13.11.1995

Größer als das Leben

Vor unseren Augen entsteht ein Mythos. Jizchak Rabin, ein Mensch, den ich kannte, mit dem ich viele Male diskutierte und Whisky trank, wird zu einem überlebensgroßen Denkmal.
Am Tatort versammelten sich kurz nach dem Mord Tausende von Jugendlichen, für die bis dahin Popkonzerte wichtiger waren als irgendeine politische Betätigung. Sie hockten schweigend auf dem Boden, zündeten Gedächtniskerzen an, standen auf und wurden von anderen abgelöst, Tag für Tag, Nacht für Nacht. Auf alle Wände waren Liebesbekenntnisse an den Toten gekritzelt, naive Gedichte, kindliche Briefe und Zeichnungen geklebt.
Mehr als eine Million Menschen, jeder fünfte Israeli, kamen zum Friedhof in Jerusalem, um zu weinen und Blumen niederzulegen. Am Begräbnis nahmen Tausende von Würdenträgern aus der ganzen Welt teil - und fast alle, Präsidenten und Minister, Parlamentarier und Generäle, ein König und zwei Königinnen, wischten sich die Tränen aus dem Gesicht.
Ein neuer Rabin entsteht in diesem Gefühlsausbruch, vielleicht viele neue Rabins - denn jeder, der in diesen Tagen über ihn gesprochen und geschrieben hat, Professoren wie Abc-Schützen, stellt sich einen Rabin vor, der seiner eigenen Geisteswelt entspricht: den gütigen Vater seines Volkes, der den Tod jedes einzelnen seiner Kinder beweinte; den Soldaten, der sein Leben für den Frieden gab; den Staatsmann, der ganzen Welt ein Vorbild; den sagenhaften Helden, auf dem Weg zum heiligen Ziel von frevelhafter Hand gefällt.
Und immer wieder taucht der Vergleich mit Mose auf: "Schaue das Land Kanaan . . . Dann stirb auf dem Berge, auf den du hinaufgestiegen bist . . . Denn du sollst das Land vor dir sehen, das ich den Israeliten gebe, aber du sollst nicht hineinkommen" (5. Mose 32). So hat Rabin, der neue biblische Prophet, die Kinder Israels bis zum Land des Friedens geführt, aber es war ihm nicht beschieden, den Jordan zu überschreiten und in dieses Land hineinzukommen.
Warum hat gerade Rabin, im Augenblick seines Todes, solche übermenschliche Dimension angenommen? Wie hat gerade dieser nüchterne, schüchterne, kontaktarme Mensch die inbrünstige Liebe von Millionen erweckt? Rabin selbst hatte für Symbole und Mythen nichts übrig.
Siebzig Jahre lang war Jizchak Rabin ein Konformist, Mitglied einer Generation, die im Schatten ihrer großen Eltern, der legendären Helden der zionistischen Revolution, aufgewachsen war. Die Macht ihrer Ideologie, einer politischen und sozialen Religion, bestimmte seinen Lebenslauf. Und dann, scheinbar ganz plötzlich, betrat er einen ganz neuen Weg - und löste eine Revolution im Leben Israels aus. _(Avnery, 72, wanderte 1933 von ) _(Deutschland nach Palästina aus. Der ) _(Friedensaktivist gehörte zehn Jahre der ) _(Knesset an. )
Dreißig Tage vor seinem Tod, in seiner letzten Knessetrede zu Beginn der Debatte über das neue Abkommen mit den Palästinensern, sprach er einen schicksalsschweren Satz aus, der im Laufe der stürmischen Auseinandersetzung nicht beachtet wurde. Er bestand aus vier hebräischen Worten: "Wir kamen nicht in ein leeres Land!" Vier Worte, die ein hundert Jahre altes Dogma zerbrachen.
