13.11.1995

„Verstoß gegen Gottes Gesetz“

SPIEGEL: Herr Rabbiner, während wir hier sitzen, wird nur wenige Kilometer entfernt Jizchak Rabin beerdigt. Warum nehmen Sie an der Zeremonie nicht teil?
Elon: Die Sache ist für mich nicht einfach. Diese Beerdigung erscheint mir wie die Warnung vor einem Bürgerkrieg in Israel. Wir müssen sehr aufpassen, keinen Selbstmord zu begehen. Viele meiner Freunde waren so naiv zu glauben, daß derlei in Israel nicht passieren könnte.
SPIEGEL: Haben Sie selbst eine solche Tat für möglich gehalten?
Elon: Ich bin kein Prophet, aber ich habe diese Gefahr in Artikeln beschrieben. Ich habe mich nämlich im Volk bewegt, und da waren gewisse Stimmen zu hören. Ich befürchte, daß dieses Attentat kein Schlußpunkt ist.
SPIEGEL: Was haben Sie bei der Nachricht von Rabins Ermordung empfunden?
Elon: Daß äußere Feinde Israel nicht zerstören können, wenn wir uns einig sind - die Geschichte hat uns das gezeigt. Anders als Amerika vor über hundert Jahren können wir uns den Luxus eines Bürgerkriegs nicht erlauben. Wir sind von mehr als 100 Millionen Arabern umgeben. Die Sache läuft doch ganz nach deren Wunsch. Haben Sie im Fernsehen verfolgt, wie diese Menschen nach der Nachricht von Rabins Tod im Libanon und in Syrien vor Freude auf den Dächern getanzt haben?
SPIEGEL: Es gab auch Israelis, die unverhohlene Freude gezeigt haben.
Elon: Das ist eine Schande.
SPIEGEL: Sie gehören der Siedlerbewegung So Arzenu (Dies ist unser Land) an, die Rabins Regierung als kriminell bezeichnet und Rabin als einen Verräter beschimpfte. Hat den Verräter jetzt seine gerechte Strafe ereilt?
Elon: Ich persönlich habe das Wort Verräter nicht benutzt. Es ist schwer, darüber zu sprechen, während Rabin gerade beigesetzt wird. Ich habe vor einem möglichen Mord gewarnt und dabei gesagt: Die Rückgabe des besetzten Landes auf dem Jordan-Westufer muß von einer Mehrheit der Juden in Israel gebilligt werden.
SPIEGEL: Und das ist nicht der Fall?
Elon: Die Regierung Rabin hat nur eine Mehrheit von einer Stimme in der Knesset, und die kommt von den arabischen Abgeordneten.
SPIEGEL: Sind das etwa keine Israelis?
Elon: Sie sind keine Juden. Und das Verbrechen Rabins bestand darin, daß er keine koschere Politik betrieb - er hatte für sie keine Mehrheit der Juden. Das mag sich rassistisch anhören, aber wenn der Staat der Juden überleben will, muß er sich auf die Zustimmung _(* Mit Redakteuren Jürgen Hogrefe und ) _(Dieter Wild in der Talmudschule Beit ) _(Orot (Haus des Lichts) in Jerusalem. )
der Mehrheit der Juden gründen. Wenn der Staat nicht jüdisch ist oder nicht demokratisch, bricht er zusammen.
SPIEGEL: Die israelische Demokratie besteht unter Beteiligung der arabischen Bürger dieses Landes immerhin schon seit fast 50 Jahren.
Elon: Aber die Araber können nicht entscheidend sein, wenn es um die Zukunft oder die Grenzen dieses Staates geht. Sie mögen mich ja für paranoid halten, aber ich bin fest davon überzeugt, daß Israel jetzt um sein Überleben kämpft.
SPIEGEL: Wir dachten, hier sei ein Friedensprozeß im Gange.
Elon: Das Abkommen von Oslo ist ein Desaster. Es wird zur Zerstörung Israels führen, so wie es sich die panarabischen Politiker immer gewünscht haben. Ich habe stets davor gewarnt, daß eine solche Politik immensen Haß hervorrufen wird, und so ist es denn auch gekommen.
SPIEGEL: Haben Sie die gewalttätige Stimmung nicht auch selbst geschürt, etwa, als Sie verkündet haben: Die Zeit des Redens ist vorbei, nun ist die Zeit für Taten? Rabins Mörder könnte sich dadurch ermutigt gefühlt haben.
Elon: Schauen Sie, alles ist möglich. Ich kenne übrigens den Täter.
SPIEGEL: Sie kennen ihn persönlich?
Elon: Ja, er hat mich zu Vorträgen vor seiner Studentengruppe eingeladen. Er hat etwas Furchtbares angerichtet; aber obwohl ich ihn nur zweimal traf, war ich von seiner starken Persönlichkeit beeindruckt.
SPIEGEL: Er war also nicht meschugge?
