13.11.1995

Mit Pipelines gegen den Wärmemüll

Die Kampagne kam aufdringlich daher. "Wir retten Ihre Zukunft. Es kostet Sie nichts!" versprach die Partei "Die Sparer" zum Auftakt des Kommunalwahlkampfes in Saarbrücken. "Wählt nicht die Birne, wählt Dr. Hell", forderte der obskure Verein auf Plakaten und präsentierte einen Kandidaten, dem statt des Kopfes eine Stromsparlampe aufgesetzt war.
Aufklärung kam schließlich per Post. Hinter der Aktion standen die Stadtwerke. Sie boten jedem Haushalt kostenlos eine Leuchtgaslampe zum Austausch gegen stromfressende Glühbirnen an. Jeder zweite nahm bislang das Angebot wahr, so wurde die Leistung eines kleinen Kraftwerks von 2,5 Megawatt eingespart. 1,2 Millionen Mark kostete die Aktion, halb soviel wie die Erzeugung der gleichen Menge Strom kosten würde.
Die aggressive Sparlampenwerbung ist nur eines der vielen Programme, mit denen die Stadtwerker der Saar-Hauptstadt gegen Energieverschwendung vorgehen. Wie keine andere Kommune in Deutschland demonstrieren die Reformer von der Saar, daß der Hauptverursacher der drohenden Klimakatastrophe, die Energiewirtschaft, ökologisch gebändigt werden kann.
Mit zinsverbilligten Krediten in Höhe von bisher 45 Millionen Mark förderten die Öko-Stromer die Modernisierung von Heizung und Warmwasserbereitung bei jedermann. Sie beteiligen sich an einem Windpark vor den Toren der Stadt, der Elektrizität für bald 5000 Haushalte liefert.
Auch für Solarstrom zahlen sie gut und rüsten selbst Lärmschutzwände mit Solarzellen aus. Über ein Prämiensystem sollen die Bürger nun dafür gewonnen werden, nur noch sparsame Kühl- und Gefrierschränke zu kaufen.
Kernstück des Öko-Konzepts ist jedoch die konsequente Verbindung der Stromerzeugung mit der Gewinnung von Heizungswärme. Der Ausstieg aus dem alten Großkraftwerksystem, bei dem zwei Drittel der eingesetzten Energie als Wärmemüll an die Umwelt abgegeben werden, wurde unter Führung des früheren Stadtwerke-Chefs und heutigen Landesumweltministers Willy Leonhardt schon beinahe geschafft. Knapp 90 Prozent des Stromverbrauchs decken drei hochmoderne Kohlekraftwerke, die ein Fünftel der Saarbrücker Haushalte mit Fernwärme versorgen.
Vernetzen hilft vermeiden, diese Strategie verhalf auch zur Verwertung von stündlich bis zu 30 000 Kubikmetern Hochofengas der örtlichen Stahlhütte, die früher nur abgefackelt wurden. Seit 1989 leitet eine Pipeline das Abfallgas in den Brennraum des Heizkraftwerks Römerbrücke.
Innerhalb eines Jahrzehnts gelang Saarbrücken so ein großer Schritt zum Klimaschutz: Weil bei der Stromherstellung im Schnitt zwei Drittel der Energie aus Kohle und Gas wirklich genutzt werden, sank der Ausstoß des Klimagifts Kohlendioxid um 15 Prozent. Weitere 10 Prozent Minderung sind in den nächsten zehn Jahren geplant.
Wo Fernwärmeanschlüsse nicht rentabel zu legen sind, sollen mit einigen Dutzend Blockheizkraftwerken kleiner Leistung "Wärmenetzinseln" entstehen, in denen dann Tausende häuslicher Heizkessel stillgelegt werden können.
Die Ambitionen der städtischen Energiemanager sind groß, gleichwohl müssen die Bürger nicht draufzahlen. "Unser Strom ist nicht teurer als im übrigen Saarland", freut sich Stadtwerke-Vorstand Franz Heinrich. Seine High-Tech-Anlagen liefern die Kilowattstunde für rund zwölf Pfennig, billiger kann es auch die benachbarte Vereinigte Saar-Elektrizitäts-AG nicht, die zum Reich des RWE-Konzerns gehört.
Bisher haben sogar die Ausgaben für die Einspartechnik bei der Kundschaft dem Unternehmen nicht geschadet, obwohl sie den Verkauf mindern. Die Mehrkosten wurden bislang durch straffes Management ausgeglichen, sagt Heinrich. "Hier arbeitet nicht nur die Technik effizient, sondern auch das Personal."

DER SPIEGEL 46/1995
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