Es ist nämlich ein zionistischer Glaubensartikel, daß Palästina ein leeres Land war, als die moderne jüdische Einwanderung 1882 begann, und daß erst die Juden die Wüste zum Blühen brachten. Darauf gründet sich der Anspruch auf absolutes Recht - Golda MeIrs Diktum, es gebe keine Palästinenser, ebenso wie das ideologische Fundament der Siedlungen in den besetzten Gebieten. Daran glaubten auch Rabin und seine Generation von Jugend an.
Er war der Prototyp dieser Generation, so wie seine Eltern die typischen zionistischen Gründer waren. Seine Mutter, Rosa Cohen, ist auf dem Foto einer Kundgebung zum 1. Mai in den zwanziger Jahren in Tel Aviv verewigt. Stolz trägt sie die rote Fahne voraus, unerschütterlich in ihrer sozialistisch-zionistischen Überzeugung. Auch der Vater widmete jede freie Stunde der Haganah, der illegalen Verteidigungsorganisation.
Für diese ganze Generation war es selbstverständlich, zu kämpfen und nicht zu zweifeln, auszuführen und nicht zu fragen, "das Volk auf den Schultern zu tragen", wie es hieß - auch buchstäblich. Als die Schiffe mit illegalen Einwanderern nach dem Holocaust bei Nacht und Nebel an der Küste Palästinas landeten, wateten Rabin und seine Kameraden ins Wasser, um Kranke und Kinder auf dem Rücken ans Ufer zu bringen.
In der Schule war allen Jungen klar, ihr Leben müsse dem Volk gewidmet werden - im Kibbuz, der Wehrsiedlung, die nicht nur eine gerechte Gesellschaft schaffen, sondern auch militärischer Vorposten im Kampf um das Land sein sollte. Darum besuchte Rabin die landwirtschaftliche Schule Kaduri beim Berg Tabor und wollte Bewässerung studieren.
Anstatt der Wasserleitungen wählte er Gewehrläufe. Mit kaum 18 Jahren kam er zur Palmach, der ersten stehenden Truppe des zionistischen Gemeinwesens in Palästina. Sie gehörte zur Haganah, der illegalen Miliz der zionistischen Führung, und wurde während des Zweiten Weltkriegs von den Briten geduldet, da sie im Fall eines deutschen Sieges im Nahen Osten einen Partisanenkrieg gegen die Wehrmacht führen sollte.
Rabin wurde schnell Kompanieführer. Nachdem die Gefahr eines deutschen Durchbruchs durch die Schlacht bei El Alamein gebannt worden war, konnte sich die Palmach auf ihre wahre Aufgabe konzentrieren: den Kampf gegen die Palästinenser. Rabin und seine Kameraden waren in diesen Konflikt hineingeboren - der Krieg bestimmte ihre Geisteswelt, ihren ganzen Lebenslauf, ihre Lieder und ihre Witze. Er war das Zentrum der Wirklichkeit, in der sie aufwuchsen. Seine Frau, Lea Schloßberg aus Königsberg, lernte ihn auf der Straße kennen, als er einen Tag Urlaub hatte. Sie meldete sich sofort bei der Palmach. Er heiratete sie 1948 während einer Kampfpause in Uniform.
Rabin gestand in seinen Memoiren, daß er 1948 nach der Eroberung der arabischen Städte Lydda und Ramla 50 000 Bewohner mit der Waffe vertrieb. Da es zu den israelischen Grundüberzeugungen gehört, daß die Palästinenser ihre Städte und Dörfer freiwillig verließen, war dieses Geständnis zwar sehr ehrlich, aber für die damalige Regierung äußerst ärgerlich. Rabin bestätigte, daß eine ethnische Säuberung stattgefunden hatte.
