13.11.1995

InvestitionenWie Fürsten

Vietnam soll das neue Boomland Asiens werden, die Deutschen wollten von Anfang an mitmischen. Jetzt sind viele enttäuscht.
Genervt dreht Thomas Runkel eine gefälschte Packung Aspirin in den Händen. 30 Prozent der Medikamente kommen in Vietnam ohne Zulassung oder als Fälschung auf den Markt. Und das macht dem Vertreter des Chemiekonzerns Bayer das Geschäft noch schwerer, als es ohnehin schon ist.
Um den noch bescheidenen vietnamesischen Markt aufzurollen, hat Bayer eine originelle Idee entwickelt: Die Leverkusener richten in Ho-Tschi-minh-Stadt und in Hanoi bis zum Jahr 1996 insgesamt 100 Apotheken ein. Anschließend schulen sie die Apotheker, wie gefälschte Medikamente zu erkennen sind.
Den Leverkusener Konzern kostet das pro Laden immerhin 3000 Dollar. Aber so ist der Chemiemulti zumindest auf dem Markt präsent.
Das kann man nicht gerade von vielen deutschen Unternehmen behaupten. "Die Asiaten kommen und investieren", sagt Jungmanager Runkel, 32. "Doch die Deutschen sind schon seit Jahren auf Fact-finding-Mission."
Nun ist die Mission offenbar beendet, das Ergebnis negativ. "Vietnam", hieß es auf feinem Büttenpapier an ausgewählte Akteure der deutschen Wirtschaft, sei nicht attraktiv genug. Zu sehr, empfand der Lenkungsausschuß des Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft Mitte Oktober, hätten sich in dem südostasiatischen Land "schon Japaner und Unternehmer aus den USA" festgesetzt.
Den deutschen Investoren werde deshalb empfohlen, sich doch besser auf die vielversprechenderen zukünftigen Tigerländer zu konzentrieren - nämlich die Philippinen und Burma.
Wie bitte? Ist der Traum vom neuen Boomland mit dem noch unerschlossenen riesigen Markt schon ausgeträumt, noch ehe er richtig begonnen hat?
In dieser Woche kommt der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl mit zahlreichen Wirtschaftsführern in das Land, das in den vergangenen Jahren als neuer ökonomischer Tiger gehandelt wurde. Und da soll die deutsche Industrie das potentielle Wirtschaftswunderland mit seinen rund 74 Millionen Konsumenten schon wieder aufgegeben haben?
Es sieht ganz danach aus. Deutsche Unternehmer haben in dem südostasiatischen Land fast nichts zu melden.
Auf der Rangliste der Investorenländer, die von der kommunistischen Regierung auf Wirtschaftsreformkurs monatlich wie eine Hitparade veröffentlicht wird, findet sich die Bundesrepublik zur Zeit auf Platz 28 - hinter Panama, Belorußland und der Ukraine. Gegenwärtig machen Taiwaner, Hongkong-Chinesen, Japaner, die USA und die einstige Kolonialmacht Frankreich das Geschäft (siehe Grafik Seite 128).
"Wenn die Deutschen nicht bald kommen, dann können sie auch zu Hause bleiben", höhnt ein führender Wirtschaftswissenschaftler aus dem Staatsrat über die Deutschen, die ständig über mangelnde Rechtssicherheit und Korruption in dem armen Entwicklungsland klagen.
Selbst ein Diplomat Bonns räumt ein: "An den Zahlen gibt es wirklich nichts schönzureden." Droht nach dem Spätstart in China, den verschlafenen Chancen in Thailand, Taiwan und Fernost nun eine Pleite in Vietnam?
"So ein Unsinn", sagt Hans-Holger Moskopf, Chef der Siemens-Niederlassung in Hanoi. Lautes Hupen von Mopeds aus japanischer Produktion und Autolärm dringen in die frisch renovierte französische Kolonialvilla, in der Deutschlands Elektronikriese sein Vietnam-Hauptquartier aufgeschlagen hat.
