eine Überraschung - der Autor erklärte schlicht: "Sie sind verrückt!"
Michel Tournier, ein zierlicher Herr von nunmehr 70 Jahren, genießt dank Gelehrsamkeit und unterhaltsamer Brillanz in seiner Heimat ein Maß an Respekt, das auch Narrenfreiheit einschließt: Man verzeiht ihm sogar seine romantische Neigung zu Deutschland. Mit Lust an Widerspruch und Selbstwiderspruch hat er Schlöndorff erklärt, daß es verrückt sei, einen Haufen Geld für den "Erlkönig" rauszuschmeißen (das Budget beträgt 26 Millionen Mark), aber auch, wie dieser Film, wenn schon, aussehen sollte: Er sollte eine Kino-Oper sein, von Anfang bis Ende gesungen, möglichst feierlich, grell und grotesk, am liebsten mit einer fetten Primadonna als Göring.
Natürlich hieß Tournier dann auch gut, wie sich Schlöndorff die Sache vorstellte, und ließ sich in der Garage hinter der Rue du Faubourg Saint Antoine von diesem furiosen Amerikaner beeindrucken, John Malkovich, der die französischdeutsche Schicksalsfigur Abel spielt. "Im Wahnsinn ist Malkovich ein fabelhafter Spießgeselle", sagt Schlöndorff, der seit zehn Jahren mit ihm befreundet ist. "Wenn ich einmal zu rasch zufrieden bin, stachelt er mich auf, mehr zu riskieren."
John Malkovich sitzt, da Filmarbeit immer zu einem großen Teil aus Herumsitzen besteht, irgendwo in der Garage in den Polstern eines Kabrios, die Füße aufs Armaturenbrett gelegt, und scheint interesselos vor sich hinzuträumen. Er gehört zu jenen Chamäleon-Schauspielern, die sich auf Abruf blitzartig in ihre Figur versetzen und auch aus dem Stand heraus in Wut zu explodieren vermögen; was ihn so wertvoll und besonders macht - als frivoler Verführer in "Gefährliche Liebschaften" oder als perfider Präsidenten-Killer in "In the Line of Fire" -, ist die animalische Sinnlichkeit, die in seinen bernsteingelben Augen glüht.
Malkovich, 41, ist ein Schauspieler, der nur von Fall zu Fall an Kino Interesse hat: "Ich bin ein Theatermensch." Für ihn ist das "Steppenwolf Theater" in Chicago seit fast 20 Jahren so sehr Arbeitsmittelpunkt, daß er es nur "mein Theater" nennt. An gut 50 Produktionen war er als Regisseur oder Schauspieler, oft zudem als Bühnen- oder Kostümbildner beteiligt. Zuletzt hat er dort vor einem Jahr ein Stück über den Kennedy-Mörder Oswald inszeniert, und wenn er nun in Abels Mechanikerkluft vor sich hinzusinnen scheint, ist er in Gedanken vielleicht bei einem britischen Barock-Dichter und Wüstling, dem Earl of Rochester, den er demnächst "in seinem Theater" darstellen wird. Mit geschätzten europäischen Filmemachern (zuletzt mit Oliveira, Antonioni, Wenders) arbeitet er, ohne lang nach der Gage zu fragen - "aber an Hollywood kann einen außer dem Geld nichts interessieren".
Schlöndorff ruft. Schlöndorff arrangiert auf der Straße vor Abels Werkstatt mit ein paar Oldtimern, Laufburschen mit Handkarren und Passanten, die durch ihre Baskenmützen als französische Kleinbürger ausgewiesen sind, einen Beinahe-Unfall: Eines der ballspielenden Mädchen ist vor ein Auto gerannt und hingefallen - nun muß Abel herbeistürzen und die Kleine, der nichts weiter passiert ist, auf seinen Armen hochheben.
Einzig auf diesen Augenblick kommt es an, einzig auf ihn sind Schlöndorffs Kamera und Malkovichs leise Verzückung konzentriert. Abel nämlich hat schon als Kind - bei Reiterkampfspielen in einem Internat, das nicht zufällig Saint Christophe hieß - entdeckt, welche Wonne es für ihn bedeutet, ein Kind auf den Schultern oder in den Armen zu tragen. Nun fühlt er sich wieder für einen Augenblick als Menschheitsretter Christophorus.
Später in Masuren wird er entdecken, daß sich diese Wonne noch steigern läßt, wenn er seinerseits dabei getragen wird, von einem Pferd: Dann meint er jenen Reiter durch Nacht und Wind zu verkörpern, der sein Kind im Arm vor dem mythischen Kinderräuber und -fresser, dem Erlkönig, zu retten sucht.
Anfang September hat Schlöndorff die Autowerkstatt hinter der Bastille in ihren Dornröschenschlaf zurücksinken lassen, und Malkovich ist - mit seiner Gefährtin und den beiden Kindern, ohne die er kaum auf Reisen geht - in die Toskana weitergezogen: Dort dreht Jane Campion nun endlich, nach langem Leiden und Zweifeln, mit ihm ihren neuen Film "Portrait of a Lady".
Ende Oktober treffen sich Schlöndorff und Malkovich in Ostpreußen wieder. Wenn die masurischen Wälder sich in Herbstfarben tauchen, ist es Zeit für Görings phantastische wilde Jagd, und wenn dann der erste Schnee gefallen ist, auf dem das Blut schön leuchtet, greift auch Abel in den Kampf ums großdeutsche Reich ein: Er reitet über die Dörfer und fängt Knaben, um die sich lichtenden Reihen in der Napola zu füllen. Sehr spät erst begreift er, daß er kein rettender Christophorus ist, sondern im Gegenteil der Räuber, der die Front mit Kanonenfutter beliefert, der Erlkönig selbst also, der Oger des Märchens, der da ruft: "Ich rieche Menschenfleisch!"
Am Ende sieht man ihn mit einem Judenjungen auf den Schultern, den er gerettet hat, in den nebligen, mythischen Mooren des Nordens entschwinden, unterwegs in den Untergang. Sein Name Tiffauges ist zwar bizarr, aber nicht ohne Bedeutung: So hieß das Stammschloß von Gilles de Rais, dem menschenfressenden Ritter Blaubart.
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 38/1995
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