13.11.1995

Der Prozeß

Er habe, so sagte der Attentäter, allein gehandelt, aber "vielleicht mit Gott". Eines der wenigen aufschlußreichen Worte gegenüber all den Ruhmesreden auf den ermordeten Jizchak Rabin.
In den Staat Israel ist von Anfang an eine Bruchstelle eingebaut. Die Gründer von David Ben-Gurion bis hin zu Jizchak Rabin waren mehrheitlich Agnostiker, brauchten aber das biblische Erbe von Salomo bis zu Herodes, um ihre Politik der bewaffneten Landnahme religiös zu untermauern. Der Staat wurde ein Parlamentsstaat - der einzige in der Region - und ein Gottesstaat.
Was aber wollte Gott? Glaubte man den Rabbinern, wollte er die Eroberung bis hin zum Jordan und darüber hinaus. Bis zum Sechstagekrieg 1967, einem klassischen, aber berechtigten Präventivkrieg, hatte der Judenstaat trotz aller vorangegangenen Vertreibungen noch oder wieder 15 Prozent Araber in seinen Staatsgrenzen, Bürger zweiter Klasse.
Der Sechstagekrieg gab Israel, was es gegen alles Uno- und Völkerrecht nach Lage der Dinge verlangen mußte: das arabisch bewohnte Ost-Jerusalem und einige Grenzkorrekturen. Sie wollten aber, gemäß ihrer Eroberungs-Theologie, mehr.
Rabin war nicht der Leuchtturm, den Helmut Schmidt in ihm sieht (den ermordeten Anwar el-Sadat macht er zwillingshalber zu einem "hervorragenden und erfolgreichen militärischen Führer").
Rabin war auch kein ausgepichter Diplomat. Ende März mußte er einen "Notbesuch" bei Helmut Kohl in Bonn machen, den er, so die Zeitung Yediot Achonot, durch unbedachte Äußerungen erzürnt hatte; und dann knallte er auch noch den Hörer hin.
Daß er wegen eines verbotenen Dollarkontos 1977 als Premier abtreten mußte, wurde in die Schuhe seiner Frau Lea, einer geborenen Schloßberg aus Königsberg, geschoben.
Rabin war auch kein Märtyrer, kein Zeuge der Wahrheit. Für diese Bezeichnung hätte er vermutlich nur ein halbes mokantes Lächeln übrig gehabt. Wäre dann nicht jeder seiner Soldaten ein Märtyrer gewesen?
Er hat die Flüchtlingskolonnen, die 1967 nach Jordanien flohen, mit Napalm eingedeckt. Er billigte 1982 Ariel Scharons eigenmächtigen Vorstoß, der den Libanon zerstörte.
Er hat nicht nur zugelassen, sondern befohlen, daß halbwüchsigen palästinensischen Steinewerfern zu Beginn der Intifada 1987 die Knochen gebrochen wurden. Alles nur "im Glauben an Gott und seine Gebote", wie Helmut Schmidt meint? Rabins Glaube war das nicht.
Furcht kannte er nicht. Aber auch Gottesfurcht war seinem politischen Handeln fremd. Über 70 Jahre mußte er alt werden, bis er vor der Knesset den für ihn revolutionären Satz sprach, der im Tumult unterging: "Wir kamen nicht in ein leeres Land." Ein wahrer, ein sehr weltlicher Satz.
Was war geschehen? Nichts Aufregendes, keine Bekehrung, kein Damaskus-Erlebnis. Man muß kein kühler Rechner sein, der Rabin war, um zu erkennen, daß man am Ende einer Sackgasse angelangt ist.
Worum ging es nun? Um einen geordneten Rückzug, der den Staat Israel, dieses zionistische Doppelgebilde, in seinen Grundfesten nicht erschüttern konnte.
Wer würde so etwas ausführen? Der - wieder - Premierminister, Generalstabschef von 1967, der nicht vor den Arabern Angst gehabt hatte, sondern davor, daß die USA ihn zu früh stoppen würden.
An den Haß, an die religiösen Absurditäten, die den Siedlern von den Rabbinern mit auf den Weg in das neue Gelobte Land ins Gepäck gelegt worden waren, dachte kaum jemand. Rassismus keimte auf, Überlegenheits-Idiotie gegenüber den gedemütigten Palästinensern. Was hatten sie überhaupt hier zu suchen?
Mit Rabin ist für alle Radikalen der "Richtige" ermordet worden, wenn auch von den "falschen" Leuten. Er war der Mann, der den Kriegs- wie den Friedensprozeß mehr als jeder andere verkörperte.
Als er, wie immer ungeschützt, vor einer riesigen Menge sprach, schien ihn doch ein Moment der Rührung überwältigt zu haben. Mein Jugendfreund Uri Avnery, der ihn recht gut kannte, hat ihn wenige Minuten vor den tödlichen Schüssen zum ersten Mal singen sehen.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 46/1995
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