Elon: Absolut nicht, im Gegenteil. Er ist ein sehr rationaler Mensch, freilich wohl etwas naiv. Er gibt sich offenbar der Illusion hin, daß man das System Rabin erledigt, wenn man den Menschen Rabin beseitigt.
SPIEGEL: Also war er für seine Tat voll verantwortlich. Und wie steht es nun mit Ihrer Verantwortung?
Elon: Ich kann das nicht beantworten. Es kann sein, daß ich ihn beeinflußt habe, es kann aber auch nicht sein. Nur eines ist sicher: Mein Aufruf zum Handeln hat gewaltfreien zivilen Ungehorsam gemeint. Ich habe mich dabei ausdrücklich auf Gandhi und Martin Luther King bezogen, die Klassiker des gewaltfreien passiven Widerstands.
SPIEGEL: Kann der Attentäter gedacht haben, er bewege sich noch im Rahmen von zivilem Ungehorsam?
Elon: Bestimmt nicht.
SPIEGEL: Mitglieder Ihrer Organisation haben Plakate hergestellt, die Rabin in SS-Uniform zeigen, und es gab noch andere: Eines zeigt Rabin, der seine Hände in Blut wäscht.
Elon: Ich habe diese Plakate verurteilt. Ich war immer gegen Gewalt, durchaus in dem Bewußtsein, daß auch Worte gewalttätig sein können. Ich mache nicht nur die Regierung verantwortlich, sondern auch mich selbst. Es kann schon sein, daß wir hier und da Unrecht getan haben. Ich habe gerade eben, bevor einige meiner Studenten zu den Begräbnisfeierlichkeiten für Rabin gegangen sind, gemeinsam mit ihnen überlegt, wie wir den Widerstand fortsetzen können, ohne die Katastrophe eines Bruderkrieges heraufzubeschwören.
SPIEGEL: Den Verkehr des ganzen Landes lahmzulegen, wie im Sommer geschehen, halten Sie noch für passiven Widerstand?
Elon: Ich bestreite meine Verantwortung ja gar nicht. Unter unserer Führung ist die Opposition auf die Straße getragen worden.
SPIEGEL: Haben Sie Verständnis für den Attentäter?
Elon: Nein, wenn ein Jude einen anderen Juden umbringt, ist das auch ein Bankrott der Tora, des göttlichen Gesetzes. Ich verstehe jedoch, auf welchem Hintergrund die Tat passiert ist.
SPIEGEL: Wenn Sie von der angeblich fehlenden Legitimation der Regierung sprechen, ist Ihnen da bewußt, daß der Attentäter genau die gleichen Worte benutzt?
Elon: Ja, ich kann mir das vorstellen. Na und? Was kann man da machen? Ich sehe keinen Anlaß, mich dafür zu entschuldigen, und ich leugne auch meinen Anteil an den Demonstrationen nicht. Ich werde auch so weitermachen - aber ohne Gewalt.
SPIEGEL: Der Attentäter beruft sich darauf, er habe von Gott den Befehl erhalten, Rabin zu töten. Was sagen Sie als Rabbi dazu?
Elon: Ich sage dazu: Unfug. Wenn er so etwas zu mir gesagt hätte, hätte ich ihn für verrückt erklärt.
SPIEGEL: Sie haben auch gesagt, ein Politiker, der Land weggibt, das Gott den Juden versprochen hat, handele nicht wie ein Jude. Also hätte sich doch Rabin außerhalb des Judentums gestellt.
Elon: Niemand hat das Recht, Teile von Erez Israel dem Feind zu überlassen. Aber ich argumentiere anders: Für mich ist die entscheidende Frage die nach der Mehrheit der Juden. 1982, als Menachem Begin den Sinai räumte, hatte er 90 Prozent der Israelis hinter sich. Da hätte ich niemals gesagt, er verstoße gegen das Gesetz.
SPIEGEL: Also würde das weltliche Recht dem göttlichen vorgehen?
Elon: Wenn Sie in der Bibel genau nachlesen, werden Sie finden, daß Gott den Menschen nicht nur die Tora, sondern auch Könige gegeben hat, die die weltliche Gewalt ausüben.
SPIEGEL: Israel wäre also gar nicht, wie vielfach behauptet, eine Theokratie?
Elon: Ich halte nichts von Theokratie. Ich möchte aber auch nicht unter einer Diktatur der linksliberalen Wissenschaftsministerin Schulamit Aloni leben oder unter einer des religiösen Extremisten MeIr Kahane.
SPIEGEL: Sie waren einer jener Rabbis, die die religiösen Israelis unter den Soldaten zur Befehlsverweigerung aufgerufen _(* Mit der Aufschrift: "Er macht ) _(Frieden im Himmel". )
haben, falls die Siedlungen gewaltsam geräumt werden sollten.
Elon: Das stimmt, ein Räumungsbefehl verstößt gegen Gottes Gesetz.
