13.11.1995

Gewerkschaften„Ein wahnsinniges Stück Bewegung“

Der Weihbischof von Rottenburg war da und der Botschafter der Vereinigten Staaten sowie der amerikanische Generalkonsul. Nun begrüßt Günter Mayer "den vierten prominenten Gast" in seiner Pforzheimer Schmuckfabrik: Ein gewisser Herr Schulte trägt sich ins Goldene Buch von Guthmann + Wittenauer ein.
Der umgängliche Unternehmer ist ganz begeistert von seinem Besuch. Er preist den Gast als "Mann mit Erfahrung", der aus dem Ruhrgebiet kommt, wo man "das Herz auf dem rechten Fleck hat". Besonders hat es dem Schmuckfabrikanten gefallen, daß er den Besucher kürzlich auf dem CDU-Parteitag sah. Vieles, was er da gesagt habe, sei "völlig richtig".
So eine freundliche Begrüßung durch einen Unternehmer könnte einem vielleicht peinlich sein, wenn man Dieter Schulte heißt und Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes ist.
Aber der oberste Vertreter von zehn Millionen organisierten Arbeitnehmern läßt das Lob des Klassengegners gelassen an sich abprallen. Der Boß aller Bosse der Gewerkschaften hat kein besonderes Bedürfnis mehr, linke Rechtgläubigkeit zu demonstrieren. Schulte, 55, hat als Betriebsrat bei Thyssen lange genug mit dem Megaphon vor dem Werkstor gestanden und kämpferische Parolen posaunt. Den Arbeitsplatzabbau in der Stahlindustrie hat er damit immer nur auf die nächste Runde verschieben können.
Seit Mitte vorigen Jahres steht er an der Spitze der deutschen Gewerkschaftsbewegung und tut so, als wüßte er selber nicht, wie er da hingekommen ist. "Ich hatte ja nicht mal Gelegenheit, meine dreijährige Ausbildung im IG-Metall-Vorstand zu beenden", untertreibt er etwas übertrieben. Als der weithin unbekannte Heinz-Werner Meyer nach vier Amtsjahren plötzlich einem Herzinfarkt erlag, schlug IG-Metall-Chef Klaus Zwickel den noch unbekannteren Kollegen Schulte als Nachfolger vor.
Nur wenige, die ihn damals wählten, ahnten wohl, daß der unauffällige und leise Mann entschlossen ist, den angestaubten Traditionsverein gründlich umzukrempeln.
Da bleibt so mancher gewerkschaftliche Glaubenssatz auf der Strecke, den Schulte selber früher tapfer hochgehalten hat. Mit dem Spruchband "Samstags gehört Vati mir" ist er vor 20 Jahren auch herumgelaufen. "Lohnverzicht schafft keine Arbeitsplätze", das hat er auch gerufen. Aber so ganz habe das ja nie gestimmt. Und vom Interessengegensatz zwischen Kapital und Arbeit, erinnert sich Schulte, "haben wir immer geredet, wenn wir nicht mehr weiter wußten".
Jetzt will er endlich aus der Defensive. "Wir sind nicht die Verweigerer und Dinosaurier", erklärt Schulte seinem zuvorkommenden Gastgeber, "in die Gewerkschaften ist ein wahnsinniges Stück Bewegung hereingekommen."
Schwanzwedelnd beschnuppert ihn der Hund des Hausherrn als einen, der dazugehört. Die gewerkschaftliche Duftmarke hat sich offenbar hinreichend verflüchtigt.
Stolz führt der Hundebesitzer den DGB-Chef durch alle Abteilungen vom Design-Büro bis zum Galvanisierbad. Höflich betrachtet der Gast die Schmuckstücke deutscher Präzisionsarbeit, mit denen Guthmann + Wittenauer dem Weltmarkt trotzt - vom Marien-Kreuz bis zum Punker-Ohrring.
Im Redestrom des beflissenen Firmenchefs geht jeder Versuch des Arbeiterführers unter, die gewerkschaftliche Basis im Betrieb zu erreichen. Die 400 Beschäftigten halten den graumelierten Herrn im korrekten Glencheck-Anzug vermutlich für einen weiteren Weihbischof.
Am Ende des Rundgangs breitet Mayer vor dem bedeutenden Besucher eine Kollektion von Schlüsselanhängern "aus massivem Silber" aus. Schulte wählt das Modell mit dem Herz für seine Frau aus; für sich nimmt er das Glückskleeblatt. Dann läßt ihn der Chef diskret mit den Mitgliedern des Betriebsrats in seinem Konferenzraum allein.
Bedächtig stopft sich Schulte seine Pfeife, ehe er zur Sache kommt. "Wir müssen neue Wege bei der Gestaltung der Arbeitszeit gehen", sagt er nach den ersten Zügen, "seht ihr das auch so?"