Als Botschafter in Washington empfahl er der Regierung Golda MeIrs 1973, Ägypten "in der Tiefe" zu bombardieren, ein Beschluß, dem auch Hunderte von Arbeitern und Schulkindern zum Opfer fielen. Als Verteidigungsminister stieß er in den ersten Tagen der Intifada die unheilvollen Worte aus: "Brecht ihnen die Knochen!" Die Soldaten nahmen das wörtlich und zerschmetterten Hunderten von Palästinensern, auch Alten und Kindern, Arme und Beine. Als Ministerpräsident trat er für verschärfte Verhöre palästinensischer Verdächtiger ein - euphemistisch wurde die Folter "milder physischer Druck" genannt. Einer seiner allerletzten Befehle an den Mossad lautete, den palästinensischen Top-Terroristen Schakaki auf Malta umzubringen.
Militärische Härte war für Rabin im Kampf um die Existenz Israels logisch und notwendig. Für die Sicherheit des Staates und seiner Einwohner war er bereit, alles Nötige zu tun. Trotz dieser Härte war er weit davon entfernt, ein Fanatiker oder Extremist zu sein. Nach dem unglaublichen Sieg im Sechstagekrieg, als ganz Israel sich im Siegestaumel befand, sagte der Generalstabschef Rabin: "Wir können uns nicht mit ganzem Herzen freuen . . . Ich weiß, daß auch der schreckliche Preis, den der Feind bezahlt hat, die Herzen unserer Kämpfer tief berührt."
Zu der Zeit führte ich einen geheimen Briefwechsel mit ihm. Es war mir zu Ohren gekommen, daß am Jordan massenhaft Flüchtlinge, darunter Frauen und Kinder, erschossen wurden, während sie nachts versuchten, wieder nach Hause zu kommen. Rabin versprach einzugreifen, und soviel ich weiß, wurde dem auch ein Ende gesetzt.
1969 benannte die Arbeitspartei als neuen Regierungschef Golda MeIr. Der Staatspräsident bat auch mich, den Vorsitzenden einer kleinen Fraktion in der Knesset (die sich für die sofortige Gründung eines Palästina-Staats in den besetzten Gebieten einsetzte), pro forma zu erklären, wen ich als neuen Premier bevorzugen würde. Golda gebärdete sich wie ein extremer Falke, und ich suchte eine Persönlichkeit, die zur Arbeitspartei gehörte, aber als Taube galt. So schlug ich Rabin vor.
Ein paar Monate später besuchte ich ihn in der israelischen Botschaft in Washington. Ich wollte im Weißen Haus und im Kongreß für Frieden mit den Palästinensern werben und stieß überall auf Ablehnung. Rabin war freundlich und sachlich wie immer. Auch er lehnte meine Idee ab. Er sagte aber, er bevorzuge eine "offene" Grenze gegenüber einer "sicheren" Grenze, dem Codewort damals für Annexion.
Ein richtiger Dialog entstand zwischen uns erst 1975, und darum bin ich vielleicht der einzige Zeuge, der über Rabins Wandlung aussagen kann. Kurz zuvor hatte ich begonnen, in Europa heimliche Kontakte zur PLO-Führung zu knüpfen. Die palästinensischen Partner und ich beschlossen, Arafat und Rabin über den Inhalt der Gespräche zu unterrichten. Rabin sagte mir: "Ich bin absolut gegen den Kurs, den du empfiehlst. Aber ich verbiete dir nicht, diese Kontakte weiterzuführen."
Die Gespräche verliefen stets freundschaftlich und nüchtern; er hörte auch gut zu, was ja bei Politikern nicht immer selbstverständlich ist. Rabin stemmte sich von allen israelischen Politikern am entschlossensten gegen jede Annäherung an die Palästinenser und gegen jede Verhandlung mit der PLO. Er war schließlich immer der proamerikanischste Politiker im proamerikanischen Israel und betrieb seine Politik damals in enger Abstimmung mit Henry Kissinger.
Pragmatisch und sachlich, aber auch phantasielos und ohne Intuition, entsprach seine Denkweise dem ironischen Satz seines Feindes Abba Eban: "Menschen und Nationen tun immer das Richtige, nachdem alle anderen Möglichkeiten erschöpft sind."
