13.11.1995

UnionKeine Schwäche leisten

Ich bin nicht mehr hilflos", sagt Wolfgang Schäuble vor dem Flug nach England. Mit beiden Händen packt er seine Beine, stemmt sich aus dem Rollstuhl hoch und schwingt sich in den Flugzeugsessel.
Auch die steile Klapptreppe zum Luftwaffenjet ließ er sich nicht mehr von zwei kräftigen Sicherheitsleuten, die ihm bisher immer unter die Achseln und Beine griffen, emportragen. Dafür besitzt er jetzt das "Scalamobil", ein batteriegetriebenes Gerät zum Treppensteigen, dessen kleine Tasträder die größeren Antriebsräder führen. Das Hilfsmittel wird unter den Rollstuhl geschoben und hebt den Behinderten rückwärts die Stufen hinauf. Das dauert zwar etwas, aber Schäuble kann die Bodyguards, die ihn wie ein hilfloses Bündel schleppten, entbehren. Das diene, sagt er, seiner Würde.
150 Augenpaare sind Stunden später im Hörsaal des St. Antony''s College in Oxford auf das lilaschwarze Gefährt gerichtet, das der zierliche Mann, korrekt gekleidet im grauen Anzug, blauem Hemd, blauroter Krawatte, mit kurzen kräftigen Schüben zu dem grünverhängten Podiumstisch treibt. Rektor Ralf Dahrendorf stellt seinen Studenten den Redner vor - er sei "der zweitmächtigste Mann Deutschlands, vielleicht sogar der mächtigste".
Schäuble sei im Jahr 1990 Opfer eines Attentats bei einer politischen Veranstaltung geworden - heute "behindert, aber ungebrochen".
Der Gastgeber zitiert aus einem Zeitungsinterview, wie Schäuble inzwischen über sein Handicap spricht: Seine Frau sage, er habe sich nicht gebessert; er pflege dann zu antworten, er sei auch nicht schlimmer geworden. Oppositionspolitiker meinten, er sei jetzt härter. Seinen Kindern gefalle, daß er ihnen mehr zuhöre. Sein Bruder meine, er habe sich überhaupt nicht verändert. Er neige dazu, ihm zu glauben.
Freundliche Reaktion im Saal, die meisten der jungen Leute schmunzeln. Die Befangenheit ist gebannt.
Schäuble lenkt schnell von seiner Person ab auf die Sache: Es solle ja nicht "um meine Behinderung, sondern um Europa" gehen. Im Interesse der Völkerverständigung verzichtet er auf sein badisches Englisch. Seine spitzen Bemerkungen über die Briten, die ja nur so lange gegen die europäische Währungsunion seien, wie sie ihr mangels geordneter Finanzen nicht beitreten könnten, werden simultan übersetzt.
Auch den Gastgeber Dahrendorf, einen überzeugten Europäer und einen engagierten Gegner der Währungsunion ("Funktioniert nicht, und wenn doch, dann spaltet sie Europa in reiche _(* Am 2. November in London. )
und arme Länder"), nimmt Schäuble aufs Korn. "Absolut notwendig", von größter politischer Bedeutung für das Zusammenwachsen eines europäischen Bundesstaates, weit über das bloß Monetäre hinaus, sei die Währungsunion.
Der deutsche Gelehrte aus Konstanz hat es zum britischen Lord und zum Mitglied im Oberhaus gebracht. Weggewischt ist die freundliche Miene, die er für den neben ihm sitzenden Besuch aus Deutschland aufgesetzt hat. Er beginnt Notizen zu kritzeln, als wolle er gleich zur Gegenrede ansetzen. Das unterläßt er dann aber doch.
Nach seinem Vortrag beantwortet Schäuble Fragen der Studenten, er giftet gegen die Sozialdemokraten daheim. Einen Wahlkampf über die Euro-Währung würde er sich "sehr wünschen". Der Rollstuhl, wahrlich kein Thema.
In dieser Woche reist der CDU/CSU-Fraktionschef in die USA, drei Tage Washington, danach zwei Tage Chicago. Vorträge, politische Gespräche, Arbeitsessen, Termin auf Termin.