Jawohl, Franz Fix, der Betriebsratsvorsitzende, sieht das auch so. Es bleibt ihm ja gar nichts anderes übrig. Der nette Herr Mayer, "mit dem man über alles schwätzen kann", hat nämlich einen Punkt, wo er ganz stur ist: die Arbeitszeit. Qualvoll hat sich die IG Metall im vergangenen Frühjahr endgültig die 35-Stunden-Woche erstreikt. Aber bei Guthmann + Wittenauer wird weiter 36 Stunden gearbeitet, weil der Chef es so will: "Das ist ja nur noch soviel, wie ein Schüler arbeitet."
Für Schulte ist das kein Dogma. "Wir waren ja immer schon stark drin, wenn wir Grundsätze aufgestellt haben", sagt er trocken über den eigenen Verein. Jahreskonten für die Arbeitszeit, das wäre doch auch für die Kollegen und Kolleginnen im Betrieb attraktiv, wirbt er, das bringt mehr "Zeitsouveränität".
Die Betriebsräte in Arbeitskittel und Latzhose sehen nicht sehr überzeugt aus. Ihr Vorsitzender ist ihnen weit voraus. Der Abschied von der alten Gewerkschaft fällt Schulte leichter, weil ihm "die radikalen linken Parolen nie gepaßt haben". Schon als Lehrling hatte er deswegen ständig Krach mit seinem Vater, "das war ein richtiger Kommunist".
Das ging manchmal schon frühmorgens los, wenn sie mit einem Kollegen zusammen im Auto ins Stahlwerk fuhren. Mit dem Spruch: "Dann laß uns doch dahin gehen, wo Milch und Honig fließen", brachte der Junge seinen Alten zur Weißglut. Der jammerte über die Maloche und daß er nichts vom Leben hat.
Die Befreiung und Selbstbestimmung, die sich sein Vater vom Kommunismus erhoffte, war für den Sohn schon bundesdeutsche Realität: "Ich habe hier genügend Möglichkeiten und Gestaltungsspielräume." Mit 20 Jahren zog er wegen unüberbrückbarer politischer Differenzen zu Hause aus.
Der ideologische Familienfrieden stellte sich erst Jahre später wieder ein. Der Vater trat aus der KPD aus und pflegte den zum Betriebsrat aufgestiegenen Sohn nur noch wegen seiner "dämlichen linken Thesen" zu beschimpfen.
Eigentlich hatte sich Schulte nach den Erfahrungen mit seinem Vater geschworen, "du wirst ein unpolitischer Mensch bleiben". Erst 1972, da war er schon 15 Jahre in der Gewerkschaft, trat er in die SPD ein, "wegen Willy".
Nun ist der DGB-Chef von Amts wegen ein politischer Mensch. Da die SPD im Bundestag als Opposition derzeit ausfällt, müssen die Gewerkschafter ganz allein Politik machen. "Der wirtschaftspolitische Flügel der SPD?" fragt sich Schulte, "ich weiß gar nicht, woraus der besteht."
Nicht einmal für Gerhard Schröder, den neuesten Welt-Ökonomen der Partei, kann sich Schulte so recht begeistern. Auch in einer modernen Wirtschaftspolitik muß für den Gewerkschafter noch ein Stück Sozialdemokratie erkennbar bleiben - das vermißt er bei dem Niedersachsen.
Manchmal fühlt er sich sogar in der Kanzlerrunde besser verstanden. Aufmerksam hat er registriert, daß Helmut Kohl auf dem CDU-Parteitag auch Steuerhinterziehung und Subventionsbetrug als Sozialmißbrauch verurteilt hat, und scherzt nicht ohne Ernst: "Ich weiß nicht, wann der Kanzler nun Mitglied der Gewerkschaft wird."
Zusammen mit seinem früheren IG-Metall-Kollegen Zwickel überrascht Schulte die Konservativen in Wirtschaft und Parteien mit Angeboten zur flexiblen Gestaltung von Arbeitszeit und Löhnen, von denen die bisher nur träumen konnten. Die Modernisierer muten damit auch ihren eigenen Gewerkschaftsmitgliedern einiges zu. Doch was wie ein Rückzieher vor der Unternehmerfront aussehen könnte, wirkt wie eine überlegte Vorwärtsstrategie für den umstrittenen Standort Deutschland.
Die neue Beweglichkeit der alten Arbeiterbewegung hebt sich wohltuend ab vom wirren Gewusel in der dazugehörigen Partei. SPD und Gewerkschaften haben viele Sorgen gemeinsam: Mit dem Strukturwandel der Wirtschaft schwindet die angestammte Mitgliederbasis dahin, mit der Globalisierung der Märkte funktioniert die gewohnte Mechanik sozialer Umverteilung nicht mehr. Doch die bodennahen Gewerkschaftsführer sind den veränderten Anforderungen anscheinend besser gewachsen als ihre abgehobenen Kollegen an der Spitze der Sozialdemokratie.
