13.11.1995

NigeriaDiabolischer Akt

Amoklauf der Militärs: Mit der Hinrichtung des Bürgerrechtlers Saro-Wiwa machten sie sich zu Parias.
Er hätte es nicht nötig gehabt, in seiner Heimat gegen das Unrecht zu kämpfen. Ken Saro-Wiwa, 54, verdiente als Geschäftsmann und Autor von Nigerias populärster Fernsehserie so viel Geld, daß er sich eine Villa in der Nähe von London leisten konnte. Bei seinem letzten Aufenthalt in England warnten Freunde wie der britische Schriftsteller William Boyd ihren Kollegen: Er solle nicht nach Nigeria zurückkehren - oder wenigstens die Hände von der Politik lassen.
Aber Ken Saro-Wiwa hatte sich dem Widerstandskampf seines Volkes verschrieben. 500 000 Ogoni - einer von 250 Stämmen im 90-Millionen-Einwohner-Staat Nigeria - fühlen sich von ausländischen Ölmultis ausgebeutet und von einheimischen Militärs unterdrückt.
Das Regime des Generals Abacha, das Auslandsschulden in Höhe von 37 Milliarden Dollar angehäuft hat, braucht die Einnahmen aus den Ölfeldern in Nigerias Südosten, wo die Ogoni leben. Es nimmt deshalb hin, daß im Niger-Delta ökologischer Notstand herrscht. Öllecks haben Flüsse und Böden verseucht. Gasfeuer verpesten die Umgebung.
Gegen diese Umweltzerstörung und für eine faire Beteiligung an den Öleinnahmen, mit denen Nigerias Budget zu 80 Prozent finanziert wird, haben sich die Ogoni organisiert. Die Bewegung für das Überleben des Ogoni-Volkes, "Mosop", kämpfte unter der Führung von Saro-Wiwa mit gewaltlosen Mitteln gegen die Ölkonzerne und die Militärregierung.
Doch die Generäle schlugen zurück, die Armee brachte Hunderte von Menschen um und machte Dörfer dem Erdboden gleich. Als aufgebrachte Jugendliche vier regierungstreue Ogoni-Häuptlinge töteten, wurde Saro-Wiwa festgenommen.
Ein Sondergericht verurteilte den Mosop-Führer zum Tode, obwohl sich Saro-Wiwa kilometerweit vom Tatort aufgehalten hatte: Er trage Mitschuld, weil er die Bevölkerung aufgehetzt habe. Am vergangenen Freitag schleppten Henker Ken Saro-Wiwa und acht Mitstreiter zum Galgen. Die Machthaber wollten der Welt vorführen, daß Proteste sie kaltlassen.
Die im neuseeländischen Auckland zusammengekommenen Regierungschefs der Commonwealth-Länder hatten erwartet, daß General Sani Abacha die Verurteilten begnadigen würde. Jetzt berieten sie über Sanktionen gegen Nigeria. Die Europäische Union beschloß, ihre Entwicklungshilfe einzufrieren. Etliche Staaten, darunter die USA und Deutschland, beriefen ihre Botschafter aus Nigeria ab.
Dort hatten die Militärs im Juni 1993 Präsidentschaftswahlen annulliert, weil mit dem Geschäftsmann Moshood Abiola nicht ihr Kandidat gewonnen hatte. Landesweit streikten Arbeiter und Angestellte. Armee-Einheiten unterdrückten die Proteste. Das Regime sperrte unliebsame Politiker wie den ehemaligen Militärherrscher Olusegun Obasanjo ein, Intellektuelle wie der Literatur-Nobelpreisträger Wole Soyinka entzogen sich diesem Schicksal durch Flucht ins Ausland.
Nigerias Geheimpolizei hat Journalisten umgebracht. Kriminelle werden nach zweifelhaften Verfahren in Massenerschießungen hingerichtet. Doch bislang hatte Abacha zum Tode verurteilte politische Täter immer begnadigt.
Daß Abacha nun Saro-Wiwa und dessen Mitstreiter exekutieren ließ, traf besonders Nelson Mandela, der auf stille Diplomatie gesetzt hatte. Mit diesem "diabolischen Akt", so der südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu, hätten "Nigerias Militärherrscher Mandela ins Gesicht gespuckt".
Am Samstag forderte Mandela Nigerias Ausschluß aus dem Commonwealth. Simbabwe-Präsident Robert Mugabe sieht die Zukunft von Afrikas volkreichstem Staat düster: "Nigeria ist dabei, sich selbst zu zerstören." Sogar die Royal Dutch/Shell, die mit ihren Zahlungen bisher das Regime mit am Leben hielt, erklärte: "Es ist Zeit zum Trauern." Y

DER SPIEGEL 46/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/1995
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Nigeria:
Diabolischer Akt

  • Medienberichte: Aufregung um rätselhaften "Blob" im Zoo von Paris
  • Lage in Nordsyrien: "Manchmal muss man sie ein bisschen kämpfen lassen"
  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Weltall-Tourismus: Virgin Galactic stellt Raumanzüge vor