25.09.1995

FilmMacho auf Entzug

„Die Brücken am Fluß“. Spielfilm von Clint Eastwood. USA 1995.
Amerikanische Helden sterben jung und schnell. Sie sterben an einer Kugel, an Drogen oder am Alkohol, in Autowracks oder bei rätselhaften Unfällen. Was sie nach ihrem frühen Tod hinterlassen, ist das Trugbild, daß sie nie gealtert wären. Sie wachsen zu Lichtgestalten von mythischem Ausmaß, weil sie nicht die Zeit haben, auf dieser Erde schwach und faltig, ratlos, blaß und verletzlich zu werden. Wenn sie sterben, liegt ihnen der selbstsichere Glaube der Jugend an ihre Allwissenheit auf ewig im Blick.
Was aber macht ein Held, der seine Jugendtage überdauert? Der langsam altert, anstatt schnell zu sterben, und darum Gelegenheit hat, an sich selbst zu zweifeln? Der die Angst kennenlernt, das Versagen? Und der vielleicht an diesen ganzen Heldenquatsch eines Tages gar nicht mehr glaubt?
Wenn er Clint Eastwood heißt, macht er genau aus diesen Erfahrungen Filme. In den letzten Jahren hat ausgerechnet das ehemalige Stoneface Eastwood, mit 65 Jahren jetzt im Rentenalter, die fatale Heldenverherrlichung in der amerikanischen Kultur auseinandergenommen wie kaum einer vor ihm.
Was einen Mann wirklich zum Mann macht: Das ist die Frage in Eastwoods Regiewerk (er hat mittlerweile 18 Filme gedreht), der er sich besessen wieder und wieder stellt. Dafür bejubelt ihn die europäische Kritik seit Jahren als "Auteur", und dafür hat ihn Hollywood mittlerweile mit diversen Auszeichnungen - und Kassenerfolgen - belohnt.
Eastwoods Antworten fallen immer komplizierter aus. Filme wie "Honkytonk Man", "Weißer Jäger - schwarzes Herz", "Perfect World" und vor allem die bittere Westernelegie "Erbarmungslos" handeln von Kerlen mit häßlichen Flecken auf der Seele, die immer versucht haben, Sieger über das zu bleiben, was sie für Schwäche hielten, und die in diesem Krieg gegen sich selbst als Versehrte endeten.
Lange hat es in Eastwoods Welt überhaupt nur Platz für Männer gegeben. Schon als Schauspieler war er stets ein Kerl für Kerle, wortkarg und testosterongeladen als Cowboy, Outlaw oder als Cop Dirty Harry. Seine Genres, der Western und der Polizeifilm, waren klassische Herrengenres, weiß, heterosexuell, gewalttätig, Reservate eines patriarchalischen Wunschdenkens.
Auch die Besessenheit, mit der er sich dann als Regisseur der Entzauberung dieser Genre-Riten annahm, zeugte davon, wie sehr er von ihren Vorstellungen geprägt war: Andernfalls hätte er sich nicht so heftig an ihnen gerieben. Noch im Gegenentwurf, in der Zertrümmerung der Ideale, blieb deren Reiz spürbar. Eastwood war lange ein Macho auf Entzug.
Darum ist sein neuer Film, eine auf den ersten Blick ebenso unauffällige wie unaufwendige Romanze, in Wahrheit die größte Herausforderung, der er sich je in seiner Karriere gestellt hat. "Die Brücken am Fluß" ist Eastwoods endgültiger Bruch mit dem Traum vom unverwundbaren Tough Guy.
Nach Robert James Wallers gleichnamiger literarischer Schmalzstulle, hundertfach verrissen und millionenfach verkauft, die in der vorigen Woche nach mehr als drei Jahren erst aus der US-Bestsellerliste kippte, hat Eastwood die kurze, aber erderschütternd heftige Liebesaffäre zwischen einer frustrierten Farmersfrau in Iowa und einem durchreisenden Fotografen verfilmt - zum Glück anhand eines Drehbuchs (Richard LaGravenese), das fast den gesamten New-Age-Schwulst des Romans gekappt hat.
Er selbst spielt diesen Fotografen Robert, der im staubigen Mittelwesten ausgerechnet alte, überdachte Holzbrücken ablichten soll. Als er zum erstenmal aus seinem Pickup-Truck steigt, um die Farmerin Francesca (Meryl Streep) nach dem Weg zu fragen, trägt er Hosenträger und Gürtel gleichzeitig: Dieser Robert ist kein Mann, der unbedachte Risiken eingeht. Auch im Laufe der nächsten vier Tage, die er zwischen Francescas Tisch und Bett verbringt, wird Robert nichts Gefährlicheres tun, als verliebt und entsprechend dämlich zu blicken, Gedichtzeilen zu zitieren und Karotten zu schälen.
Dirty Harry hätte sich vermutlich nicht einmal die Mühe gemacht, einen Typen wie Robert zu erschießen.
Trotzdem gibt er keine lächerliche Figur ab, denn Eastwood spielt ihn ohne jede Angst. Ohne Angst davor, unbeholfen und albern und schwach zu wirken. Es ist ein Schock, Clint Eastwood weinen zu sehen, und ein fast noch größerer, ihn beim Lachen zu ertappen. Der Schauspieler fordert Respekt für diesen entspannten, soften Mann und das Recht darauf, verletzlich zu sein. Mehr Selbstsicherheit und Würde hat er nie zuvor bewiesen. Der Film ist eine Reifeprüfung.
Bestanden hat Eastwood diese auch deshalb, weil er endlich über den Rand seiner engen Männerwelt hinausblickt. Endlich finden Frauen einen Platz in seiner Wahrnehmung. Und mehr als das: Mit "Die Brücken am Fluß" hat der Regisseur tatsächlich seinen ersten Frauenfilm gedreht.
Er zeigt die in Hollywood äußerst seltene Einsicht, daß eine Liebesgeschichte nicht einfach die geglückte Eroberung der Zitadelle Weib bedeutet. Die eitle Perspektive des Buchs, die vor allem dem Ego des Wallerschen Fotografen schmeichelte, hat er schlicht umgekehrt und seine eigene Rolle in der Verfilmung weit zurückgesetzt.
Deshalb hat er mit "Die Brücken am Fluß" einen der seltenen Filme über weibliches Begehren geschaffen. Es ist Francesca, die vom Fenster aus verstohlen und erregt den Fremden beobachtet, wie er halbnackt an der Wasserpumpe steht. Sie verführt ihn - und entdeckt sich selbst neu. Sie trifft die Entscheidungen, und er läßt es geschehen.
Die oft eher spröde Streep spielt die erotische Erweckung einer sinnlichen, reifen Frau. Sie spielt ihr Zögern, ihre Verlockung, ihre Lust und die Gewissensqual, in die sie diese unverhoffte große Liebe treibt. Sie spielt so selbstvergessen, als wisse sie genau, daß dieser Film ihr gehört. Es ist Francescas Geschichte. Und Eastwood hat die Größe, sie spielen zu lassen.
"Die Brücken am Fluß" ist ein altmodisches Kammerspiel, ein Film, der nicht mehr will, als eine einfache Geschichte von zwei Menschen zu erzählen.
Denn die Welt der Menschen, das hat Clint Eastwood irgendwann begriffen, ist viel aufregender als die Welt der Mythen. Wahre Helden sterben alt.
Susanne Weingarten
Von Susanne Weingarten

DER SPIEGEL 39/1995
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