Bei seinen Besuchen in der DGB-Provinz verbindet Schulte in seiner Person die alte und neue Gewerkschaft. Im Pforzheimer Ratskeller, wo die Kreisvorstandskonferenz ihn mit Hähnchenkeulen erwartet, ist für einen Moment die Welt der Arbeit wieder in Ordnung. Der Gewerkschaftsboß zieht aufatmend die Jacke aus und legt zwei silberhaarigen Kollegen die Hände auf die Schultern. Mit den beiden IG-Metall-Rentnern hat Schulte 1988 als Thyssen-Betriebsrat gegen die Stillegung der Krupp-Hütte in Duisburg-Rheinhausen gekämpft. Die Pforzheimer Schmuckhandwerker hatten die Patenschaft für die Stahlarbeiter an der Ruhr übernommen.
Die Augen glänzen, schön muß es damals gewesen sein. Wißt ihr noch, Kollegen, unsere gemeinsamen Wanderungen im Schwarzwald, und dann der stählerne Info-Stand aus dem Ruhrpott - das Trumm war nur mit einem Schwerlaster zu transportieren und steht heute noch irgendwo in Pforzheim herum.
Aber ist der Mann an der Spitze der Organisation noch der alte Schulte? Als einen "Ausnahmegewerkschafter" hat ihn neulich sein Chef gelobt, erzählt ein Pforzheimer Kollege bedrückt, weil der DGB-Vorsitzende die Samstagsarbeit nicht mehr kategorisch ablehnt. Das kann Schulte nicht auf sich sitzen lassen. Umständlich setzt er auseinander, wieso er mit einer ehrwürdigen Errungenschaft der Arbeiterbewegung so locker umgeht.
Das war nämlich so: Die Unbeweglichkeit der Gewerkschaften bei der Samstagsarbeit koste jährlich eine halbe Million Arbeitsplätze, habe der Arbeitgeberpräsident Klaus Murmann behauptet. Bitte sehr, wir sind längst viel flexibler, als Sie immer behaupten, hat Schulte ihm da entgegengehalten - wo sind die Arbeitsplätze?
"Da hat der Murmann in der großen Runde beim Kanzler einen Offenbarungseid abgeben müssen" - unter dem Strich kann er damit nicht mehr als 70 000 Arbeitsplätze schaffen. "Ich wollte sie locken", sagt Schulte schlau, "sonst hätte der Murmann das noch ein Jahr lang verbreiten können."
Zum Glück bleibt es den einfachen Mitgliedern verborgen, daß Schulte mit seinen Gewerkschaftsführern oft genauso zu kämpfen hat wie mit den Arbeitgebern.
Bisher ist es dem DGB-Chef zum Beispiel nicht gelungen, "meine ganzen Gralshüter" auf eine gemeinsame Linie zur ökologischen Steuerreform festzulegen. Gewinner und Verlierer einer Energiesteuer sind quer durch die Mitgliedsreihen verstreut.
Wirkliche Macht hat der Vorsitzende nicht über die in seinem Bund zusammengeschlossenen Gewerkschaften. So darf er zu einer entscheidenden Frage der Wirtschaftspolitik öffentlich nichts sagen, obwohl er es längst müßte: "Aber irgendwann habe ich die Schnauze voll und werde vorpreschen."
So modern und offen, wie Schulte sich wünschte, ist die deutsche Arbeiterbewegung noch nicht. Es löste schon eine bedenkenschwere innergewerkschaftliche Diskussion aus, als sich der DGB-Vorsitzende für den Stern im Nachtgewand daheim auf dem Sofa fotografieren ließ, als Freund der italienischen Oper mit übergestülptem Kopfhörer. Seine Frau Britta mußte auf ihren Porsche verzichten, weil dieses bourgeoise Prestige-Geschoß mit dem neuen Gewerkschaftsamt ihres Mannes nicht vereinbar erschien.
Nur eine unauffällige Extravaganz leistet sich der DGB-Chef: Schulte hat eine Schwäche für kostbare Krawatten, für Hermes oder Ferragamo. Am Kragen des Vorsitzenden geht es meistens bunt und lustig zu. Küken schlüpfen aus dem Ei, Walfische spritzen eine Fontäne in die Luft.
Gern trägt der Gewerkschafter auch Dinosaurier: "Aber die wirklichen Dinosaurier sind noch immer die Unternehmer." Y
"Die radikalen linken Parolen haben mir nie gepaßt"
Frau Schulte mußte auf ihren Porsche verzichten
Von Michael Schmidt-Klingenberg

DER SPIEGEL 46/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/1995
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Gewerkschaften:
„Ein wahnsinniges Stück Bewegung“

  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause
  • Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen
  • Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling