02.10.1995

Bürgersinn und Tüftlergeist

Flink, fleißig, aber ein wenig bieder: So sehen sächsische Heimatforscher und Kabarettisten ihre Landsleute. Unter den ostdeutschen Bundesländern geht der Freistaat eigene Wege - mit sächsischem Selbstbewußtsein und industriellen Innovationen. Doch der Aufschwung in der Elbregion stockt.
Der Roboterkopf flitzt über dem halbfertigen Mikrochip hin und her, als würde die Maschine Blitzschach auf einem Daumennagel spielen. Im Millisekundentakt heftet die Lötspitze des Roboters hauchfeine Drähte auf die Siliziumscheibe. Mit fürsorglicher Liebe betrachtet Jörg Ludewig, Bereichsleiter im Zentrum Mikroelektronik Dresden, die flinke Maschine. Das Gerät, in der Fachsprache der Elektronik Bonder genannt, ist acht Jahre alt und stammt aus dem Bestand des Volkseigenen Betriebs (VEB) Elektromat Dresden. Noch immer, erläutert Ludewig stolz, "ist dieser Bonder doppelt so schnell wie alles, was uns der Weltmarkt heute bietet".
Dem VEB Elektromat hat die noch zu DDR-Zeiten entwickelte Spitzentechnologie wenig genutzt, nach der Wende wurde der Betrieb liquidiert. Das benachbarte Zentrum für Mikroelektronik überlebte nur mit knapper Not: Nach dem Todesurteil der Treuhand ("nicht sanierungsfähig") nahm die sächsische Regierung das Unternehmen unter staatliche Regie.
Heute gilt der Chiphersteller als eine wichtige Keimzelle der Dresdner High-Tech-Industrie. Die wächst an der Oberelbe derzeit schneller als irgendwo sonst in Deutschland. Ehrgeizige Ingenieure und Unternehmer wollen die traditionsreiche Technologiestadt, in der einst die Spiegelreflexkamera und die Reiseschreibmaschine erfunden wurden, wieder ganz nach vorn bringen - Politiker treiben die Aufholjagd mit Milliardensubventionen an.
Das technisch-industrielle Erbe, Optimismus und ein bißchen Größenwahn beflügeln die Sachsen beim Aufbruch ins nächste Jahrtausend. Für den neuen Geschäftsführer des Mikroelektronik- Zentrums, Kurt Garbrecht, hat die Zukunft bereits einen Namen: Ein "sächsisches Silicon Valley" solle an der Elbe entstehen.
Schon hat in Dresden, wo SED-Chef Erich Honecker anno 1988 den ersten volkseigenen 1-Megabit-Speicherchip pries, der Münchner Siemens-Konzern für knapp drei Milliarden Mark die größte Chipfabrik Europas errichtet. In der alten Handelsstadt Leipzig läßt die wiederauferstandene Messegesellschaft derzeit für 1,3 Milliarden Mark neue Ausstellungshallen bauen.
Den Umschwung von der Plan- zur Marktwirtschaft hatten die wendigen Sachsen schneller vollzogen als ihre Nachbarn in Brandenburg oder Sachsen-Anhalt. Ob nach Leipzig, Dresden oder Chemnitz - vor allem in der ersten Zeit nach der Wende reisten die Investoren scharenweise in die Region zwischen Elbe und Erzgebirge.
Bald entwickelten sich erste Inseln des Aufschwungs. Am Rande von Leipzig steht heute das modernste Frachtzentrum Deutschlands, errichtet für rund eine Milliarde Mark von dem Versandhaus Quelle. In Eilenburg bei Leipzig betreibt der finnische Konzern Enso Gutzeit seit fast einem Jahr die größte Papierfabrik der Welt (Investitionssumme: 800 Millionen Mark).
Die Metropole an der Pleiße, die im verarbeitenden Gewerbe nicht mal mehr 10 000 Arbeitsplätze zu bieten hat, gilt gleichwohl als sächsische Boomtown: Baukräne, Bagger und Fassadengerüste verstellen in der Halbmillionenstadt die Sicht. Der Wandel zum Handels- und Dienstleistungszentrum ist in vollem Gang, ein Marketingspruch aus dem Rathaus trifft die Stimmung: "Leipzig kommt."
Der Freistaat Sachsen - mithin Schrittmacher beim Aufschwung Ost und Zukunftsland der Republik?
