13.11.1995

Europa-Währung„Einige verlieren die Nerven“

SPIEGEL: SPD-Vize Oskar Lafontaine bietet Wetten an, daß sich Kanzler Kohl rechtzeitig vor der Bundestagswahl 1998 von der europäischen Einheitswährung verabschieden wird. Halten Sie dagegen?
Hoyer: Ja. Die gemeinsame Währung wird zum 1. Januar 1999 kommen.
SPIEGEL: In Deutschland stößt die Euro-Währung zunehmend auf Skepsis. Wäre es nicht besser, den Eintritt in die Währungsunion schon heute zu vertagen?
Hoyer: Wer jetzt die Verschiebung fordert, spielt direkt in die Hände von radikalen Spinnern und politischen Bewegungen, die mit einem einzigen Thema - der irrationalen Angst um die D-Mark - die Bevölkerung aufmischen wollen.
SPIEGEL: Fast zwei Drittel der Deutschen votieren gegen das geplante Euro-Geld. Sind das alles Spinner?
Hoyer: Natürlich nicht. Die europäische Währung wird mindestens so stabil sein wie die D-Mark heute. Viele Kleinsparer werden gegenwärtig in eine Panik hineingeredet, damit sie Schweizer Franken kaufen - trotz eines völlig überhöhten Kurses und einer saumäßigen Verzinsung. Kein Großanleger fällt auf solche Sirenengesänge unseriöser Anlageberater rein.
SPIEGEL: Die Chancen, daß Frankreich und Italien bis 1999 die Beitrittskriterien zur Euro-Währung erfüllen, stehen schlecht. Was ist so schlimm, wenn es ein paar Jahre später losgeht?
Hoyer: Durch die Verbindung harter Kriterien mit einem festen Zeitplan hat der Maastrichter Vertrag in allen Ländern einen starken und heilsamen Druck erzeugt, Staatsfinanzen, Zinsen und Inflation in den Griff zu bekommen. Dieser Druck darf jetzt nicht aus dem Kessel entweichen, bloß weil einige Leute die Nerven verlieren.
SPIEGEL: Auch Finanzminister Theo Waigel betont, die Stabilität der neuen europäischen Währung sei wichtiger als der Zeitplan.
Hoyer: Man muß die Dinge zusammen sehen. Wir werden ein Aufweichen bei den Kriterien nicht zulassen.
Aber das Rumfummeln am Zeitplan birgt das größte Risiko: daß die Wirtschafts- und Währungsunion überhaupt nicht kommt, wenn sie 1999 nicht kommt. Dann wäre es mit Wohlstand, Arbeitsplätzen und starker D-Mark auch bald vorbei.

DER SPIEGEL 46/1995
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