13.11.1995

WerftenTief durchatmen

Die Krise beim Bremer Vulkan spitzt sich zu: Vorstandschef Hennemann droht die sofortige Absetzung, die Banken fordern Hilfe vom Staat.
Friedrich Hennemanns Aktien standen schlecht, als er am Dienstag vergangener Woche die Treppen zum Schweriner Wirtschaftsministerium emporhetzte. Es ging um eine letzte Gnadenfrist für den angeschlagenen Chef des Bremer Vulkan.
Am Vormittag war der Börsenkurs des Werftenverbundes völlig zusammengebrochen, nachdem Meldungen über eine drohende Zahlungsunfähigkeit des Konzerns nicht abreißen wollten.
Wortreich beteuerte der Chef des mit 1,2 Milliarden Mark hochverschuldeten Betriebes, es gehe dem Vulkan "so gut wie nie". Mit gewundenen Sätzen versuchte er, Wirtschaftsminister Harald Ringstorff zu beruhigen. Es gebe "keinen Grund daran zu zweifeln, daß die ökonomische Substanz des Unternehmens nicht ausreicht, die Probleme, die es an der einen oder anderen Stelle hat, zu meistern", sagte Hennemann. _(* Am vergangenen Freitag auf der ) _(MTW-Werft in Wismar. )
Doch Ringstorff (SPD) verlangte harte Zahlen, wolkige Worte hatte er genug gehört. Die Atmosphäre vereiste, weil Hennemann den Beweis für seine Behauptungen schuldig blieb.
Nun muß Hennemann auf der für kommenden Mittwoch einberufenen Aufsichtsratssitzung mit dem Schlimmsten rechnen - seiner sofortigen Ablösung. Schon vor neun Wochen hatte der Werftenchef, auf Druck der Banken, seinen Rücktritt erklärt - und seitdem immer wieder hinausgezögert. Angeblich fehlte ein geeigneter Nachfolger.
Die neuen Entwicklungen lassen den Aufsichtsräten nun keine andere Wahl. Hatte Hennemann im Frühjahr noch getönt, 1995 werde erstmals seit langem wieder eine Dividende ausgezahlt, mußte er für das erste Halbjahr bereits einen Verlust von 27 Millionen Mark einräumen.
Als Capital meldete, die Verluste beliefen sich in Wahrheit bereits auf 100 Millionen Mark, tobte Hennemann. Capital, versicherte er noch letzte Woche, werde die Zahl zurücknehmen. Davon war dem Chefredakteur des Blattes bis vergangenen Freitag nichts bekannt.
Auch Ringstorff wird Hennemann nach der Wahrheit über die 100 Millionen gefragt haben. Nach dem Gespräch war der Minister offenbar besorgter als zuvor. In Schwerin folgte Krisensitzung auf Krisensitzung.
Bereits am Tag nach dem Hennemann-Termin stand Christian Traxel, Filialleiter der Commerzbank Hamburg, vor der Ministertür. Der Vulkan-Hausbanker stimmte Ringstorffs Forderung zu: Hennemann soll umgehend vom Vorstandsvorsitz entfernt werden. Ein Sanierer muß her.
Erst im September hatten die Commerzbank und andere Geldinstitute Hennemanns Vulkan 300 Millionen Mark Kredit nachgeschossen. Ein großer Teil dieses Geldes war gleich wieder weg, weil der Konzern für Aufträge an Zulieferer "Sicherheiten hinterlegen mußte in Form von Cash" (Traxel).
Bei der Aufsichtsratssitzung am Mittwoch soll nicht nur Hennemanns Kopf rollen. Auch "andere Vorstandsressorts", versprach Commerzbanker Traxel in Schwerin, würden neu besetzt: "Es wird einen Ruck durch das Unternehmen geben. Schon bald werden wir tief durchatmen."
Unklar ist bis heute, wohin die Millionen an Werftsubventionen und Investitionsgeldern gesickert sind. Die Schweriner Landesregierung vermutet, daß von den mehr als 700 Millionen Mark, die für den Aufbau der Ostwerften in Wismar, Rostock und Stralsund von der Treuhandanstalt überwiesen wurden, mindestens 140 Millionen mit Verlusten verrechnet worden und verloren sein könnten.
Unklar ist auch, ob eine noch nicht ausgezahlte Tranche von rund 400 Millionen Mark nicht bereits zur Deckung von Forderungen beliehen wurde. Dafür spreche, so ein Insider, daß der Vulkan-West immer mehr Verluste mache, die - egal wie - zur Abwendung des Konkurses gedeckt werden müssen.
Zur Erklärung mußte am vergangenen Donnerstag Dirk Groß-Blotekamp, Direktor für Vertragskontrolle bei der Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BVS), bei Ringstorff vorsprechen. Die BVS, Nachfolgerin der mittlerweile aufgelösten Berliner Treuhandanstalt, ist für die Kontrolle der Treuhand-Investitionsgelder zuständig.
Die Millionen für die Werftsanierung im Osten, so die Vorgabe in den Verträgen mit dem Vulkan, dürfen nicht als Stopfmasse für Finanzlöcher im Westen verwendet werden. Doch zumindest der Nachweis für die fehlenden 140 Millionen ist dem Schweriner Wirtschaftsministerium nicht nachvollziehbar. Auf die vierteljährlich zu erstellenden BVS-Kontrollberichte warten die Beamten bislang vergebens. Groß-Blotekamp versicherte, daß "der Vulkan seine vertraglichen Verpflichtungen gegenüber der BVS eingehalten" habe.
Das Land Mecklenburg-Vorpommern sorgt sich nun auch um das freie Anlagevermögen der Ostwerften, also die nicht mit Schiffbauanlagen bebauten Grundstücke der ehemaligen volkseigenen DDR-Betriebe. Im Falle einer Vulkan-Pleite würden sie womöglich in den Besitz der Banken wechseln. Die Geldinstitute, fürchtet Heinz Ache, Präsident des Verbandes für Schiffbau und Meerestechnik in Hamburg, würden im Ernstfall "sofort zugreifen".
Ache gilt als einer der wenigen Kenner des undurchsichtigen Werftkonzerns - und als möglicher Nachfolger Hennemanns. Offiziell hält der Bremer seinen Wechsel auf den Vorstandsstuhl für abwegig. Doch in Schweriner Regierungskreisen gilt er als Favorit.
Die Sanierung des Bremer Vulkan würde auch für ihn ein hartes Stück Arbeit bedeuten. Dem Unternehmen fehlen allein für das laufende Geschäft Millionenbeträge.
Schon buhlen die Banken um staatliche Hilfe. Die Sicherstellung der Bonität könne "nur durch Garantien aus dem Bankenbereich oder aus dem Landesbereich erfolgen", sagte Commerzbanker Traxel vergangene Woche in Schwerin. Und fügt hinzu, "bis dato" seien nur die Banken eingetreten.
Dabei wird es wahrscheinlich nicht bleiben. Die Banken fordern intern eine 300-Millionen-Mark-Landesbürgschaft aus Mecklenburg-Vorpommern.
Die Banker wissen: Das industriearme Land kann sich eine Werftenpleite nicht leisten. Y
Allein für das laufende Geschäft fehlen Millionenbeträge
* Am vergangenen Freitag auf der MTW-Werft in Wismar.

DER SPIEGEL 46/1995
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