13.11.1995

MännerfreundschaftKaramel-Koch und Kanzler

Es begann ganz harmlos in einem klapprigen Bus, der sie vom Jerusalemer Herzl-Berg zum Flughafen Ben Gurion schaukelte. Doch die Folgen sind schon zu spüren: Seit sie sich am vorigen Montag nach der Trauerfeier für den ermordeten Jizchak Rabin ihre gemeinsame Liebe zum Karamelpudding gestanden, gehen Helmut Kohl und Joseph ("Joschka") Fischer anders miteinander um.
Fast zärtlich nennt Fischer seinen Kanzler jetzt "drei Zentner fleischgewordene Vergangenheit". Und wenn der Bundeskanzler damit kokettiert, er habe "mit der Mäßigung" beim Essen und Trinken "gewisse Probleme", vergißt er nicht darauf hinzuweisen, daß er "diese mit dem Vorsitzenden der Grünen-Fraktion" teile. "Kohl vergleicht sich mit Fischer", staunt die nichtsahnende Welt. Selbst CDU-Minister hätten auf "so etwas jahrelang vergebens" gewartet.
Kohl duzt Fischer sogar, wenn auch nach Gutsherrenart: "Fraktionsvorsitzender, sag doch mal." Das gilt bei Hofe als Beweis großer Wertschätzung. Fischer nennt den Regierungschef neuerdings "Eminenz" oder "Seine Erhabenheit, der Bundeskanzler". Das findet Kohl angemessen. Für den Kanzler ist der Ober-Grüne schon lange ein ernst zu nehmender Gegner. Seit dem denkwürdigen Pudding-Gespräch im israelischen Bus aber steht die Beziehungskiste auf einem neuen Fundament.
Dort ging es nämlich nicht um Krieg und Frieden, sondern - wie im richtigen Leben - ums Essen und ums Trinken. Weil der Kanzler sich auch auf diesem Felde für unschlagbar und allein zuständig hält, reizte es ihn, den Hobbykoch und Feinschmecker Fischer zu testen.
Bei der Wein-Prüfung paßte Fischer gleich: Er sei Experte für die französischen Roten und überlasse dem Pfälzer Kohl gern das deutsche Feld.
Als Kohl dann aber die Rede auf Karamelpudding brachte - neben Bratkartoffeln das einzige Gericht, das der Kanzler selbst zubereiten kann -, wurde er von Hobbykoch Fischer ausgepunktet. Natürlich wisse er, wie das geht: nur mit drei Töpfen, nicht mit zwei, wie Kohl behaupte. Schließlich sei seine "creme caramele" selbst unter Profis berühmt.
Das ist die reine Wahrheit: Klaus Trebes etwa, MaItre des Frankfurter Gourmet-Restaurants "Gargantua", attestiert seinem Stammgast Fischer (mit dem er früher Häuser besetzte) einzigartige Karamel-Künste.

DER SPIEGEL 46/1995
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