13.11.1995

SammlerEtwas säuerlich

Ein DDR-Dokumentationszentrum im brandenburgischen Eisenhüttenstadt zeigt Relikte aus dem sozialistischen Alltag.
Die Überbleibsel der untergegangenen DDR lagern in Bananenkisten. In einem Flur des Wohnkomplexes II im brandenburgischen Eisenhüttenstadt stapeln sich Dole- und Chiquita-Kartons bis unter die Decke, gefüllt mit allem, was im real existierenden Sozialismus zu haben war.
Seit gut zwei Jahren sammelt das einzigartige "Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR" Spuren aus 40 Jahren DDR-Leben: vom Fahrraddynamo über das Papiertuch "Quick intim" aus dem VEB Kunstblume bis zur Gewerkschafts-Diaserie "Willst du den Frieden - dann kämpf um ihn". Gut 1000 der 15 000 eingelagerten Exponate sind seit Montag nun zum erstenmal in einer Ausstellung zu besichtigen.
Unter dem Titel "Tempolinsen und P2", der an das beliebte Hülsenschnellgericht und den Vorläufer der allseits geschmähten Betonplatte zum Häuserbau erinnert, hat Andreas Ludwig, Chef des Städtischen Museums, Kurioses und Banales in Glasvitrinen gestellt. In den Räumen einer Kinderkrippe, die nach der Wende geschlossen wurde, und zwei zusätzlich angemieteten Erdgeschoßwohnungen können sich die Besucher auf eine Zeitreise durch Privates und Politisches begeben.
Für den West-Berliner Ludwig ist die Ausstellung eine Werbeschau in eigener Sache. Denn das Dokumentationszentrum ist bisher noch ohne festen Ort und eigenen Etat für Ankäufe. Beim Erwerb von Erinnerungsstücken ist der Museumsmann auf Spenden angewiesen.
Doch Ludwig ist zuversichtlich, demnächst potente Träger gewinnen zu können, schließlich haben sich Hüter stattlicher Etats zur Eröffnung angesagt: Brandenburgs Kultusminister Steffen Reiche steht auf der Rednerliste, und auch Hermann Schäfer will kommen, der als Leiter des Hauses der Geschichte in Bonn des Bundeskanzlers liebster Andenkensammler ist. Schon im nächsten Jahr, hofft Ludwig, könnten aus verschiedenen Töpfen und Förderungsprogrammen 900 000 Mark in die Kasse der Sammlung fließen.
Unvergeßlich für DDR-Bürger ist etwa der "Präsent 20", dem Museumsdirektor Ludwig einen eigenen Ausstellungsschwerpunkt widmet. Der Kunstfaseranzug kam extra zum 20. Geburtstag der Republik auf den Markt, meist in unscheinbarem Grau oder Braun gehalten. Das Modell von wuchtig-praktischem Zuschnitt war äußerst strapazierfähig und machte somit den westlich-dekadenten Wechsel der Mode auf Jahre hinaus überflüssig.
Daß die DDR qualitativ hochwertigen West-Erzeugnissen hingegen durchaus zugeneigt war, zeigt eine Phonothek: Dort erklingen auch die Ost-Pressungen von West-Sangeskünstlern wie Costa Cordalis und Mike Krüger.
Mit der weitverbreiteten Ostalgie habe seine Ausstellung nichts zu tun, findet Historiker Ludwig: "Schon das Wort ist eine Katastrophe", denn es gehe hier nicht um Verklärung. Lieber vergleicht er die Ostler mit Exilanten, die ihre Heimat für immer verloren haben: "Von fremden Dingen umgeben, gewinnt das Vertraute an Bedeutung."
Die Ausstellung ist der bisherige Höhepunkt eines Trends: Allerorten sichten Wissenschaftler und Hobby-Archäologen derzeit die Zeugnisse der implodierten Republik. Hunderte Forschungsprojekte von Universitäten und Instituten beschäftigen sich bundesweit mit der DDR und ihren Resten.
Den eifrigsten Sammler hat Ausstellungsmacher Ludwig jedoch vergessen einzuladen. Die Idee für ein DDR-Museum in Eisenhüttenstadt stammt ursprünglich vom Berliner Schlosser Jürgen Hartwig.
1992 tauchte Hartwig zum erstenmal mit seiner Museums-Vision in der Stahlstadt auf und kämpfte erfolgreich gegen die Bedenken der Stadtväter. Hartwig besitzt vermutlich die größte private Sammlung von DDR-Alltagsgegenständen. 30 000 Stück hat der Mann seit der Wende auf Flohmärkten erstanden, so ganz genau weiß er es auch nicht, "da habe ich etwas den Überblick verloren".
Jede freie Stunde war der Schichtarbeiter, der in einer Berliner Fabrik Batterien montiert, in den letzten fünf Jahren auf der Jagd nach Fundstücken. Alles, aber auch wirklich alles hebt er auf, wenn es nur aus der DDR stammt.
Der ehemalige Ost-Bürger, der 1975 nach einer mißglückten Republikflucht und anschließender Jugendhaft in den Westen ausgewiesen wurde, hütet etwa den Volkskammerausweis des DDR-Radleridols "Täve" Schur und Telegramme von Erich Honecker an Defa-Regisseur Kurt Maetzig. Er hortet Würfelzucker aus allen Jahrzehnten sowie noch scharfe Silvesterknaller vom beliebten Typ "Sexi Treffer", dazu alle Sorten Urkunden und Geldscheine.
Selbst zwei Stück Ost-Butter, die seit 40 Jahren vor sich hin ranzen, haben bei Hartwig ihren Platz gefunden: Eines liegt in der heimischen Kühltruhe, das andere in einem Lagerraum - die Butter riecht, wie der Sammler versichert, allenfalls "etwas säuerlich".
Bislang hält Hartwig seine DDR-Reste unter Verschluß, die Stadtverwaltung von Eisenhüttenstadt hat sie auf seinen Wunsch hin aus Angst vor Dieben an einem geheimgehaltenen Ort eingelagert. Hartwig will, wie viele manischen Sammler, ein eigenes Museum, und kein Ort scheint ihm dafür geeigneter als Eisenhüttenstadt, die "erste sozialistische Stadt der DDR" (DDR-Eigenwerbung). Anfang der fünfziger Jahre wurde die Siedlung neben dem Eko-Stahlwerk aus dem brandenburgischen Sand gestampft.
Auch ein geeignetes Datum für die Eröffnung hat Hartwig schon gefunden: 1999, zum 50. Geburtstag der beiden deutschen Staaten, will er seine Sammlung komplett zeigen. Für Präsentationen wie Ludwigs Schau, findet der Hobby-Archivar, sei es nämlich noch "viel zu früh".
Bei einem Besuch im Deutschen Historischen Museum in Berlin entdeckte Hartwig kürzlich eine osttypische Stoffnetztasche hinter Glas. "Daß die etwas wie einen prähistorischen Fund ausstellen, was im Osten noch viele benutzen", sagt er, "ist doch zynisch." Y
"Von fremden Dingen umgeben, gewinnt das Vertraute an Bedeutung"

DER SPIEGEL 46/1995
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