So vollgepackt waren auch die Tage in England. Abends fuhr Schäuble noch von Oxford nach London, wo er sich tags darauf ohne Pause von 8.00 Uhr bis 22.30 Uhr mit Labour-Star Tony Blair, mit Paddy Ashdown, dem Chef der liberaldemokratischen Partei, mit Schatzkanzler Kenneth Clarke, Außenminister Malcolm Rifkind und Premier John Major traf. Major zeigte sich offen, sein vermutlicher Nachfolger Blair verdeckt euroskeptisch. Im "Royal Institute of International Affairs" erwartete Schäuble eine Expertenrunde zu europäischer Außen- und Sicherheitspolitik.
Nachts noch Rückflug nach Straßburg, Ankunft 0.25 Uhr. Von dort eine dreiviertel Stunde im Auto ins heimatliche Gengenbach.
Im Flugzeug gibt sich Schäuble bester Dinge. Ein Schnürsenkel ist aufgegangen. Er bindet ihn, im Sitzen nicht ganz leicht, selbst zu. Genüßlich reinigt er seine Pfeife, stopft sie aus einer runden silbernen Tabakdose halbvoll, raucht mit Behagen. Er gönnt sich Frankenwein und ahmt das Genuschel der britischen Würdenträger beim Mittagessen nach. Also eine Aussprache hätten die, eine glatte Zumutung.
Ob ihm der Tag nicht zu lang geworden sei? Die Füße würden dicker, wenn er länger als acht Stunden unterwegs sei, aber das gebe sich wieder, wenn "ich geschlafen habe und mit meinem Fahrrad fahre". In seinem per Handkurbel angetriebenen Dreirad - Schäuble rühmt die Straßenlage - kurvt er gerne zwei Stunden lang über Nebenstraßen durch die Felder und Wiesen daheim in Gengenbach - "mein work-out".
Die Auslandseinsätze sind, selbstverständlich, auch Demonstrationen. Ein Kanzler der Deutschen im Rollstuhl? Schäuble traut es sich zu, trotz der gelegentlichen behinderungsbedingten fiebrigen Infektionen. Könnte er mit den physischen und psychischen Belastungen des Amtes fertig werden? Es sieht so aus.
Fitneßnachweise erbringt Schäuble auch in jenem Job, den er ausübt. Der Chef der größten Regierungsfraktion kann sich keine Schwäche leisten. Er weiß, daß Gerede unter den Abgeordneten gar nicht erst aufkommen darf. Er will ja in jedem Fall über 1998 hinaus weitermachen.
"Ich wäre froh, wenn es bliebe, wie es ist", plaudert er bei Wein und Pfeife. Kohl solle Kanzler bleiben, er wolle die Fraktion weiter führen. Natürlich meint er es nicht so, er hat warten gelernt. Geduld ist zu seiner Stärke geworden.
Schäuble braucht ja auch mehr Zeit als andere für die Dinge des Alltags. Und er nimmt sie sich. Er gönnt sich einen Tag Ruhe vor den Strapazen der Auslandsreisen. Zu viele Politiker meinten, hat er erkannt, sie müßten ständig Beweise ihrer Bedeutung abgeben. Klaus Kinkel, Rudolf Scharping - abschreckende Beispiele aus seiner Sicht. Es sei besser, mal gar nichts zu tun, eine Grippe eine Woche im Bett auszukurieren. Ruhe strahle Kraft aus. Schäuble verweist auf das Beispiel Helmut Kohl.
In dieser Legislaturperiode wird es wohl nichts mehr mit Schäubles Kanzlerschaft. Am Tag, als die Regierung äußerst knapp die Wahl gewann, habe er gewußt, daß diese Frage beantwortet sei. Er könne ja rechnen.
Schäuble kann sich nicht vorstellen, daß Kohl an seinem Wort "von damals" festhält, er stehe bei der nächsten Bundestagswahl nicht mehr zur Verfügung. Der Kanzler rede zwar mit niemandem über seine Absichten, mit ihm nicht und mit dem CDU-Generalsekretär Peter Hintze schon gar nicht. Die ganze Spekulation über die Kohl-Nachfolge sei aber "brotlose Kunst".
Mit abfälliger Handbewegung tut der Fraktionschef eine Variante ab, die neulich in Umlauf kam: Kohl werde 1997 zugunsten von Schäuble auf den CDU-Vorsitz verzichten, doch Kanzler bis 1998 bleiben und im Wahlkampf für den Mann im Rollstuhl als seinen Nachfolger im Amte des Regierungschefs werben.