So hätten es die regionalen Wirtschaftsförderer gern. Stets zitieren sie ein Gutachten des Schweizer Prognos-Instituts, in dem Sachsen bis ins Jahr 2010 die höchsten Wachstumsraten aller 16 Bundesländer vorausgesagt werden.
Dabei haben die spät gestarteten Thüringer ihre sächsischen Nachbarn inzwischen überholt. Die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts erreichte in Thüringen vergangenes Jahr 11,8 Prozent, Sachsen lag bei 10,4 Prozent.
Der Aufschwung im Freistaat ist ins Stocken geraten. Symptomatisch für den gebremsten Elan ist etwa das VW-Werk Mosel bei Zwickau. Zwar laufen in einer Fabrikhalle, die noch zu Honeckers Zeiten für die Endmontage von Fahrzeugen der DDR-Marke Trabant gebaut wurde, täglich rund 400 VW-Golf vom Band. Doch ein neues Fabrikgebäude, das 1992 als "modernstes Volkswagenwerk der Welt" gefeiert wurde, steht nahezu leer. Weltweit müssen die Autobauer mit Überkapazitäten kämpfen - das neue Werk in Sachsen wird nicht gebraucht.
Auch hausgemachte Probleme bremsen die Entwicklung. In der überhitzten Baubranche häufen sich die Pleiten, eilig hochgezogene Bürokomplexe stehen, beispielsweise in Leipzig, häufig leer. Immer deutlicher macht sich zudem eine sächsische Strukturschwäche bemerkbar: die 566 Kilometer lange Grenze nach Polen und Tschechien.
In manch einem idyllischen Winkel wie dem abgelegenen Dreiländereck um Zittau läßt sich kaum ein größerer Arbeitgeber nieder; auch im Erzgebirge oder in der einstmals reichen Tuchmacherstadt Görlitz, mit ihren noch erhaltenen Renaissancebauten eine Perle des Städtebaus, wird nur selten ein potenter Investor gesichtet.
Mangels wirtschaftlicher Impulse mühen sich einige Städte und Regionen in Sachsen, wenigstens den Tourismus anzukurbeln. Da lockt das Porzellanstädtchen Meißen mit seiner Burg, der weltberühmten Manufaktur und romantischer Fachwerkarchitektur. Die Sächsische Schweiz hat grüne Wälder und bizarre Sandsteinfelsen zu bieten. Die ärmliche Oberlausitz mit ihren sanften Hügeln und den darin geduckten Dreiseithöfen offenbart noch Dorflandschaften, wie sie andernorts längst zerstört sind.
Doch der ersehnte Besucherboom ist bislang ausgeblieben. Es fehlt an Infrastruktur und speziellen Einrichtungen, welche die kulturträchtige Gegend noch attraktiver machen könnten, klagt etwa Klaus Heidrich (CDU), Bürgermeister im Elbstädtchen Bad Schandau.
Der Kurort in der Sächsischen Schweiz hat immerhin zwei neue Kliniken mit insgesamt 430 Betten. Von den knauserigen Kassenpatienten profitiert freilich nur der Klinikbetreiber, ein Westdeutscher. "Wir brauchen ein attraktives Kurhaus für Privatgäste", glaubt Heidrich, doch wie die Millioneninvestition bezahlt werden soll, weiß der Bürgermeister nicht.
Auch wenn der Aufschwung stockt oder Investitionen ausbleiben - die Sachsen nörgeln weniger als andere Ostbürger. Das macht ihr gesundes Selbstbewußtsein. Im Vergleich zu den Nachbarländern fühlen sich die Freistaatler nach Meinungsumfragen mehrheitlich in einer wirtschaftlichen Vorreiterrolle - in allen anderen ostdeutschen Ländern glaubt nur eine Minderheit der Bewohner, ihre Region sei vorneweg.
Die Sachsen wissen auch ihre Erfolge genau einzuordnen - als Frucht ihrer Strebsamkeit, wie das Meinungsforschungsinstitut Emnid ermittelte. Mehrheitlich empfinden sie sich den Umfragen zufolge als "arbeitsam und fleißig" und beschreiben sich als besonders "gesellig und nett". Auch ihre weiche, für Landesfremde oft schwer verständliche Mundart pflegen die Einwohner des Freistaats mit Stolz.
Da treffen sie sich mit ihren Nachbarn im Süden, den Bayern. "Unzählige Querverbindungen" machte die Münchner Süddeutsche Zeitung zwischen den Freistaatlern hüben und drüben aus - von der Verehrung des Adels über die Freude an barocker Lebensart bis zu dem Stolz auf ihre Volkskünstler.
