13.11.1995

InnovationenRestlos entleert

Sind Erfinder liebenswerte Spinner - oder die treibende Kraft der wirtschaftlichen Entwicklung?
Wo immer Familie Römpke ihre Erfindung vorstellt, kichern und feixen die Menschen vor Vergnügen. "Das ist kein Partygag", sagt dann Sohn Heinz Hubert, 32, streng und hält sich, ohne die Miene zu verziehen, seine Erfindung zur Demonstration vor den Hosenladen: eine 50 Zentimeter lange, röhrenartige Tüte aus dünnem Zellstoffpapier.
Tatsächlich kann das, was da wie ein schlapper Rüssel zwischen Römpkes Beinen baumelt, Millionen Frauen glücklich machen: "Man Paper", so verspricht die Produktinformation, "löst endlich und endgültig das Problem der sogenannten Stehend-Pinkler, indem es sowohl den stärksten als auch den schwächsten Urinstrahl geschlossen aufnimmt und ohne ein seitliches Entweichen selbst kleinster Urinpartikel sanft in das WC-Becken einleitet."
"Ein hygienischer Quantensprung", schwärmt Erfindervater Heinz Römpke, 70, überzeugter Stehend-Pinkler ("Nur im Stand fühle ich mich restlos entleert"). Ein Jahr lang hat die ganze Familie am Prototyp gebastelt, bis er endlich optimiert war und in Deutschland und Europa das Patent beantragt werden konnte.
Auch die Schneckenschere des Hohenloher Grünen-Kreisvorstandes Heinrich Schreiber hat bereits ein Aktenzeichen beim Patentamt. Was diese Schere von herkömmlichen unterscheidet, ist eine sichelförmige Einkerbung, die es erleichtert, glitschige Nacktschnecken zu packen und mit einem beherzten Schnitt zu töten.
Alles Spinner? Ganz im Gegenteil: "Erfinder sind eine schützenswerte Gattung", sagt Joachim Bader, Vorsitzender des Deutschen Erfinderverbandes, "eine treibende Kraft in der Evolution unserer Gesellschaft." Und doch ist die Gattung strukturell vom Aussterben bedroht; die Rahmenbedingungen für Privatgenies in Deutschland sind schlecht.
"Die Industrie hat an vielen Erfindungen überhaupt kein Interesse", klagt Bader. Zum einen verfügen Großunternehmen über eigene Forschungsabteilungen, die sich nur ungern von Laien etwas vormachen lassen. Zum anderen sind viele Erfindungen schlicht unerwünscht, weil sie - wie etwa der wartungsfreie Ölfilter, der nicht kaputtgeht - nur die Geschäfte stören.
Gibt es in Deutschland also gar keine Innovationskrise, sondern nur Manager, die nicht in der Lage sind, Innovationen zu erkennen? Gern wird von Erfindern das Beispiel des Faxgerätes erzählt, das in Deutschland erfunden wurde - und das keiner haben wollte.
"Selbst Siemens hat abgewinkt und gesagt, wir haben doch das Telex", erregt sich Bader. "Schließlich kauften die Japaner die Idee, weil die wegen ihrer vielen Schriftzeichen kein Telex hatten."
So vergammeln viele gute Ideen im Patentamt, bis der enttäuschte Erfinder - aus Kostengründen - nicht mehr länger an ihnen festhält. "Die Hälfte aller Patente werden nach sieben bis acht Jahren aufgegeben", sagt Patentamtschef Norbert Haugg. Eines größeren Aufwandes bedarf es, ein Patent in ganz Europa schützen zu lassen.
Daß viele private Erfinder sich hohe Gebühren nicht leisten können und ihre Ideen deshalb begraben, schmerzt Bader. Ginge es nach ihm, müßte erst einmal das Image des wirren Spinners zurechtgerückt werden - etwa mit einer Belohnung von 5000 Mark pro Patent. Soviel, meint er, müsse der Gesellschaft Innovation wert sein.
Nur wenige können von ihrem Einfallsreichtum leben. Eine von diesen Ausnahmen ist Bruno Gruber. 1974 wurde der Rundfunk- und Fernsehtechniker, der im Entwicklungslabor einer Elektronikfirma arbeitete, wegrationalisiert. Ausgestattet mit einer Abfindung, beschloß der Bayer, Erfinder zu werden; inzwischen hat er 60 Patente und 20 Gebrauchsmuster (ungeprüfte Erfindungen) angemeldet.
"Ein Erfinder muß ganz anders denken, als wir das in der Schule gelernt haben", sagt Gruber. Die Forschungsabteilungen der Großkonzerne verwechselten Erfindung mit Entwicklung, und deswegen komme da nichts Neues heraus.
Auf die Industrie ist er nicht gut zu sprechen, und auf deren Manager erst recht nicht. Die hätten alle Angst um ihren Job und investierten nichts, schimpft Erfinder Gruber. Und überhaupt: "Viele Sachen sind in unserem System nicht zu machen."
Längst gebe es Staubsauger, deren Stärke sich nicht an der Wattzahl orientiere, sondern sinnvollerweise an der angesaugten Luftmenge, sagt Gruber. "Aber Siemens stellt nicht nur Staubsauger her, sondern baut auch Atomkraftwerke. Und so machen sie uns weis, daß ein guter Staubsauger 1400 Watt verbrauchen muß."
Oder die Sache mit dem Swatch-Auto: "Statt der geplanten billigen, umweltschonenden Alternative wird Mercedes einen Haufen Schnickschnack dranbauen, das Ding teuer machen und dann als Zweitauto zur großen Luxuslimousine promoten."
Das einzige, was ihn tröstet, ist die Hoffnung: Wenn alle nur noch im Stau sitzen, wird ja vielleicht seine neueste Erfindung ein Renner - der Wirbelsäulen-Airbag. Ein kleines Luftkissen, an der Rückenlehne montiert, bläst sich langsam auf, drückt sanft gegen die Wirbel und erschlafft dann langsam wieder. Y

DER SPIEGEL 46/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Beeindruckende Unterwasseraufnahmen: Unterwegs mit tausend Teufelsrochen
  • Eklat in Großbritannien: US-Diplomatenfrau reist nach tödlichem Unfall aus
  • Rituale im britischen Unterhaus: "Lady Usher of the Black Rod"
  • Indonesien: Orang-Utans werden Opfer von Brandrodungen