Seine Amtszeit als Premier nahm 1977 ein plötzliches Ende, die religiösen Koalitionspartner brachten die Regierung zum Sturz. Rabin ging in die Wahlen als Führer der Arbeitspartei. Da entdeckte ein israelischer Journalist ein Konto Rabins bei einer amerikanischen Bank, das nicht aufgelöst worden war, als er den Botschafterposten in Washington verlassen hatte.
Ein kleines Delikt, aber nach ein paar Korruptionsaffären waren solche Sachen damals in Israel sehr verpönt. Der Staatsanwalt leitete ein Gerichtsverfahren gegen Lea Rabin ein. Rabin stellte sich vor seine Frau und demissionierte. Peres wurde Führer der Partei - und verlor die Wahlen. Als unglücklicher Parlamentarier in der Opposition hatte Rabin Zeit, nachzudenken und eine Bilanz zu ziehen.
So kam Rabin nach vielen Jahren des Kampfes langsam zu der Erkenntnis, das Palästina-Problem lasse sich nicht mit Gewalt lösen. Es wurde ihm auch klar, daß König Hussein nicht daran dachte, gegen den Willen der Palästinenser Frieden zu schließen. Nur die Palästinenser selbst blieben als Partner.
Heimliche Gespräche mit den palästinensischen Persönlichkeiten in den besetzten Gebieten überzeugten ihn, daß es keiner von ihnen wagen würde, etwas ohne Genehmigung Arafats zu tun. Für einen logischen Menschen wie Rabin war die Konsequenz klar: Man mußte mit der PLO verhandeln, alles andere führte zu nichts.
Vor den Wahlen von 1992 verkündete er, "innerhalb von sechs bis neun Monaten eine Lösung mit den Palästinensern" herbeizuführen. Ich rief dazu auf, ihn zu wählen. Doch alles ging langsam, stockend, zögernd. Am Ende ging es doch.
Ein Jahr vor Oslo war ich wieder bei Arafat in Tunis. Ich gab mir Mühe, Arafat davon zu überzeugen, daß Rabin es ernst meine und "so ehrlich ist, wie ein Politiker überhaupt sein kann". Arafat lachte laut. Nach meiner Rückkehr bat ich Rabin um ein Gespräch. Mir wurde klar, daß er sich entschlossen hatte, mit den Palästinensern eine Lösung zu finden.
Als er 1993 endlich die PLO als Vertretung "des palästinensischen Volkes" anerkannte, beim Handschlag in Washington, sah Rabin aus, als ob er eine nötige, aber übelschmeckende Medizin schlucke. Es dauerte noch zwei Jahre, bis er mit Arafat ungezwungen und beinah freundlich sprechen konnte.
Rabin war kein Rabbiner, der auf dem Weg nach Damaskus plötzlich vom Saulus zum Paulus wurde. Schleppend und schwer rang er sich zu einer neuen Überzeugung durch. Aber danach ließ er sich von nichts beirren, schon gar nicht von Beschimpfungen und Drohungen. Er zögerte oft, schritt vielleicht zu undramatisch voran - aber es war dieser Mann, der den historischen Umschwung im Leben Israels bewirkte. So wurde er Zielscheibe all derer, die Obsessionen, Haßgefühle und Vorurteile von vier Generationen nicht überwinden können.
Und so kam er um - eben noch umjubelt von hunderttausend Menschen, in einem glücklichen Moment und mit den letzten Klängen der israelischen Friedenshymne im Ohr. Ein unwahrscheinlicher Revolutionär, ein noch unwahrscheinlicherer Heiliger.
Der Handschlag mit Arafat - für Rabin eine nötige, aber übelschmeckende Medizin
Avnery, 72, wanderte 1933 von Deutschland nach Palästina aus. Der Friedensaktivist gehörte zehn Jahre der Knesset an.
Von Uri Avnery

DER SPIEGEL 46/1995
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