SPIEGEL: Sie haben sich gerade der Moledet-Partei angeschlossen, die den sogenannten Transfer der Palästinenser aus dem Westjordanland in arabische Staaten fordert . . .
Elon: . . . aber keinen gewaltsamen.
SPIEGEL: Etwa einen freundschaftlichen?
Elon: Einen freiwilligen.
SPIEGEL: Gleichwie. Erez Israel soll auch noch - sagen wir mal - araberrein sein?
Elon: Sie benutzen starke Worte. Das könnte ich auch. Aber ich will Ihnen etwas sagen: Wir sind keine Briten, die ein vorübergehendes Mandat haben, und wir sind erst recht keine Kreuzritter, die nur kurze Zeit hier waren. Wir sind für immer hierher zurückgekommen, und wir müssen uns dafür nicht entschuldigen.
SPIEGEL: Dummerweise leben hier aber auch Araber.
Elon: Wenn es hier Araber gibt und sie sich gut benehmen, vor allem keine Steine auf mich werfen und keine Intifada inszenieren, na, dann werden wir sehen. Wenn sie mich aber mit Krieg überziehen und mich ins Meer werfen wollen, haben sie hier keinen Platz. Aber selbst dann will ich sie nicht dazu zwingen, das Land zu verlassen - sie sollten freiwillig gehen.
SPIEGEL: Wenn die Juden lieber ganz unter sich bleiben wollen, heißt das nicht, daß sie im Grunde im Ghetto leben möchten?
Elon: Wir leben doch in einem Ghetto. Es ist das größte Ghetto der Welt - mit vielen Millionen Arabern rundum. Meine Großmutter, die in Düsseldorf gelebt hat, hat niemanden mit Steinen beworfen und schon gar nicht eine Revolution angezettelt. Und dennoch wurde ihr Haß entgegengebracht, weil man sie als Fremde betrachtete, eben als Jüdin oder was immer. Das Ergebnis kennen wir. Hier liegt der Fall etwas anders. In unserer Region gibt es einen Streit um Nationalstaaten. Wir haben unseren Staat, nun wollen die Palästinenser ihren.
SPIEGEL: Und das kommt nicht in Frage?
Elon: Wenn wir unsere Truppen aus dem Westjordanland zurückziehen, machen wir den Arabern nur Appetit auf mehr. Sie werden sich mit dem kleinen Stück Land nicht zufriedengeben.
SPIEGEL: Ein Exodus der Araber aus dem Westjordanland ist heute doch unvorstellbar. Sie würden die ganze Welt gegen sich haben.
Elon: Ich weiß. Vorerst ist das nur eine Idee, aber wenn ich Regierungschef wäre, würde ich die Araber davon zu überzeugen versuchen, daß die Gründung eines PLO-Staates nur zu einem Desaster führen kann. Ich würde ihnen vorschlagen, auf die andere Seite des Jordan zu wechseln.
SPIEGEL: Solche Vorstellungen wie die Ihre wecken bei zahllosen Menschen pure Existenzangst. Wie soll das zu Frieden führen?
Elon: Eine vollständige Trennung beider Völker ist die einzige Möglichkeit. Die Angst besteht doch auf unserer Seite. Wenn die Palästinenser in Judäa und Samaria . . .
SPIEGEL: . . . also westlich des Jordan . . .
Elon: . . . ihren eigenen unabhängigen Staat bekommen, werden in kürzester Zeit dort zehn Millionen Araber leben. Natürlich werden alle palästinensischen Flüchtlinge, die sich jetzt im Ausland aufhalten, zurückkommen. Und das soll bei uns keine Existenzängste wecken? Sie bräuchten keinen einzigen Schuß abzugeben.
SPIEGEL: Und das Land, das die Araber Ihrer Meinung nach aufgeben sollen . . .
Elon: . . . müssen wir mit Millionen Juden besiedeln, die noch aus der Diaspora nach Israel einwandern müssen.
SPIEGEL: Wie kommen Sie darauf, daß die Palästinenser freiwillig auf Land verzichten könnten, das sie als ihre angestammte Heimat erachten?
Elon: Die entscheidende Frage ist doch: Wer hat die tieferen Wurzeln in diesem Land, die Araber oder wir? Ich kenne die Antwort auf diese Frage auch nicht. Ich weiß, daß viele Juden wie ich denken, nur haben sie nicht den Mut, für ihr Land auch tatsächlich zu kämpfen. Aber das, glauben Sie mir, ist der Anfang vom Ende.
SPIEGEL: Rabbi Elon, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Mit Redakteuren Jürgen Hogrefe und Dieter Wild in der Talmudschule Beit Orot (Haus des Lichts) in Jerusalem. * Mit der Aufschrift: "Er macht Frieden im Himmel".
Von Jürgen Hogrefe und Dieter Wild

DER SPIEGEL 46/1995
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