13.11.1995

Rot-GrünBlanke Nerven

Es sollte ein Gag sein, aber auch eine Werbung für Rot-Grün. Im Vertrauen auf ein "gemeinsames Interesse" hatte die SPD-Mitgliederzeitschrift Vorwärts den Grünen für ihre November-Ausgabe, "aktuell zum SPD-Parteitag" in dieser Woche, eine Anzeige zum Vorzugspreis angeboten.
Nur 18 000 statt 39 100 Mark sollten Bündnis 90/Die Grünen für eine Seite in Farbe bei den Genossen zahlen - eigentlich ein "ganz normaler" Geschäftsvorgang, glaubte jedenfalls die Anzeigenabteilung des Vorwärts. Deshalb habe es bei der Offerte auch "überhaupt keine Bauchschmerzen" gegeben, sagt Verlagsleiter Ansgar Burghof.
Denkste. Letzte Woche, als Layout und Druckfahnen vorlagen, griff die SPD-Führung als Herausgeber des Vorwärts ein. Bundesgeschäftsführer Franz Müntefering ließ die Grünen-Werbung aus dem Blatt nehmen und erhob das Geschäft zum Politikum.
Begründen wollte der Parteimanager den ungewöhnlichen Eingriff von oben, der dem Vorwärts "in dieser Form zum erstenmal" (Burghof) widerfuhr, nicht. "Im Moment", so Müntefering, "möchte ich das nicht kommentieren."
Die Grünen hatten per Anzeige Selbstbewußtsein demonstriert: "Wir machen den Weg frei." Unverhohlen umwarb die Öko-Partei gleich auch noch die sozialdemokratischen Bezieher des Vorwärts (Auflage: 850 000): "Wer rotgrün will, muß grün kennen."
Per Coupon sollten sich Genossen melden können, die "nähere Informationen" über Konzepte der Bündnis-Grünen haben oder dort gar "Mitglied werden" wollten. Der Anzeigen-Slogan, Gipfel der Provokation, wurde von den öffentlichen Bausparkassen entlehnt: "Wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause."
Der Vorwärts-Anzeigenleiter rätselt jetzt über die Gründe von Münteferings Intervention: "Vielleicht liegen die Nerven etwas blank."

DER SPIEGEL 46/1995
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Rot-Grün:
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