13.11.1995

„Ist es nicht ein Wunder?“

SPIEGEL: Eure Heiligkeit, herrscht jetzt Religionsfreiheit in Rußland?
Alexij II.: Ja. Die 1929 verfügte Diskriminierung der Kirche, die Beschränkung ihrer Aktivität allein auf den Gottesdienst ist zu Ende. Wir können wieder Kinder und Jugendliche erziehen, Priester ausbilden, Wohltätigkeit üben und uns sozial engagieren.
SPIEGEL: Den neuen Spielraum nutzen auch Kirchen aus dem Westen und vielerlei Sekten, etwa die Scientologen. Geht Ihnen die Freiheit da schon wieder zu weit?
Alexij II.: Manchmal schon, wenn man sieht, wie totalitäre Sekten das durch ein totalitäres Regime verursachte Vakuum in den menschlichen Seelen auszufüllen suchen.
SPIEGEL: Die japanische Terrorsekte Aum Shinri Kyo hat in Rußland mehr Anhänger als in Japan.
Alexij II.: Wären nicht die schrecklichen Vorfälle in der U-Bahn von Tokio gewesen, hätte die Sekte noch lange ihr Unwesen bei uns weitertreiben können. Eine Institution mit erstklassigen Experten muß her, um über Religionsvermittler solchen Schlages sachkundige Urteile fällen zu können.
Nicht allen im Ausland gefällt das: Als Novellierungen des Gesetzes über religiöse Vereinigungen in der Duma behandelt werden sollten, meldete das englische Außenministerium im Gleichklang mit amerikanischen Senatoren Protest an, obwohl nicht mehr Härte, sondern mehr Ordnung in der Tätigkeit ausländischer Missionare das Ziel war.
SPIEGEL: Konkurrenz brauchen Sie aber nicht zu fürchten: Die Zahl Ihrer Priester und der Gemeinden hat sich binnen sieben Jahren verdoppelt.
Alexij II.: Unsere allerneuesten Zahlen sehen noch besser aus: Aus 18 Klöstern wurden 337, statt 6800 Gemeinden haben wir heute über 17 000, zu den 3 geistlichen Akademien und Seminaren sind 48 theologische Lehranstalten hinzugekommen.
SPIEGEL: Das alles kostet Geld. Hat die Kirche genug davon?
Alexij II.: Die wirtschaftlichen Sorgen sind groß. Allein die Wiederherstellung ruinierter Kirchen und Klöster ist heute ein sehr teures Unterfangen. Aber es _(Das Gespräch führte ) _(SPIEGEL-Redakteur Jörg R. Mettke in ) _(Moskau. )
müssen auch neue Kirchen gebaut werden, dort, wo neue Stadtviertel entstanden sind. Innerhalb des Moskauer Gartenrings, also im Kern der Stadt, haben wir heute 103 aktive Kirchen; dort leben aber nur eine Viertelmillion Menschen. Die Mehrheit der Bevölkerung wohnt in den Schlafbezirken am Rande der Stadt. Dorthin, näher zu den Leuten, müssen wir unsere Kirchen bringen.
SPIEGEL: Kommen Sie mit der Ausbildung von Priestern nach?
Alexij II.: Derzeit können wir den Bedarf nicht decken. Drei bis vier Jahre brauchen wir noch, bis wir genug ausgebildete Priester für neue Kirchen einsetzen können. Als Bischof von Moskau weiß ich, daß zwei, drei Wochen nach Gründung einer neuen Gemeinde ein zweiter und dritter Priester angefordert wird. Diese gewaltige Wiederbelebung der Gemeinden erfüllt mich mit Genugtuung. Man spricht so gern von den Wundern der Vergangenheit. Ist es nicht ein Wunder, daß in Rußland so viele Kirchen zu neuem Leben erwachen?
SPIEGEL: Aber Sie kennen auch die vielen sozialwissenschaftlichen Untersuchungen, denen zufolge das direkte Bekenntnis zur russisch-orthodoxen Kirche schwindet und die Neigung wächst, sich als allgemein-christlich einzustufen.
Alexij II.: Ganz ohne Wirkung sind die Predigten der ausländischen Missionare nicht geblieben. Leider haben sie auch unerlaubte Mittel nicht gescheut, wie das Verteilen von Geschenken, Büchern und manchmal auch Geld. Doch Massenveranstaltungen in Stadien und Versammlungshallen verlieren langsam ihre Anziehungskraft. Die Menschen wollen zurück zur Tradition, und die ist in der orthodoxen Kirche zu Hause.
SPIEGEL: Was sind die Schwerpunkte kirchlicher Sozialarbeit?
Alexij II.: Krankenhäuser, Altersheime, Waisenhäuser, Haftanstalten.
