13.11.1995

KommunistenFiktiver Angriff

In Frankfurt am Main standen DKP-Kader vor Gericht, weil sie in der DDR den Partisanenkrieg gegen die Bundesrepublik trainiert hatten.
Auf der Anklagebank im Staatsschutzsaal des Frankfurter Landgerichts saß, deutlich betrübt, die Nachhut der Weltrevolution: Dem Maschinenbauer, 46, dem Versicherungsmitarbeiter, 48, und dem technischen Angestellten, 41, war kaum mehr anzusehen, daß sie einst Elitekämpfer der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) waren.
Nur der Angeklagte Uwe Eichholz, 50, der im Gerichtssaal in Lederjacke erschien, hat sich noch den Charme und die rüden Manieren eines DKP-Funktionärs bewahrt. Eichholz war vormals hauptamtlicher Mitarbeiter des Parteivorstands in Düsseldorf, zuständig für "Organisation und Höhepunkte".
Zu den Höhepunkten in der Arbeit der SED-gesteuerten DKP hatten geheime militärische Ausbildungskurse in der DDR gehört. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt warf den ursprünglich 14 Angeklagten "Vorbereitung von Sabotagehandlungen", die Mitgliedschaft in einer "Militärorganisation (MO) der Deutschen Kommunistischen Partei" und "Agententätigkeit zu Sabotagezwecken" vor. Darauf steht laut Paragraph 87 des Strafgesetzbuches eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren.
Doch am Ende gingen alle Beschuldigten straffrei aus. Auch das Verfahren gegen die letzten vier Angeklagten wurde am Freitag vergangener Woche nach drei Verhandlungstagen mit milden Geldbußen zwischen 1500 und 5000 Mark eingestellt: Der vermeintliche Agentenkrimi war, das zeigen jetzt Stasi-Akten, eher ein deutsch-deutsches Abenteuerspiel.
Bis kurz vor der Wende übten die DKP-Genossen regelmäßig auf einem getarnten Gelände der Nationalen Volksarmee am Springsee südöstlich von Berlin den Partisanenkampf. Ausgerüstet mit DDR-Uniformen und Decknamen, robbten die linken West-Wehrsportler in meist zweiwöchigen Lehrgängen durch den märkischen Sand. Manchmal durften sie sogar einen Telegrafenmast sprengen. Dabei fühlten sie sich, so ein ehemaliger MO-Kamerad, "ohne Zweifel als Elite".
Anfang der siebziger Jahre hatte die SED-Spitze der DKP zugesagt, deren Kämpen zu schleifen. Die Ausbilder wies NVA-Chef und Politbüromitglied Heinz Hoffmann persönlich ein.
Für die konspirative Absicherung des Geheimtrainings war das Ministerium für Staatssicherheit zuständig. Stasi-Chef Erich Mielke ließ sich über jeden Lehrgang schriftlich informieren.
Die Genossen aus dem Westen sollten "als eine Art fünfte Kolonne im Kriegsfall" für die DDR-Armee zuschlagen, erinnert sich der MO-Ausbilder Dieter Michel, einst Oberstleutnant der NVA. Doch in Wahrheit ging der militärische Wert der MO, zu der insgesamt 200 bis 300 Mann zählten, gegen Null.
Im Trainingscamp am Springsee war gleichwohl für alles gesorgt. Stasi-Kader brachten den Kämpfern aus dem Westen täglich Kaffee und frische Brötchen, am Wochenende gab es für die Gäste Würstchen vom Grill. Die Stasi wusch den Westlern die Wäsche, und auch die kulturelle Erbauung der Kameraden aus dem Feindesland war gesichert. Die MO-Mannen sahen im Wehrsportlager den sowjetischen Weltkriegs-Mehrteiler "Befreiung" und zur Entspannung Gauner-Komödien der "Olsenbande".
Doch trotz Kaffee und Kalaschnikows im Osten blieb die MO-Praxis im Westen müde. 1985 rafften sich drei unbewaffnete MO-Kämpfer in Hessen immerhin zu einem "Planspiel" auf, einem fiktiven Angriff auf eine Mainschleuse bei Hanau. Ab und an turnten sie auch durch einen Wald.
Zwar versuchten einige MO-Kader noch bis Anfang 1989, eine "Kampfgruppe" aufzubauen, doch der Haufen trat nie in Aktion. Von verwegenen Träumen, Waffenlager anzulegen, nahmen die Genossen rasch wieder Abstand, da siegte die Angst vor Strafe über den Willen zum Klassenkampf.
Nach der Wende hißten fünf MO-Kämpfer flugs die weiße Fahne und bekannten in einer gemeinsamen Erklärung ihre "tiefe persönliche Enttäuschung". Besonders erbost waren sie darüber, daß "kommunistische Ideale von denen verraten wurden, die sie immer lauthals verkündeten". Y

DER SPIEGEL 46/1995
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