Auch die Regierungschefs, der Münchner Edmund Stoiber (CSU) und Kurt Biedenkopf (CDU) aus Dresden, verstehen einander. Was mit der Entsendung von Leihbeamten aus Bayern begann und in gemeinsamen Kabinettssitzungen vertieft wurde, haben die zwei Politiker mittlerweile zu einer stabilen Südschiene ausgebaut.
Ob es um die angestrebte Abschaffung der ARD geht, um das erwünschte Auslaufen der Kohlesubventionen oder um die (tatsächlich erfolgte) Installation einer gemeinsamen Denkfabrik namens "Kommission für Zukunftsfragen" - die beiden einzigen schwarzen Alleinregenten unter den Länderchefs hecken gern gemeinsame Pläne aus, die bundesweit Wirbel machen.
Dabei gelingt dem Sachsen Biedenkopf, 65, das Kunststück, seinen Ruf als liberaler Querkopf in der Union zu pflegen und trotzdem knallharte konservative Positionen zu verfechten. So betreibt er Zukunftsforschung und philosophiert mit grünem Zungenschlag über die "Grenzen des Wachstums", doch zugleich stattete er seine Ordnungshüter mit dem schärfsten Polizeirecht in ganz Deutschland aus.
Wie einstmals Franz Josef Strauß in Bayern, so hat auch Biedenkopf, vergangenes Jahr mit dem Rekordergebnis von 58,1 Prozent wiedergewählt, die Landespolitik ganz auf seine Person zugeschnitten. Sein Herrschaftsmodell ist die Demokratie mit monarchischem Antlitz. Als sei er ein direkter Nachfahre von August dem Starken, regiert heute am Elbufer vis-a-vis den Barockbauten des Kurfürsten der Bürgerkönig Kurt.
Weithin sichtbares Zeichen seiner Herrschaft ist die goldene Krone über der Staatskanzlei. Schon 1992, als im einstigen "Königlichen Ministerium des Innern" noch die nötigsten Umbauten im Gange waren, ließ Biedenkopf das alte Symbol sorgfältig rekonstruieren. In vielen Amtsstuben hängt jetzt ein Bild vom Landesvater Biedenkopf, wo einst Erich Honecker die verblichenen Tapeten zierte.
Zwar bezeichnet sich Biedenkopf als "überzeugten Republikaner", dennoch genießt er den Personenkult. So erzählt er immer wieder gern die Anekdote von dem Pförtner in Leipzig, der ihn im Wahlkampf 1990 mit dem Ausruf empfangen habe: "Ei verbibbsch, där neie säxsche Geenich!"
Den sächsischen Regionalstolz hat Biedenkopf, wo immer möglich, gefördert. Die Dresdner Landes-CDU ist keine Parteigliederung wie 14 andere, sondern die "Sächsische Union". In Biedenkopfs _(* In der Dresdner Neustadt. )
Regierung sitzen keine Minister, sondern "Staatsminister". Das grün-gelbe Sachsenwappen leuchtet allerorten an Häuserwänden und auf Plakaten. Selbst die gedemütigte SPD (Stimmenanteil im vergangenen September: 16,6 Prozent) kann auf ihren Briefbögen nicht darauf verzichten.
Gnädig überdeckt das Sachsen-Brimborium die Schattenseiten des Biedenkopfschen Regiments. Reformen, die der aus Westfalen zugereiste Regierungschef von anderen fordert, fallen ihm selbst am schwersten.
So scheiterten seine Privatisierungspläne der öffentlichen Verwaltung, als "Jahrhundertwerk" angekündigt, an bürokratischen Rücksichten. Seine Staatskanzlei hat Biedenkopf zu einem Apparat des Machterhalts ausgebaut, in dem die Pressestelle stärker besetzt ist als in manchen Bundesministerien. Die Medien beobachtet der Regent streng auf staatstragende Berichterstattung.
Gleich nach der Wende war Biedenkopf als Gastdozent und Aufbauhelfer an die Universität Leipzig gegangen. Der clevere Zuwanderer, aufgewachsen in Merseburg, wurde rasch integriert. So bemerkt der Direktor des Dresdner Stadtmuseums und Heimatforscher Matz Griebel: "Es ist, als wäre er immer hier gewesen."