SPIEGEL: Alles Bereiche, in denen der Staat versagt.
Alexij II.: Soziales Wirken ist für unsere heutige Kirche so wichtig, weil es zur Tradition gehört, uns aber in der Sowjetzeit streng verboten war. Wir werden nicht alle Wunden der Gesellschaft heilen können, aber Gottes Wort und praktische Hilfe sind für Einsame und Kranke oft von unschätzbarem Wert. Wir tun erste Schritte und bilden im 1. Städtischen Krankenhaus von Moskau mehrere hundert Barmherzige Schwestern aus.
SPIEGEL: Was unterscheidet die von gewöhnlichen Krankenschwestern?
Alexij II.: Es ist der Unterschied zwischen Beruf und Berufung. Unser Volk war immer opferbereit, doch die persönliche Anteilnahme am Schicksal des Nächsten ist ihm ausgetrieben worden. Geld spenden, das ist das Äußerste. Es wird lange dauern, bis die Fähigkeit mitzuleiden wiederkehrt. Das persönliche Vorbild von Geistlichen spielt da eine besondere Rolle.
SPIEGEL: Finden Sie selbst Kraft und Zeit, in die Niederungen der russischen Gesellschaft hinabzusteigen?
Alexij II.: Als ich das erstemal in ein Straflager kam, um dort das Fundament einer Kirche zu weihen, die auf Wunsch der Häftlinge von ihnen selbst gebaut werden sollte, da hatte ich Zweifel, ob ich mit diesen Leuten eine gemeinsame Sprache finden würde. Dann war ich überrascht, welch tiefgründige Fragen an mich gerichtet wurden. Und was für verwandelte Gesichter habe ich gesehen, als ich anderthalb Jahre später zur Einweihung kam!
SPIEGEL: Vielen Neu-Gläubigen sind die in Altkirchenslawisch gehaltenen Gottesdienste nicht mehr verständlich. Ist für Sie eine Reform nach dem Vorbild der römischen Kirche vorstellbar, die Messen irgendwann ausschließlich in modernem Russisch zu halten?
Alexij II.: Für unsere Kirche ist das komplizierter. In den frühen Jahren der Sowjetmacht wurde ja eine sogenannte Erneuerungsbewegung provoziert mit dem Ziel, die Kirche zu spalten. Diese Erneuerer begannen Gottesdienste in modernem Russisch abzuhalten, aber die Gläubigen wollten das nicht akzeptieren. Aus diesem Grunde lösen solche Versuche von vornherein Mißtrauen aus. Es gibt in unserer Kirche Reformen, und es wird sie weiter geben, besonders in der Sprache. Wir wollen, daß die Menschen uns besser verstehen. Wir wollen ihr Bewußtsein erreichen. Doch das muß behutsam geschehen.
SPIEGEL: Viele Ihrer Klöster sind Stätten mystischer Distanzierung von der Gesellschaft. Läuft die Kirche nicht Gefahr, sich vom modernen Leben abzuwenden?
Alexij II.: Wer in ein Kloster geht, darf sich nicht der Welt und ihren Problemen entziehen. Viele unserer Klöster liegen in ländlichen Gebieten; die Brüder und Schwestern arbeiten in der Landwirtschaft. Von ihnen wird heute ein Vorbild für ordentliches Wirtschaften auf dem Lande erwartet. Die Liebe zum Boden, zur bäuerlichen Arbeit ist doch bei uns ebenfalls vernichtet worden.
SPIEGEL: Bewirken Mönche da etwas?
Alexij II.: Erste Beispiele stimmen optimistisch. Da gibt es jedenfalls kein von der Außenwelt isoliertes Leben. Auch die traditionellen Pilgerfahrten zu Klöstern sorgen für Kontakte. Für viele ist das ein Weg, nicht nur dem Namen nach, sondern auch vom Lebenswandel her, Christen zu werden.
SPIEGEL: Die allgemeine Enttäuschung über den Westen stärkt innerhalb der russisch-orthodoxen Kirche jene Kräfte, die einen Ausstieg aus der Ökumene propagieren, eine Abkehr von der Weltbewegung aller Christen.
Alexij II.: Anti-ökumenische Stimmungen sind bei uns spürbar. Die Menschen können nicht immer unterscheiden zwischen totalitären Sekten oder totalitär auftretenden Predigern und brüderlichen Beziehungen zwischen Kirchen, denen aggressives Missionieren fremd ist. Auf dem Bischofskonzil hatten wir voriges Jahr dazu eine scharfe Diskussion, ich mußte anti-ökumenische Tendenzen bremsen: Das könnte in Konfrontation und Aufrufe zu Kreuzzügen ausarten.
