13.11.1995

Geldanlage„Den Crash vergessen“

Thieme, 52, betreibt eine Börsen-Consultingfirma in New York und Fondsgesellschaften in Amerika und Luxemburg.
SPIEGEL: Seit fünf Jahren steigen an der New Yorker Wall Street die Kurse der amerikanischen Aktien. Wann kommt an den Börsen der große Crash?
Thieme: Der nächste Crash ist programmiert. Wir hatten bereits zwei große in diesem Jahrhundert, 1929 und 1987. Der nächste könnte noch furchtbarer werden als der letzte. Damals verlor der Dow-Jones-Index an einem Tag fast ein Viertel seines Wertes. Allerdings: Der nächste Crash könnte nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung nicht vor dem Jahr 2045 eintreten.
SPIEGEL: Sind Sie sicher, daß die Börse nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung funktioniert?
Thieme: Spaß beiseite. Ein Crash ist ein komprimierter Zusammenbruch der Börse, der durch außergewöhnliche Ereignisse verursacht wird. Im Jahr 1987 war der hohe Zins der Auslöser für den Kursverfall. Wer kauft schon Aktien, wenn er mit Anleihen mehr Geld verdienen kann?
SPIEGEL: Was lehrt uns das?
Thieme: Wir lernen daraus, daß wir den Crash vergessen können. Seit dem Oktober 1987 ist der Dow-Jones-Index um 200 Prozent gestiegen. Und selbst diejenigen, die am Tag vor dem Crash gekauft haben, haben ihr Geld innerhalb der letzten acht Jahre - inklusive der Dividendenzahlungen - mehr als verdoppelt. Also: Wenn es zum Crash kommt, voll investieren!
SPIEGEL: Wäre es nicht besser, vorher auszusteigen?
Thieme: Wir haben zur Zeit die längste Hausse, die es je gegeben hat. Seit dem 11. Oktober 1990 sind die Kurse an der Wall Street ohne nennenswerte Unterbrechung gestiegen. Wer also aus Angst vor dem Crash seine Aktien verkauft hat, hat viel Gewinnpotential verschenkt.
SPIEGEL: Die Vergangenheit läßt sich leicht interpretieren, aber morgen kann alles ganz anders aussehen.
Thieme: Die Fakten sprechen dagegen. Die Wirtschaft expandiert relativ langsam, die Inflation ist gebändigt, so daß die Zinsen weiter fallen können.
SPIEGEL: Die hohe Arbeitslosigkeit stört nicht?
Thieme: In Amerika ist sie mit 5,5 Prozent relativ niedrig, Europa weist als Folge der neuen Weltordnung deutlich höhere Zahlen auf. Jeder Arbeitnehmer in der westlichen Welt konkurriert mit einem Tschechen, einem Russen oder einem Chinesen. Die Konkurrenz ist enorm groß. Die Deutschen werden bald erleben, daß die Löhne nicht mehr steigen, sondern sinken. Anders werden die Arbeitsplätze in Hochlohnländern nicht zu halten sein.
SPIEGEL: Und wie wirkt sich das auf die Kurse aus?
Thieme: Es kann schon sein, daß die Kurse an der Wall Street in den nächsten zwölf Monaten um ein paar hundert Punkte sinken, aber es wird keinen Crash geben. Wir werden an der Wall Street die Marke von 4000 Punkten in diesem Jahrhundert nicht mehr unterschreiten.
SPIEGEL: Sind Sie da ganz sicher? Sie haben mit den von Ihnen verwalteten Aktienfonds auch schon mächtig schiefgelegen.
Thieme: Wer klare Aussagen macht, kann auch mal danebenliegen. Aber sehen Sie sich doch die Daten an: Der Ölpreis wird sich kaum verändern, die Löhne werden nur mäßig steigen. Die Inflationsraten werden also niedrig bleiben. Folglich können die Zinsen weiter sinken und die Aktienkurse weiter klettern.
SPIEGEL: Welche Aktien empfehlen Sie?
Thieme: Zum einen Technologiewerte. Computer und Software werden in Zukunft eine noch größere Rolle spielen als heute. Der nächste Bereich sind Biologie-Unternehmen, die in der Gentechnologie tätig sind. Und der dritte Sektor ist die Telekommunikation. Denn ohne Telefon läuft heute gar nichts mehr.
SPIEGEL: Was ist mit den Medienkonzernen?
Thieme: Die bieten große Chancen, aber auch viele Risiken. Die Konkurrenz ist groß, die Summen, die für Übernahmen gezahlt werden, sind enorm hoch. Mir erscheint zur Zeit nur die Disney-Aktie empfehlenswert.
SPIEGEL: Warum ist die deutsche Börse im Vergleich zu anderen Ländern so wenig attraktiv?
Thieme: Der deutsche Markt ist unterentwickelt. Nur wenige Deutsche besitzen Aktien, und die ausländischen Anleger haben Angst vor Währungsverlusten. Vielleicht trägt auch dazu bei, daß viele deutsche Banken ihren Aktienhandel nach London verlagern und damit den Börsenplatz Frankfurt abwerten. Y
"Die Zinsen können weiter sinken, die Kurse weiter klettern"
[Grafiktext]
Dow-Jones-Index seit 1988
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 46/1995
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