Einflüssen von außen standen die Sachsen stets offen gegenüber. Der Bevölkerungswissenschaftler Volkmar Weiss, Leiter der Deutschen Zentralstelle für Genealogie in Leipzig, hat herausgefunden, daß der Strom der Einwanderer stets als Motor der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung gewirkt habe: Ins Land gekommen seien durchweg "die Leistungsfähigeren und Leistungsbereiten".
Dabei gelten auch die Eingeborenen als pfiffig, fleißig und gebildet. Schon Theodor Fontane, zwei Jahre als Apotheker in Leipzig, staunte über die Tatkraft der Sachsen: "Dies Energische hat einen Beisatz von krankhafter Nervosität, ist aber trotzdem als Lebens- und Kraftäußerung größer als bei irgendeinem anderen deutschen Stamm."
Als Brandenburger beobachtete Fontane, nicht ohne eine kleine Portion Neid, die Sachsen seien "die Überlegenen". Gemeint war freilich nicht die militärische Stärke - in der Kriegskunst blieben stets die Preußen vorn. Schon August der Starke, der Sachsen-Herrscher schlechthin, hatte mit dem Militär wenig im Sinn. Statt seine Truppen aufzurüsten, erwarb er 1717 im Tausch gegen ein Soldatenregiment eine Porzellansammlung, die berühmten 151 Dragonervasen.
In seiner Residenzstadt Dresden ließ der barocke Fürst einen Prunkbau nach dem anderen errichten, etwa den Zwinger, Schloß Pillnitz und das jetzt als Hotel wiederaufgebaute Taschenbergpalais. In einem Trakt des Dresdner Stadtschlosses, dem "grünen Gewölbe", stellte der Herrscher seinen Gästen überdies Glanzstücke der durchlauchtigsten Pretiosensammlung zur Schau - eines der ersten Museen dieser Art.
Die Schönheit der Dinge und der Bauwerke war dem Kurfüsten so wichtig, daß er selbst die Konfession dahinter zurückstellte. So öffnete der zum Katholizismus übergetretene Herrscher sogar seine Privatschatulle, um den Bauherren der evangelischen Dresdner Frauenkirche aus der finanziellen Klemme zu helfen. Später unterblieb, ein Ausweis sächsischer Liberalität, in der von Augusts Nachfolger errichteten katholischen Hofkirche das Glockenläuten zum Gottesdienst, um die mehrheitlich evangelischen Dresdner nicht durch papistische Propaganda zu reizen.
Friedliches Neben- und Miteinander hat in Sachsen Tradition. So leben in den bereits im 10. Jahrhundert eroberten slawischen Siedlungsgebieten in der Oberlausitz bis heute rund 40 000 Sorben mit eigener Sprache und Kultur.
Auch in anderen Landesteilen pflegen die Bewohner ihre Eigenständigkeit. Ein Erzgebirgler hätte wenig Verständnis, hielte ihn jemand für einen Bewohner der Sächsischen Schweiz. Die Vogtländer kämpfen ebenso leidenschaftlich gegen die Dominanz der Metropolen Leipzig, Dresden und Chemnitz wie die Niederschlesier. Heimatforscher Griebel preist den kleinteiligen Patriotismus: "Sachsen ist ein Vielvölkerstaat, das gehört zum Geheimnis unseres Erfolges."
Freilich hat der Leipziger Komponist und Opernintendant Udo Zimmermann bei seinen Landsleuten auch "viel Muffiges, viel Bierseligkeit" entdeckt. "Da gibt es einen Kleinbürgersinn", formuliert Zimmermann vorsichtig, "der vielleicht liebenswert ist."
Ein ausgeprägter Hang zur Traditionspflege ist im Freistaat unverkennbar. Vor allem in Dresden hat häufig die Vergangenheit oberste Priorität. Da werden, mit ungeheurem finanziellen Aufwand, die im Krieg völlig zerstörte Frauenkirche und das ebenfalls zerbombte Residenzschloß wiederaufgebaut. Gegen den Bau einer modernen Kunsthalle nach dem Entwurf des amerikanischen Pop-Artisten Frank Stella aber leisteten die Bürger erbitterten Widerstand - das Projekt wurde abgeblasen.
Selbst den hochfahrenden Plänen, Dresden zum High-Tech-Zentrum auszubauen, stellen sich gelegentlich die Traditionalisten in den Weg. So wollte die niederländische Elektronikfirma Tadicom in der Stadt eine Niederlassung mit rund 800 Arbeitsplätzen gründen. Doch durch den an der Elbe geplanten Firmenausbau sahen lokale Kulturgrößen die Stadtsilhouette bedroht. Sie brachten so viele Einwände gegen die Ansiedlung vor, daß die Niederländer entnervt nach Jena abwanderten.
