25.09.1995

SchauspielerEin Mann, den sie Fisch nannten

Wenn hier irgendwo ein Filmstar wohnt, dann ist er momentan verhindert. Liegt noch im Bett, macht Champagnerflaschen auf oder küßt gerade ein Groupie wach. Wenn in dieser Suite wirklich ein Weltstar wohnt, dann vertritt ihn heute sein Manager.
Es ist ein ausgeschlafener und besonnener Mann, der den Besucher zum Salon begleitet, Anfang 40, leicht gebräunt und absolut seriös, obwohl er eher sportlich angezogen ist. Höflich bittet er um Fragen, denkt erst nach, bevor er eine Antwort gibt; kennt sich gut aus mit allen Filmen Kevin Costners; weiß die Zahlen, nennt die Fakten, läßt sich auf keine Widerrede ein. Nur eine Macke hat der Mann: Spricht er von Costner, sagt er "ich".
Manchmal rutscht ihm dieses Lächeln ins Gesicht, das Costner seinen Gegnern zeigte, bevor er den Revolver zog im Western "Silverado". Manchmal grinst er auf diese dreiste Art, die Costner bei den Frauen stets alle Überredungskunst ersparte.
Doch das muß wohl ein Versehen sein; denn sofort ziehen sich die Blicke wieder hinter die Deckung seiner Brille zurück, und die Arme verschränken sich vor der Brust. Und wenn, einen winzigen Moment lang, der gewisse Irrsinn spürbar war, diese unwiderstehliche Präsenz, mit der Männer wie Clint Eastwood und Robert De Niro ganze Menschenmengen in die Ecke drücken, dann hat sich das sofort verflüchtigt.
Dieser sogenannte Kevin Costner, der hier Werbung macht für seinen neuesten Film, hat mit dem Mann, den alle von der Leinwand kennen, nur ungefähre Ähnlichkeit. Er sieht aus wie ein Angestellter und so tut er seinen Job. Er verwaltet einen Mythos. Er managt das Lächeln, den Sex und was sonst noch zu seinem Image gehört. Er führt die Geschäfte für einen Star, der nur in der Imagination existiert.
Zur Zeit betreibt er Krisenmanagement; denn die Firma Costner muß mit bösen Verlusten rechnen. Der Film war viel zu teuer. Die Ehefrau hat die Scheidung eingereicht und will jetzt 80 Millionen Dollar, was schwer genug zu verkraften ist. Doch die schlimmsten Schäden drohen jenem Image, wonach der Filmstar Costner ein guter Mensch und der geborene Gewinner sei, der nette Junge von nebenan und zugleich der neue Gary Cooper. Das Image war immer sein größtes Kapital.
Er hat ziemlich viel davon angesammelt im Lauf seiner Karriere, die vor zwölf Jahren damit begann, daß sein Name bloß ein Kürzel war für einen der populärsten Witze Hollywoods: Kevin Costner, das war der kleine Streber, der zwei Monate lang geprobt hatte und fünf Wochen lang vor der Kamera stand - für eine Rolle, die schließlich auf dem Boden des Schneideraums endete. Der Film hieß "Der große Frust". Sein Regisseur Lawrence Kasdan merkte sich trotzdem Costners Namen.
Zwei Jahre später, 1985, drehte Kasdan "Silverado", wo Costner lächelte, bevor er schoß, und das Publikum war beeindruckt. Noch mal zwei Jahre später, in Roger Donaldsons "No Way Out", brauchte Costner nur zu grinsen, und die schöne Sean Young zog ihn auf den Rücksitz ihrer Limousine. Damals fingen die Kritiker zu rätseln an, ob dieser junge Bursche eher James Stewart gleiche oder Steve McQueen oder eben Gary Cooper. Daß er ein Großer sei, darüber gab es keine Zweifel.
Im Frühjahr 1991 gab er dem Publikum sein schönstes Lächeln. Er hatte alles riskiert und alles gewonnen. Er hatte einen Film mit einem rätselhaften Titel, einem wenig populären Thema und der kassenfeindlichen Länge von mehr als drei Stunden selber produziert, selber inszeniert und auch die Titelrolle gespielt. Und Hollywood belohnte ihn mit Oscars. Bester Film: "Der mit dem Wolf tanzt". Beste Regie: Kevin Costner.
Womöglich war das seine größte Stunde, bestimmt aber war es der Anfang aller Schwierigkeiten, mit denen er noch heute kämpft. Er war mit kleinen Filmen groß geworden. Er hatte sich darin eingerichtet wie in einem Haus, und er hatte sich nicht allzu breit gemacht. Er war kein Star, kein Fixstern des Kinos, der glüht und leuchtet und um den sich alles andere dreht. Er sonnte sich im freundlichen Licht der Scheinwerfer und absorbierte die Gelüste seines Publikums. Selbst sein Lächeln war ein Reflex. Jetzt aber hatte er Macht, und er hatte die Wahl: Er konnte sich die Rollen aussuchen, die Drehbücher, sogar die Regisseure. Bis dahin hatten ihn die richtigen Leute gemocht. Jetzt mochte er die falschen Filme.
