13.11.1995

„Allah hat uns gerächt“

So einen Ansturm hatte der Beiruter Stadtteil Bir Hassan selten erlebt. Unter einem großen Trauerbaldachin hatten sich mehrere tausend Gläubige versammelt, um eines Märtyrers zu gedenken: des vom israelischen Geheimdienst Mossad auf Malta erschossenen Führers der palästinensischen Widerstandsorganisation Islamischer Dschihad, Fathi Schakaki.
Am späten Abend schlug die Trauer in Siegestaumel um. Mit triumphierendem Lächeln verkündete der Generalsekretär der radikalen Hisb Allah (Gottespartei), Hassan Nasrallah, den Gläubigen "ein frohes Ereignis, das unsere Augen mit Freudentränen füllt, unsere Herzen höher schlagen läßt: die Ermordung des größten Verbrechers, Terroristen und Mörders der Welt - Jizchak Rabin".
Jubelnd sprangen die Zuhörer auf, reckten die Fäuste und riefen: "Nieder mit Israel."
So deutlich wie nach dem Attentat auf den israelischen Regierungschef wurde die Zerrissenheit des einst im Kampf gegen das "zionistische Gebilde" geeinten arabischen Lagers selten sichtbar: Während König Hussein von Jordanien, erstmals seit der Eroberung Ostjerusalems durch die Israelis wieder in der Heiligen Stadt, mit feuchten Augen den "Verlust eines Bruders, Kollegen und Freundes" beklagte und Ägyptens Staatspräsident Husni Mubarak den Toten als "wahren Helden des Friedens" pries, feierten arabische Friedensgegner den Anschlag, als stamme der jüdische Fanatiker Jigal Amir aus ihren eigenen Reihen.
Vor allem bei den über 300 000 palästinensischen Flüchtlingen im Libanon, die sich vom Autonomieabkommen zwischen Rabin und PLO-Führer Jassir Arafat ausgegrenzt fühlen, löste das Attentat Genugtuung aus. Im Sommer 1993 hatte Rabin nach einem Raketenangriff der Hisb Allah den Süden des Landes bombardieren lassen und mehr als hunderttausend Menschen zur Flucht Richtung Beirut getrieben; weit über 100 Menschen wurden getötet. Die Gottespartei rief Rabins Todestag denn auch sogleich zum "Jaum Id" aus, zum Festtag.
Im Lager Ain Hilwe wurden Raketen, sonst auf den Norden Israels gerichtet, in den Himmel gefeuert; ausgelassene Freischärler schossen mit ihren Kalaschnikows in die Luft. Im südlibanesischen Schiitenstädtchen Nabatija gingen verschleierte Mädchen zum Hochzeitstanz Dabke auf die Straße; den Rhythmus gaben Salven aus Schnellfeuergewehren vor. In Südbeirut, Hochburg der fundamentalistischen Friedensfeinde, trugen aufgeputschte Anhänger Bilder des 1992 von Israel ermordeten Chefs der Gottespartei, Abbas Mussawi, durch die Straßen und verschenkten Süßigkeiten.
Wie einen Sieg ließ auch der libysche Staatschef Muammar el-Gaddafi den Tod Rabins zelebrieren. Der Staatsrundfunk "Stimme der arabischen Volksmassen" sendete, unterbrochen von Freudentrillern arabischer Frauen, Militärmärsche aus der Ära des ägyptischen Ex-Präsidenten Gamal Abd el-Nasser - dessen Armee der israelische Generalstabschef Rabin 1967 auf dem Sinai vernichtend geschlagen hatte. Die staatliche Nachrichtenagentur ließ der Revolutionsführer, der zu den tatkräftigsten Unterstützern der Verweigerungsfront zählt, über den "Terroristen Rabin" giften: "Seine Hände sind beschmiert mit dem Blut der Opfer, die ihr Leben für die Befreiung Palästinas gaben."
Jubel und Triumphgeschrei auch in Iran: "Der große Countdown hat begonnen", frohlockte ein Kommentator, "den Feinden der islamischen Nation" drohe der Untergang. Das Teheraner Fernsehen begrüßte das Attentat als "erfreulichen Auftakt einer Selbstzerfleischung der Zionisten". Staatspräsident Ali Akbar Haschemi Rafsandschani deutete die Tat, wie es sich für den Führer eines islamischen Gottesstaates geziemt: als "Strafe Allahs" für den Mord an Schakaki.
Selbst in Ägypten, Israels erstem arabischen Friedenspartner, vernahmen Fundamentalisten die Nachricht mit unverhohlener Freude. Scheich Mohammed el-Ghasali geißelte den "Verbrecherstaat" Israel. Zu offener Begeisterung kam es auf dem Campus der Kairo-Universität: 5000 Studenten skandierten einen ganzen Morgen lang "Tod dem Zionistenstaat" und "Allah hat uns gerächt".
Und auch in Jordanien, das vor gut einem Jahr offiziell mit dem jüdischen Nachbarn Frieden schloß, wurde die Bluttat von Tel Aviv beklatscht - von der palästinensischen Extremistenorganisation Hamas, der König Hussein sehr zum Ärger Rabins vor geraumer Zeit die Eröffnung eines Büros gestattet hatte. "Die Ermordung", lobte Hamas-Chef Ibrahim Ghausche, "dient der guten Sache des palästinensischen Volkes." Nach dem nun "von Gott gesetzten Zeichen", prophezeite ein Flugblatt, werde der "Endkampf" um Palästina noch erbitterter geführt.
Die Bluttat des jüdischen Friedensfeindes hat in arabischen Extremisten den wilden Wunsch geweckt, es ihm nachzutun und einen der "Verräter" aus dem eigenen Friedenslager zu exekutieren. Hisb-Allah-Generalsekretär Nasrallah sieht bereits Mubarak und besonders König Hussein im Fadenkreuz: "Sie haben sich von ihren Völkern abgesondert und tun nur das, was ihr Vorgesetzter in Washington von ihnen verlangt." Nasrallah über König Hussein zum SPIEGEL: "Wer Rabin als Bruder und Freund annimmt, wird von seinem Volk als ebensolcher Feind betrachtet, wie Rabin es war."
Ganz oben auf der Todesliste der Unversöhnlichen steht Rabins Verhandlungspartner Arafat. "Was machen einige arabische Führer nun ohne ihren Gott, ihren Rabin, dem sie die Füße küßten und vor dem sie niederknieten?" fragte die libysche Tageszeitung Ash-Schams und orakelte: "Es wird uns nicht überraschen, wenn demnächst einer dieser Araber stirbt, der Rabin vergöttert hat."
Der Führer der von der PLO abgesplitterten Volksfront für die Befreiung Palästinas-Generalkommando, Ahmed Dschibril, sagte es direkter: "Demnächst ist zweifellos Arafat an der Reihe." Der Tod des Palästinenserführers könnte das Aus für den Friedensprozeß bedeuten: Kein Nachfolger hätte genug Autorität, sich auf weitere Kompromisse mit Israel einzulassen.

DER SPIEGEL 46/1995
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