"Als ich vor knapp zwei Jahren hierherkam, gab es fast kein Licht in den Straßen der Hauptstadt, und Wasserbüffel bestimmten das Verkehrsbild", sagt der optimistische Deutsche. "Jetzt wuselt es nur noch so. Die Leute sind wild darauf zu arbeiten." Der Strom fällt täglich nur noch einmal aus. Noch ist die vom Krieg zerstörte Infrastruktur nicht ganz hergestellt. Aber dann springt der hauseigene Generator an.
"Die Großen der Industrie müssen hier sein", sagt der Siemens-Vertreter. Der Konzern hat dem Land einen Kreditrahmen von 200 Millionen Mark gewährt. Das sind 50 Millionen mehr, als der gesamte Plafond der Hermes-Bürgschaft der Bundesrepublik zuläßt.
Im "schlimmsten Falle", meint der Deutsche, "haben wir hier in den kommenden zehn Jahren nur sieben Prozent Wachstum jährlich". Ein Boom habe die gesamte Mekong-Region erfaßt, an dessen Delta Vietnam liegt. "Was wir in den nächsten Jahren erwarten können", orakelt der Siemens-Abgesandte, "ist die Umstellung von Kriegswirtschaft auf Wirtschaftskrieg." Aber gerade das ist ja das Problem. Mit dem aggressiven Wirtschaften der Asiaten kommen vielleicht einige Großkonzerne und ein paar unerschrockene Einzelkämpfer halbwegs klar. Biedere Kaufleute aus Flensburg und Paderborn hingegen sind verloren. Die deutschen Unternehmen gingen in Vietnam gerade durch "ihr Tal der Tränen", sagt ein Banker. Taiwaner und Koreaner setzen alles auf eine Karte, um später die Märkte zu kontrollieren - die Deutschen lamentieren.
Geklagt wird über einen zu geringen Hermes-Kreditrahmen, fehlende Rechtssicherheit und "eine Bürokratie, die wie die feudalen Fürsten waltet", so ein deutscher Unternehmer.
Das ist alles richtig. Und doch gibt es einige deutsche Unternehmen und Manager, die nicht kampflos aufgeben.
"Was Deutsche hier investieren, ist gemessen an unserer Wirtschaftskraft ein Witz", sagt Rudolf Lang, 52. Der weißhaarige Kleinunternehmer hat für sich eine Marktlücke geschaffen.
Mit einem vietnamesischen Partner wartet und repariert er in Ho-Tschiminh-Stadt, dem früheren Saigon, die Computer der wenigen ausländischen Konzerne. "Wo die Vietnamesen mit ihrem Service aufhören", meint er, "da fangen wir an." Erst kürzlich zog der High-Tech-Betrieb aus einer Barackensiedlung in ein weiß getünchtes Wohnhaus um. Bis dahin konnten die Kunden bei Regen die Garage, die als Werkstatt diente, nur barfuß erreichen.
Über seine Landsleute, die alle Risiken "mit mehrfachen Kreditversicherungen abgedeckt" haben wollen, kann sich der Unternehmer nur wundern.
Noch ist die Kaufkraft der Bevölkerung allerdings gering. Das Bruttosozialprodukt liegt bei nur 200 US-Dollar pro Kopf, auch in den Ballungsräumen Hanoi und Ho-Tschi-minh-Stadt geht es nicht über 800 Dollar hinaus. Doch die Büromieten sind im Durchschnitt teurer als in Singapur oder Taipeh.
Bayer-Manager Runkel rät deshalb kleineren Unternehmen ab, schon jetzt ins Vietnam-Geschäft einzusteigen, wie es etwa das Asien-Konzept der Bundesregierung empfiehlt. "Für mittelständische Betriebe ist das hier noch mit Vorsicht zu genießen", meint er. "Hier macht noch keiner eine Mark."
