13.11.1995

Wahlrecht„Stachel im faulen Fleisch“

SPIEGEL: Wählen schon mit 16 - biedert sich die politische Linke da nicht dreist bei einer neuen Wählergruppe an?
Hurrelmann: An den Wahlergebnissen wird sich wenig ändern, auch wenn sich manche Parteien Hoffnungen machen. Dafür sind die 16- bis 18jährigen zu wenige, und die Wahlbeteiligung wird zu gering sein.
SPIEGEL: Warum also das Wahlalter ändern?
Hurrelmann: Es ist einfach zeitgemäß, Jugendliche politisch mitentscheiden zu lassen. Sie sollten auch auf Landes-, Bundes- und Europaebene wählen dürfen, und zwar möglichst schon ab 14 Jahren. Da ist das nötige Urteilsvermögen bereits voll entwickelt.
SPIEGEL: 50 Prozent der 16- bis 18jährigen fühlen sich aber überhaupt nicht reif genug, um zur Wahl zu gehen.
Hurrelmann: Die meisten sind wirklich nicht scharf darauf zu wählen. Doch Kinder sind heute viel früher selbständig als noch vor 50 Jahren. Das sind kleine Erwachsene, darum sollen sie auch aktiv mitgestalten. Sonst klinken wir die politische Mitbestimmung aus der übrigen Lebensgestaltung künstlich aus.
SPIEGEL: Welchen Einfluß haben jugendliche Wähler auf Stil und Themen der Politik?
Hurrelmann: Sie sind der Stachel im faulen Fleisch der Parteien. Jugendliche haben einen ganz hohen ethisch-moralischen Anspruch. Sie verachten Funktionäre und Parteiapparate und haben eine sichere Witterung für dringende Themen wie Umweltgefährdung und Ungerechtigkeiten zwischen Arm und Reich. Und sie sind vielleicht die einzigen im Land, die noch unbeeinflußt von Existenzängsten ihre Meinung sagen.

DER SPIEGEL 46/1995
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