13.11.1995

„Irgendwo im Gully“

Abrupt erhebt sich Dieter Wiedemann. Eigentlich sollte es eine lange Nacht unter Genossen werden im Kolleg des Hotels Marienberg im rheinischen Weinort Unkel. Doch daraus wird nun nichts, denn Wiedemann ist der Verlierer, nicht der Sieger. Blaß und erschöpft verläßt der Oberamtsrat aus dem Bonner Verkehrsministerium vorzeitig die Runde. Einige wenige Sozialdemokraten nehmen die Hand vom Kölsch und klatschen verhalten.
Wiedemann ist am letzten Oktober-Sonntag bei der Wahl zum Verbandsbürgermeister von Unkel und Umgebung herbe abgeblitzt. 8913 Bürger waren wahlberechtigt, weniger als die Hälfte, genau 4292, gingen wählen. Wiedemann bekam lediglich 39 Prozent. Fast zwei Drittel der Stimmen in der stramm katholischen Region heimste der CDU-Kandidat Friedemann Schwarzmeier, ein Protestant, ein.
"Die andere Partei ist halt im Aufwind", fügt sich Wiedemann, "die meinige sitzt irgendwo im Gully." Vermasselt habe es letztlich die Parteispitze mit ihren "elenden Zänkereien".
"Der Bundestrend schlägt durch, runter bis in die kleinste Gemeinde", pflichtet Rainer Kaul dem Verlierer bei. Der SPD-Landrat, 43, sitzt im benachbarten Neuwied. Er ist einer von 480 Delegierten, die ihrem Unmut in Mannheim auf dem SPD-Parteitag Luft machen wollen.
Diesmal schlug der Genosse Trend nicht an einem x-beliebigen Ort zu. In Unkel hatte 1979 Willy Brandt ein Domizil mit Blick auf den Rhein gefunden, hier ist er im Oktober 1992 gestorben. Seither ist das 30 Kilometer südlich von Bonn gelegene Weindorf für viele Sozialdemokraten zur Wallfahrtsstätte geworden.
Die Unkeler Genossen haben der schwarzen Ratsmehrheit sogar einen "Willy-Brandt-Platz" abgetrotzt. Wenn die weißen Rheinschiffe in Unkel festmachen, fragen die Touristen nach "Willys Wohnhaus", in dem seine Witwe Brigitte Seebacher-Brandt lebt und die Biographie ihres Mannes eigenwillig auslegt.
Brigitte Seebacher-Brandt war jahrelang Vorsitzende im Unkeler Ortsverein. Als 1993 ein neuer Vorsitzender der Gesamtpartei per Mitgliederbefragung gekürt wurde, trommelte sie engagiert für Rudolf Scharping.
Doch eigentlich hielt sie schon damals nicht viel von den Brandt-Enkeln und von der SPD auch nicht, der es ihrer maßgeblichen Ansicht nach an Patriotismus gebricht. Konsequent wandte sich die Witwe von der SPD ab. Von ihrem Parteiaustritt erfuhren die Unkeler Sozialdemokraten aus der Zeitung.
"Gut, daß diese Geschichte heute vorbei ist", stellt Helmut Richarz im Marienberg fest. Als er auf "Willy" zu sprechen kommt, wird dem 60jährigen Stadtrat, einem Traditions-Sozialdemokraten und Metallgewerkschafter, die Stimme rauh: "Da war hier noch was los."
Frank-Norbert Gerlach, der rührige Parteikassierer, geht als Polizist professionell der Sicherung von Spuren nach. Wenn es aber um die SPD geht, verwischt er sie lieber: "Wenn die CDU hier einen Besen aufstellt, wird er auch gewählt."
Daß mit der SPD derzeit kein Blumentopf zu gewinnen ist, hatte der Kandidat Wiedemann durchaus geahnt. Und er stellte allerlei an, damit die Wähler möglichst vergaßen, welcher Partei der Bürgermeister-Aspirant angehört.
Peinlich auch, daß Wiedemann den Unkeler Sozialdemokraten aus der Patsche helfen mußte. Sie fanden keinen einheimischen Kandidaten für den ordentlich dotierten Job des Verbandsbürgermeisters. So importierten sie Wiedemann, einen ehemaligen Bahnhofsvorsteher aus dem Westerwald.
Der Kandidat ließ, blamabel genug, Plakate ohne das Signet der SPD drucken. Bei Hausbesuchen kehrte er sicherheitshalber den "Dieter Wiedemann aus der Leitungsebene" des Bonner Verkehrsressorts heraus.
Am Ende erging es Wiedemann wie so vielen wahlkämpfenden Politikern: Er dachte, er werde gewinnen, und war über das schlechte Ende furchtbar enttäuscht.
Was Wiedemann in Unkel passierte, kann schon bald anderen Genossen widerfahren. Im März wird in Rheinland-Pfalz ein neuer Landtag gewählt. Noch steht die Mainzer SPD unter Scharpings Nachfolger Kurt Beck gut da. Doch langsam wird jede Wahl für die Sozialdemokraten zum Trauma. Landrat Kaul hat fast schon resigniert: "Du rackerst dich ab, machst vielleicht sogar gute Arbeit, und dann kriegst du fürchterlich einen über die Mütze."

DER SPIEGEL 46/1995
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