Axel Eutebach schon. "Ich bin Deutschlands Vorzeigeinvestor in Vietnam", sagt der erfolgreiche Unternehmer. Richtig glücklich scheint er dabei jedoch nicht. "Ich sitze jeden Tag auf gepackten Koffern", beschwert er sich.
Vor zehn Jahren kam der Hersteller von Keramik aus Thailand nach Vietnam. Damals stand das Land kurz vor einer Hungerkatastrophe. Die Regierung begann das dem Sozialismus ergebene Land erst mühsam zu öffnen, die Fabriken standen leer.
Die geringen Produktionskosten zogen Eutebach an. "Thailand ist mit Löhnen von bis zu sieben Dollar am Tag kein Entwicklungsland mehr", sagt er. In Vietnam beträgt der staatliche Mindestlohn im Monat nur 35 Dollar.
In zwei Joint-ventures beschäftigt Eutebach 600 Arbeiter. Sie töpfern, brennen und bemalen so viel, daß "United Potteries" jährlich 1000 Container in alle Welt verschiffen kann.
Aber die Zukunft eines ausländischen Investors in Vietnam ist keineswegs gesichert: "Wenn man hier einen Vertrag abschließt, dann können schon morgen Gesetze gelten, die das Umfeld total verändern." Obwohl sein Partner ein staatseigener Betrieb ist, wurde das ursprünglich zugesagte Grundstück bis heute nicht zu den ausgehandelten Konditionen zur Verfügung gestellt.
Zur Rechtsunsicherheit gesellt sich eine korrupte Bürokratie, die das Land zu ersticken droht. "Nicht wenige Beamte, die im Besitz eines Stempels sind", warnt Jürgen Braunbach von der Spedition Schenker, "gründen darauf ihre Existenz."
"Wer China und Indonesien kennt, hält das für die Spitze der asiatischen Korruptionsskala", schildert ein anderer deutscher Geschäftsmann seine Erfahrungen. "Doch in Vietnam kommt es erst richtig dicke." Kürzlich mußte er 30 000 Dollar zahlen - für ein Geschäft, an dem er nur 20 000 Dollar verdiente.
Die politische Führung hat eingesehen, daß es so nicht weitergeht. Im Frühjahr weilte Singapurs "elder statesman" Lee Kuan Yew in Hanoi und las den Kommunisten die Leviten. Wenn die Korruption nicht eliminiert würde und die Bürokratie sich nicht reduzieren ließe, mahnte Lee Vietnams Premier Vo Van Kiet, dann werde aus dem Land nie ein erfolgreicher Tigerstaat.
Seit Jahresmitte entscheidet Premier Kiet, ein ausgesprochener Reformer, über alle Investitionen, die den Rahmen von 40 Millionen Dollar übersteigen. Und seit kurzem mahnt ein Schild im Flughafen von Ho-Tschi-minh-Stadt: "Bitte keine Geldscheine in den Paß legen". In der Vergangenheit hatte dies die Einreise erheblich erleichtert.
"Das ist ein kleines Land", sagt ein Diplomat, "hier darf die Wirtschaftsreform sich keinen Ausrutscher erlauben. Sonst ist es vorbei." Um das Bruttosozialprodukt pro Kopf bis zum Ende des Jahrhunderts zu verdoppeln, wie von der KP geplant, sind Investitionen von 50 Milliarden Dollar nötig.
Der Bedarf ist zweifellos da. Doch die meisten Unternehmen, meint Hanspeter Arnold, der für Siemens ein Jointventure mit der vietnamesischen Post aufbaute, kämen mit allzu rosigen Erwartungen nach Vietnam.
"Hier liegt kein Geld auf der Straße", meint Arnold. "Es sei denn, ich habe es vorher da verloren. Und selbst dann ist es gleich weg." Y
[Grafiktext]
Rangliste ausländ. Investoren in Vietnam
Kartenausriß Vietnam
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 46/1995
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