16.10.1995

„Hinter all dem steckt Kohl“

In dem vergangene Woche erschienenen letzten Band seiner Erinnerungen an die Jahre mit Frankreichs Präsident Mitterrand schildert Attali auch die Zeit vor der Wiedervereinigung**. Auszüge:
Freitag, 1. September 1989, in Chequers, dem Landsitz des britischen Premiers
Margaret Thatcher ist einer Wiedervereinigung gegenüber ausgesprochen feindlich gesinnt, hält sie aber für möglich - im Gegensatz zum französischen Präsidenten. Mitterrand: "Gorbatschow wird niemals ein wiedervereintes Deutschland in der Nato akzeptieren, und die Amerikaner werden niemals zulassen, daß die Bundesrepublik die Nato verläßt. Wir können deshalb beruhigt sein."
Montag, 2. Oktober 1989
Im Wagen, mit dem wir zum Golfspielen fahren, sagt Francois Mitterrand: "Wer von der Wiedervereinigung Deutschlands spricht, versteht nichts von der Sache. Die Sowjetunion wird sie niemals akzeptieren. Das wäre das Ende des Warschauer Pakts. Und die DDR, das ist Preußen. ** Jacques Attali: "Verbatim III". Editions _(Fayard; 794 Seiten; 180 Francs. ) _(* Am 21. Dezember 1989 in Leipzig. )
Es will sicher nicht unter die Fuchtel Bayerns geraten."
Sonnabend, 18. November 1989, bei einem Essen der EG-Staats- und Regierungschefs im Elysee-Palast
Während des ganzen Essens kein Wort über die Wiedervereinigung. Beim Nachtisch tritt Margaret Thatcher dann ins Fettnäpfchen. Als Helmut Kohl die obskure Deklaration eines Natogipfels von 1970 zitiert, in der die Nato sich positiv zur Wiedervereinigung stellt, sagt Margaret Thatcher: "Aber diese Deklaration datiert aus einer Zeit, als wir glaubten, sie würde niemals stattfinden." Helmut Kohl: "Aber wir haben die Deklaration damals beschlossen. Und sie gilt noch immer. Sie können das deutsche Volk nicht daran hindern, seine Bestimmung zu finden." Margaret Thatcher stampft mit dem Fuß auf und ruft voller Wut: "Seht ihr! Seht ihr!"
Freitag, 8. Dezember 1989
Der EG-Gipfel in Straßburg beginnt. Von Anfang an insistiert der Präsident auf der Notwendigkeit, die europäische Einigung zu forcieren. Und von Anfang an wird er - welch Überraschung - von Helmut Kohl unterstützt.
Am Rande des Gipfels kommt es zu einem Gespräch mit Margaret Thatcher. Margaret Thatcher: "Die Deutschen haben vergessen, daß sie es uns zu verdanken haben, daß Berlin frei ist. Kohl hat keine Ahnung von den Empfindlichkeiten, die in Europa gegenüber der Wiedervereinigung vorherrschen."
Margaret Thatcher kramt aus ihrer Tasche zwei zerknitterte Karten, die sie aus Zeitungen ausgeschnitten hat. Die eine zeigt die Grenzen Europas vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, die zweite die 1945 nach dem Fall Berlins festgelegten. Sie zeigt Schlesien, Pommern, Ostpreußen. Sie sagt: "Das alles werden sie sich nehmen, und die Tschechoslowakei dazu."
Margaret Thatcher: "Die Deutschen können aus Berlin jederzeit wieder ihre Hauptstadt machen."
Francois Mitterrand: "Ja, und Gorbatschow kann sie nicht mehr daran hindern, ebensowenig wie die Vereinigten Staaten."
Montag, 8. Januar 1990
Massendemonstrationen in zahlreichen Städten der DDR. Mitterrand: "Das organisiert die CDU. Hinter all dem steckt Kohl. Mir sagt er, er tue nichts, und hinter meinem Rücken gibt er Gas. Und er glaubt, ich bekäme das nicht mit."
Freitag, 12. Januar 1990
Die DDR läßt den Zufluß ausländischen Kapitals zu. (Premierminister) Pierre Beregovoy sagt mir: "Das ist das Ende. Die DDR existiert nicht mehr. Und die Europäische Gemeinschaft ist tot. Deutschland wird alles dominieren. Sieht er (Mitterrand) das nicht?"
Montag, 16. Juli 1990
Michail Gorbatschow trifft Helmut Kohl im Kaukasus. Eine historische Vereinbarung. Das wiedervereinigte Deutschland soll frei entscheiden können, welcher Allianz es angehören will.
Francois Mitterrand, nachdem er die Depesche gelesen hat: "Na bitte! Gorbatschow, der uns so bekniet hat, Kohl nichts zuzugestehen, tritt alles an ihn ab, zweifellos für ein paar zusätzliche Mark. Damit können wir uns der Wiedervereinigung nicht mehr lange widersetzen."
** Jacques Attali: "Verbatim III". Editions Fayard; 794 Seiten; 180 Francs. * Am 21. Dezember 1989 in Leipzig.
Von Jacques Attali

DER SPIEGEL 42/1995
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