Er schlüpfte in Strumpfhosen, trug die Haare vorne kurz und hinten lang und war doch überfordert als Actionheld in "Robin Hood". Er glaubte selber an Oliver Stones Verschwörungstheorien, als er in dessen "JFK" den verbohrten Staatsanwalt Jim Garrison spielte. Er schoß sich schlechtgelaunt durch Kasdans "Wyatt Earp". Und in "Waterworld" liegt die Last des 200-Millionen-Dollar-Budgets so schwer auf ihm, daß er sein leichtes Lächeln ganz vergessen hat.
Und nun fragt sich Costner, warum Fans und Journalisten neuerdings über seine schütteren Haare reden, über seinen Mund, der immer mürrischer wird; über seinen Mangel an Muskeln und den Bauch, der langsam wächst. Und natürlich mag er nicht wirklich daran glauben, daß es nur sein Körper gewesen sei, seine Jugend und das unbeschwerte Grinsen, in das sich einst die Frauen und die Kameras verliebten.
Lieber hockt er sich nach einem langen Drehtag noch in den Vorführraum, guckt sich die Muster an, die frischkopierten Szenen des vergangenen Tages. Und dort begegnet er den Bildern von sich selbst; setzt sich, mit der Geduld des Masochisten, den eigenen Fehlern, Formtiefs, Schlampereien aus; versucht zu retten, was zu retten ist, gibt die Kontrolle nicht aus der Hand. So schafft Kevin Costner, der auf dem College Marketing studierte, das Produkt Costner nach dem Geschmack des Publikums - womit sein ganzes Elend schon beschrieben ist.
Die Stars einer glücklicheren Kinozeit, Männer wie Mitchum oder Gable, bestanden auf ihrem Feierabend - und das nicht nur, weil sie das ganze Geld, das sie verdienten, auch irgendwann wieder ausgeben wollten. Sie hätten sich niemals die Muster angeschaut; sie ahnten, daß die Begegnung mit den überlebensgroßen Doppelgängern auf der Leinwand ihre Selbstgewißheit und Ruhe überfordert hätte, und wenn diese Leute später erzählten, sie hätten einige ihrer besten Filme niemals gesehen, dann war das nicht bloß Koketterie.
Kevin Costner ist von diesen lässigen Burschen so weit entfernt wie von den Irren und Besessenen, von Robert De Niro etwa, der seine besten Rollen mit eigenem Wahnsinn befeuert und die Obsessionen der Helden, die er spielt, so ernst nimmt, daß er deren Wunden und Narben bis in sein eigenes Leben trägt. Costner ist stolz auf seinen Biedersinn, sein normales Leben als Baseballfan und Hausbesitzer. Um seine Ehe, die nun zerbrochen ist, trauert er öffentlich. Übers Budget von "Waterworld" redet er so, als schuldete er den Steuerzahlern dafür Rechenschaft.
Aber wann, zur Hölle, hatte De Niro seinen letzten Hit? Wo, außer in ganz kleinen Filmen, ist überhaupt noch Platz für Triebtäter und Charakterköpfe? Die Filme sind größer und teurer geworden, und wer 100 Millionen Dollar investiert, kann sich kein Risiko erlauben. Der verläßt sich, wenn es krachen soll, auf Schwarzenegger oder Stallone. Und wer es lebensnäher haben will, mit Drama und Liebe und echten Menschen, sucht sich einen, der bei keinem aneckt. Das ist das Paradox des Hollywoodsystems: Es braucht die großen Stars - die dann aber, unter der Bürde der Riesenbudgets, ganz schnell ganz kleingemacht werden.
Womöglich wollte er sich aus dieser Falle befreien mit "Waterworld", diesem düsteren Science-fiction-Film, in dem er einen Mutanten spielt, einen schweigsamen Mann, der Kiemen hinter den Ohren hat und dem Schwimmhäute zwischen den Fingern wachsen.
Vielleicht wollte er mit dieser Rolle auch beweisen, daß er sich schon so groß und stark fühlt wie Robert De Niro und Jack Nicholson, die ja auch eine Zeitlang ihre Unsterblichkeit dadurch zu beweisen suchten, daß sie nur noch übersinnliche Wesen spielten, den Teufel, den Werwolf und wer sonst die Gegend zwischen Himmel und Hölle bevölkert.
Womöglich hat er aber auch erkannt, daß der Weg gar nicht so weit ist von Hollywood in jene Welt aus Wasser, die "Waterworld" beschreibt: Hier wie dort haben vor allem solche Männer eine Chance, die weder Fisch noch Fleisch sind. Y
Von Claudius Seidl

DER SPIEGEL 39/1995
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