Sprichwörtlich wie die sächsische Biederkeit ist auch das Bildungsniveau der emsigen Elbanwohner. Seit der Erzgebirgler Adam Riese im 16. Jahrhundert zum Rechenmeister der Deutschen avancierte, gelten die sächsischen Lehranstalten als führend. Zu DDR-Zeiten wurde beinahe jeder zweite Ost-Student an einer Universität der Region ausgebildet, bis heute wird Hochschulen wie der TU Dresden oder der Bergakademie Freiberg wissenschaftliches Weltniveau attestiert. Sächsische Forscher und Erfinder ersannen den Kaffeefilter, das abendländische Porzellan und auch das moderne Kondom. Der Tüftlergeist ist noch immer wach. So entwickelte der Freiberger Materialkundler Eberhard Buhrig einen Elektronikwerkstoff aus hochreinen Galliumarsenid-Kristallen. Buhrigs Institut und ein mit ihm kooperierendes Unternehmen sind der europaweit einzige Hersteller des wertvollen Werkstoffs (siehe Kasten Seite 154).
Als Erfinder auf eigene Faust hofft der Dresdner Physiker Stefan Barke auf den kommerziellen Durchbruch. Barke hat eine Diebstahlsicherung für Fahrzeuge ausgetüftelt, die den Autoklau abschaffen soll. Bislang haben die Autobauer zwar noch kein besonderes Interesse an Barkes Idee gezeigt. Der Erfinder ist trotzdem optimistisch: "Das Prinzip wird sich durchsetzen."
Eine gewisse Sturheit liegt offenbar in der sächsischen Mentalität. Der Leipziger Kabarettist Bernd Lutz Lange etwa sieht in der störrischen Langmut seiner Landsleute einen wichtigen Wesenszug: "De Weechn besiechn de Hardn."
Das hatte auch das friedliche Ende der DDR gezeigt. Sprechchöre wie "Keine Gewalt" und "Wir sind das Volk" erschollen zuerst auf den Straßen von Leipzig, Dresden und Plauen, ehe sie die Hauptstadt Berlin eroberten. So begann republikweit ein Systemwechsel nach Sachsenart: fein sachte und mit starkem Drang zur Normalität.
Freilich wandten die aufbegehrenden Sachsen sich im Grunde gegen sich selbst. "Die DDR war im Guten wie im Bösen ein Land der kleinen Leute, ein Sachsenland eben", schreibt der ostdeutsche Satiriker Peter Ensikat.
Da war zunächst der Leipziger Walter Ulbricht, der zwei Jahrzehnte lang mit eiserner Hand über die "Werkdätschen" herrschte. Emsig hatten sächsische Aktivisten und Funktionäre alsbald die Schreibtische in Berlin besetzt, und auch unter den Grenzposten klang das sächsische Idiom stets heraus.
Biederkeit, Fleiß und Dominanz der Sachsen sind Legende. Kaum bekannt ist jedoch ihr offensichtlicher Hang zur Schwermut. Nirgendwo in Deutschland gibt es so viele Selbstmorde wie in dem südöstlichen Winkel der Republik.
Bereits im vorigen Jahrhundert zählte der französische Soziologe Emile Durkheim für sein im Jahre 1897 erschienenes Grundwerk über den Suizid im damaligen Königreich Sachsen 31,1 Selbstmorde auf 100 000 Einwohner. 1994 ermittelte das Statistische Bundesamt eine sächsische Suizidrate von 22,4, der deutsche Mittelwert liegt bei 15,6 Selbstmorden auf 100 000 Einwohner.
Über die Ursachen wird seit langem spekuliert. Ist es die protestantische Tradition mit ihrer selbstquälerischen Innerlichkeit, die hohe Bevölkerungsdichte, die den Leuten zu wenig Platz läßt, oder das Regenwetter?
Keiner weiß es genau. Doch Heimatforscher Griebel hat, typisch sächsisch, eine ausnehmend positive Erklärung: "Wir sind eben ein Völkchen mit einem besonderen seelischen Tiefgang."
[Grafiktext]
Daten des Landes Sachsen
Sachsens Wirtschaft
[GrafiktextEnde]
* In der Dresdner Neustadt.

DER SPIEGEL 40/1995
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