Den Wahlkampf könne doch ein Kanzler nicht für einen anderen führen, der nach ihm Kanzler sein solle. "Da geht es nicht zu wie bei der Bäckerei des Herrn Meier, der bei Geschäftsaufgabe die verehrte Kundschaft bittet, das bisherige Vertrauen auch dem Nachfolger entgegenzubringen."
Kurzum: "Wenn nichts Außergewöhnliches passiert, wird Kohl 1998 wieder kandidieren."
Außergewöhnliches könnte sich vielleicht im nächsten März nach den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ereignen. Scheitert die FDP in zwei oder gar in allen drei Ländern, wird, so sieht es Schäuble, die Lage in Bonn "unberechenbar".
Geraten die Liberalen dann in Panik? Kippen sie ihren gerade gewählten Vorsitzenden Wolfgang Gerhardt wieder? Fliegt die FDP-Fraktion auseinander? Manche FDP-Abgeordneten möge es dann zur Union drängen, womöglich in eine "liberale Arbeitsgemeinschaft in der CDU/CSU". Andere könnten ihr Heil in der Opposition suchen.
Strategen der Unionsparteien deklinieren längst die Alternativen: Neuwahlen oder Große Koalition.
Favorit für Neuwahlen mit dem Ziel der absoluten Mehrheit der Union ist Helmut Kohl. Die Große Koalition aber wäre Schäubles Chance. Die Sozialdemokraten könnten leicht für eine gemeinsame Regierung zu gewinnen sein; in ihrem Zustand müßten sie ja Neuwahlen möglichst meiden.
So ist es nicht pures Mitleid, wenn Schäuble hin und wieder versucht, seine Eventualpartner vor größeren Dummheiten zu bewahren, wie etwa beim Großen Zapfenstreich zum 40. Geburtstag der Bundeswehr. Dazu wollte der Vorsitzende der Volkspartei SPD nicht kommen, weil er, wie er sagte, "keine Zeit" habe. "Unmöglich", kommentiert Schäuble.
Der Zufall habe es gefügt, erzählt der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende, daß er auf dem Weg zum Zapfenstreich in der Tür des Bundeshauses auf Scharping getroffen sei. Er bot ihm an, ihn in seinem Wagen zum großen Ereignis im Bonner Hofgarten mitzunehmen. "Das wäre was geworden", bedauert der Christdemokrat die verpaßte Gelegenheit, "wenn wir zusammen vorgefahren wären." Scharping aber habe abgelehnt, der verstehe eben nichts von symbolischen Akten.
Die konservativ-liberale Koalition dürfte sich bis 1998 hinschleppen. Dann wird Kohl zum fünftenmal antreten und die FDP mit Hilfe jener Wähler, die ihn als Kanzler wollen, aber nicht CDU/CSU wählen mögen, nochmals in den Bundestag hieven. Schäubles Zeit kommt dann wenig später.
Kohl ist bei seiner Partei im Wort, er werde vor einem Rückzug vom Kanzleramt "mein Haus bestellen". Der Termin für den Wechsel, auch das kann die Partei verlangen, müßte so früh in der nächsten Legislaturperiode liegen, daß dem Nachfolger noch genügend Jahre für die Bewährung bleiben. Alles wie schon mal beabsichtigt, nur eben später.
CSU-Chef Theo Waigel kann sich denn auch einen Bundeskanzler im Rollstuhl "sehr gut vorstellen". Die Bürger, auch sein Verein in Bayern, würden Schäuble akzeptieren, vielleicht sogar stolz sein, wie der Mann sein Schicksal meistere. Waigel glaubt, die Deutschen besäßen inzwischen "die Reife" dafür.
Was nicht ist, kann ja noch werden.
Daheim kurvt Schäuble im Dreirad über Wiesen und Felder
* Am 2. November in London.
Von Dirk Koch

DER SPIEGEL 46/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/1995
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Union:
Keine Schwäche leisten

  • "Mr Europa" Jean-Claude Juncker: Backpfeifen und Tanzeinlagen
  • Deutsches Flugtaxi Volocopter: Erster bemannter Flug in Singapur
  • Trump attackiert eigene Partei: "Die Republikaner müssen härter werden"
  • Pläne der Bundesregierung: Landwirte demonstrieren gegen neue Gesetze