SPIEGEL: Westliche Kirchen verzeichnen heftigen Mitgliederschwund und reagieren darauf entweder mit trotzigem Fundamentalismus oder neuen, offenen Formen der Glaubensvermittlung. Welchen Weg geht Ihre Kirche?
Alexij II.: Die Säkularisierung der westlichen Gesellschaft ist überdeutlich. Bei uns verläuft die Entwicklung in entgegengesetzter Richtung. Unsere Menschen kehren zum Glauben und zur Kirche zurück. Und es waren unsere Traditionen, die unsere Kirche überleben ließen. An sie müssen wir uns streng und unerschütterlich halten, doch zugleich ihren Stellenwert erläutern, die heute vor uns stehenden Aufgaben erklären.
SPIEGEL: Können die Westkirchen von Ihnen lernen?
Alexij II.: Wir können unseren Brüdern und Schwestern im Westen von unseren Überlebenserfahrungen berichten, vom Genozid gegen das eigene gläubige Volk, von der Masse der russischen Golgatha. Unlängst wurde in Butowo bei Moskau ein Massengrab gefunden: 300 Geistliche sind dort mit vielen anderen zu Sowjetzeiten hingerichtet worden. Die Anklage: konterrevolutionäre monarchistische Tätigkeit in der Kirche. Zwischen Verhaftung und Hinrichtung vergingen kaum zwei Wochen. Wir kennen bei weitem noch nicht alle solche Hinrichtungsplätze.
SPIEGEL: Die Begriffe "russisch" und "russisch-orthodox" werden in patriotischen Debatten immer häufiger gleichgesetzt. Welche Rolle spielt die Kirche bei der Neubestimmung nationaler Interessen?
Alexij II.: Unsere Kirche, auch wenn sie im Westen gelegentlich als eine nur russische verstanden wird, ist vom Ansatz her multinational. Zu ihr bekennen sich Moldawier, Tschuwaschen, Mordwinen, Mari, Letten, Esten und viele andere. Die Kirche in Rußland erfüllt ihren Dienst für alle Völker, nicht nur für das russische.
SPIEGEL: Sehen Sie unter den vielen russischen Parteien potentielle Träger einer christlichen Politik?
Alexij II.: Ich kenne keine Partei oder Bewegung, der bescheinigt werden könnte, daß sie sich tatsächlich allein von christlichen Idealen und Zielen leiten ließe. Wir wollen nicht in die Politik einbezogen werden und haben es unseren Geistlichen untersagt, sich in staatliche Gremien wählen zu lassen.
SPIEGEL: Für viele russische Politiker hat die Kirche aber hohen dekorativen Wert: Sie schlagen gern das Kreuz und falten die Hände, wenn eine Fernsehkamera in der Nähe ist.
Alexij II.: Mit einer Kerze in der Kirche zu stehen ist noch kein Bekenntnis zum christlichen Glauben. Wir wollen keine Staatskirche werden wie vor der Revolution. Eine solche Kirche wird zwangsläufig zur staatlichen Behörde.
SPIEGEL: Tschetschenien, Jugoslawien - sehen Sie in diesen blutigen ethnischen Auseinandersetzungen auch Elemente eines Religionskriegs?
Alexij II.: Viele wollen es so sehen, ich nicht. In beiden Fällen sind es politische Konflikte; darin stimme ich übrigens mit dem geistlichen Führer der tschetschenischen Moslems überein. Alle Konfrontationen und militärischen Konflikte beurteilt die Kirche allein von der Position des Glaubens und der Moral. Damit machen wir uns keineswegs nur Freunde. Von Anbeginn der Eskalation des Krieges in Tschetschenien haben wir eine Lösung am Verhandlungstisch gefordert: Hätte man damals auf uns gehört, wäre es kaum zum Syndrom der Blutrache gekommen.
SPIEGEL: Fast tausend Jahre lang teilte in Glaubens- und Machtfragen ein Ost-West-Schisma Europa. Kann Moskau noch einmal die Fenster nach Westen zusperren, um die russische Seele vor lateinischer Zugluft zu bewahren?
Alexij II.: Wir leben in einer Zeit, in der man Fenster und Türen offen halten muß. Die Zeit des Eisernen Vorhangs war eine Zeit der Feindseligkeit. Sie ist vorbei. Anders als im friedlichen Miteinander geht es heute nicht mehr. Bleiben unsere Zivilisationen zivil, stellt weder die westliche eine Gefahr für die östliche dar, noch umgekehrt.
SPIEGEL: Eure Heiligkeit, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte SPIEGEL-Redakteur Jörg R. Mettke in Moskau.
Von Jörg Rainer Mettke

DER SPIEGEL 46/1995
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