23.10.1995

FrankreichStadt in Angst

Die Menschen in Paris richten sich auf ein Leben mit dem Islamisten-Terror ein - mit Fatalismus und riesigem Polizeiaufgebot.
Wie die Rasenden schlugen französische Bereitschaftspolizisten und Gendarmen unbewaffnete Maghrebiner zusammen, die friedlich demonstrierten. Sie schossen sie nieder oder warfen sie in die Seine; patriotische Bürger halfen ihnen dabei. 6000 Nordafrikaner wurden in ein Stadion gepfercht. Tags darauf sprach die Obrigkeit von drei Toten; tatsächlich starben etwa 200 Algerier - sie wurden erschossen, ertränkt oder verschwanden spurlos.
Die "Schlacht von Paris", so der Titel eines neueren Buches über das Algerier-Pogrom, fand vor 34 Jahren statt, am 17. Oktober 1961. Die Franzosen haben diese Schandtat aus der letzten Phase des Algerienkriegs weitgehend verdrängt. Aber in den Vororten von Paris, Lyon und Marseille, wo die Masse der rund zwei Millionen Algerier in elenden Wohnungen und oft arbeitslos haust, ist die Erinnerung an jenen "rassistischen Krieg", wie sie ihn nennen, frischer denn je.
Nach acht Terroranschlägen, die seit dem vergangenen 25. Juli von algerischen Fundamentalisten der diversen "Bewaffneten islamischen Gruppen" (GIA) verübt worden sind - Bilanz: 7 Tote, 160 (teils Schwer-)Verletzte -, befindet sich Frankreich wieder im "Krieg" mit Algerien, so der Pariser France-Soir. Doch die Rollen sind vertauscht: Diesmal ist die alte Kolonialmacht bedroht, die den Maghrebstaat von 1830 bis zu dessen blutig errungener Unabhängigkeit 1962 beherrschte. Das Boulevardblatt Le Parisien: "Paris hat Angst."
Andere, vom linken Ex-Premier Laurent Fabius bis zum rechten Figaro, beurteilen die Gemütslage der Romanen positiver: "Die Franzosen rücken enger zusammen." Das werden sie wohl über eine lange Zeit tun müssen. Solange der Bürgerkrieg in Algerien, der bisher etwa 50 000 Mordopfer gefordert hat, weiter wütet, werden auch die Attentate in Frankreich weitergehen. Ein hoher Beamter im schwerbewachten Innenministerium düster: "Es ist nicht auszuschließen, daß wir mit einem Terror wie die Engländer durch die IRA oder die Spanier durch die baskische ETA leben müssen - also über Jahrzehnte." Unbeabsichtigt defätistisch klang der Aufruf des gaullistischen Premierministers Alain Juppe: "Frankreich wird nicht kapitulieren."
Spätestens seit dem Anschlag mit 29 Verletzten am vergangenen Dienstag in einer Schnellbahn gleicht Paris einer Stadt im Belagerungszustand. Unter einer Sitzbank war eine mit Sprengstoff, Nägeln und Schrauben gefüllte Gasflasche detoniert; sie riß einem Passagier einen Fuß, einem anderen den Unterschenkel ab. Ein Notstandsplan, von Innenminister Jean-Louis Debre nach dem Attentat auf eine jüdische Schule bei Lyon am 7. September in Kraft gesetzt, hat das Leben in Frankreich verändert.
Nie zuvor beherrschten so viele Uniformen das Straßenbild wie jetzt. Zusätzliche 20 000 Polizisten, 2500 Soldaten sowie 9000 Zöllner überwachen Flughäfen und Bahnhöfe, Grenzen, Elektrizitätswerke und Museen. Schalterbeamte, die sonst gähnend Metro-Tickets verkauften, spähen nun in den endlosen Gängen der Stationen "Les Halles" oder "La Defense" nach Terrorverdächtigen.
Dank des Notstandsplans dürfen Ordnungshüter aufs Geratewohl Autos filzen und Personen überprüfen: Vorzugsobjekte sind Kraushaarige mit dunklem Teint, die sich nun zusätzlich diskriminiert fühlen. Doch die Masse der sonst stets auf die Flics schimpfenden Franzosen, so resümiert ein Polizeigewerkschafter, öffne diesmal kooperationswillig Aktenkoffer und Tragetaschen.
Sperrgitter verhindern von Paris bis hin zu Kleinstädten in der Auvergne, daß Autos vor den über 70 000 Schulen parken; außer dem Lehrpersonal darf kein Erwachsener mehr Schulgelände betreten. In Paris sind 7000 Abfalleimer zugeschraubt oder entfernt worden, damit sie nicht mehr als Bombendeponie dienen können. Die sich um die versiegelten "poubelles" türmenden Cola-Dosen, Fettpapiere und zerfledderten Zeitungen müssen nun per Hand von städtischen Putzern eingesammelt werden - das sind überwiegend Algerier.
Am Tag nach der großen Explosion sank die Zahl der Schnellbahnbenutzer um etwa 30 Prozent, die Pendler wichen auf Metro und Stadtbusse aus, wo sie sich sicherer wähnten; sie fuhren im Schrittempo per Auto stadteinwärts oder nahmen das Fahrrad. Doch der Fatalismus, genährt durch Parkplatzmangel in Paris und den Zwang, schnell an den Arbeitsplatz zu gelangen, setzt sich durch: Am Freitag war die Linie, in der der Sprengsatz detonierte, wieder überfüllt.
Die Pariser passen sich an. Niemand grinst über den Graumelierten im Cardin-Anzug, der unter seinen Sitzplatz schaut, bevor er sich niederläßt - das machen jetzt viele. Und in der Linie Etoile-Nation hören die Passagiere dankbar einem Bürotypen zu, der Tröstliches vorrechnet: Bei jährlich 1,5 Milliarden Schienen-Pendlern in und um Paris sei die Wahrscheinlichkeit, vom Terror getroffen zu werden, "kleiner als ein Sechser im Lotto". Y

DER SPIEGEL 43/1995
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