13.11.1995

Tennis„Champion oder Punker“

Die Talentförderung im Tennis kommt wieder mal ins Gerede. Nach den ehrgeizigen Eltern und Managern, die in der Hoffnung auf Ruhm und schnelles Geld ihre Kinder ausbeuten, sind nun die amerikanischen Tenniscamps in die Kritik geraten: Die gnadenlose Auslese lasse viele Schüler in Sex, Drogen und Alkohol flüchten.
Das Ehepaar Levin war guter Dinge. Von den Lehrern ihres Sohnes Marc erfuhren sie stets nur das Beste: ihr Junge sei "nett, höflich und fleißig". Die tausend Dollar, die die Levins wöchentlich beim Tennisinternat Palmer Academy in North Tampa für die Ausbildung ihres veranlagten Sprößlings investierten, schienen gut angelegt, "alles war wunderbar".
Um so irritierter waren Michael und Jane Levin, als sich bei ihrem Sohn ein plötzlicher Sinneswandel einstellte. Marc, damals 14 Jahre alt, hatte sich an den Armen tätowieren lassen, erzählte abenteuerliche Anekdoten von nächtlichen Trinkgelagen in der Akademie. Ein anderes Mal berichtete er, daß, einer Art Ritual folgend, Studenten aus unteren Jahrgängen von älteren Semestern verprügelt würden. Und daß sich zwei Mitschüler aus Angst vor Übergriffen mit einem Eispickel beziehungsweise einer Neun-Millimeter-Pistole bewaffnet hätten.
Ernstlich besorgt, meldeten die Levins ihren Sohn 1993 bei der Palmer Academy, einem der größten Tenniscamps in Florida, ab. Doch es war schon zu spät: In Marc Levin hatte die moderne Talentförderung des Profitennis ein neues Opfer gefunden. Immerhin blieb ihm, der "Tennis total geliebt" hat, eine anschließende Therapie bei einem Psychologen erspart, die für viele Leidensgenossen letzte Rettung war.
Das Elend der Tenniskinder war bislang vor allem den ehrgeizigen Eltern angelastet worden, die als Autodidakten wie Peter Graf eigenhändig ihre Sprößlinge mit psychischem und physischem Druck in die Weltspitze trieben oder aber ihre Kinder gegen Millionengagen an Manager oder Trainer auslieferten, die mit den Talenten spekulierten wie mit Schweinebäuchen.
Die Tenniscamps, vor allen in den USA groß in Mode, waren von der Kritik weitgehend ausgenommen. Seit Branchenführer Nick Bollettieri, 64, den Deutschen Boris Becker aus einem Leistungstief herausführte, genießen die Tennisakademiker hierzulande gar den Ruf exzellenter Erzieher. Die Camps können zudem mit prominenten Namen werben: Stars wie Andre Agassi, Pete Sampras oder Monica Seles holten sich hier die Grundlagen für ihr Weltklassetennis.
Als Agassi im Streit von Bollettieri schied, wurde das als Einzelfall abgetan. Doch jetzt brachen ehemalige Schüler der Palmer Academy ihr Schweigen, und die Vorwürfe belegen, daß auch in den privaten Tennisschulen die Jugendlichen seelisch verkümmern.
Wenn Jane Levin die Geschichte ihres Sohnes schildert, zieht sie immer wieder Parallelen zu Jennifer Capriati. Die Tennis-Olympiasiegerin brach im Mai letzten Jahres ihren Comebackversuch nach einer Drogentherapie entnervt ab, mutierte damit endgültig vom Wunderkind zur "Prinzessin Gosse" (Bild). Auch Marc, sagt die Mutter, habe innerhalb kürzester Zeit eine Metamorphose vom Tennistalent zum Psychowrack durchgemacht, sei Drogen und Alkohol verfallen.
Jennifer Capriati hatte nach einer beispiellosen Blitzkarriere Druck und Bevormundung durch ihren ehrgeizigen Vater nicht mehr ertragen. Die Flucht aus dem Tennisgefängnis begann mit einem kleinen Ladendiebstahl und endete mit einer Verhaftung nach einer Drogenparty in einem schäbigen Motelzimmer.
In der anschließenden Diskussion über die Probleme der amerikanischen Tennisspielerin gerierte sich Norman Palmer, als Betreiber der Palmer Academy einst für die Schulausbildung Capriatis zuständig, noch als verkannter Saubermann. Jennifer sei von ihrem Vater zu früh aus seinem, Palmers, Einflußbereich herausgeholt worden: "In meiner Obhut wäre ihr so etwas niemals widerfahren." Nach den Vorwürfen seiner ehemaligen Schüler ist Palmer schweigsam geworden. Er mag sich zu Details nicht äußern, nennt pauschal "alles Blödsinn".
Als Marc Levin vor drei Jahren bei Palmer eingeschrieben wurde, schien seinen Eltern die Akademie die geeignete Mischung aus Sport und Studium zu bieten. Doch hinter dem schmucken Ambiente - sechs Tenniscourts, mehrere Wohn- und Verwaltungsgebäude im schlichten Fertighausstil - verbarg sich ein soziales Hochspannungsfeld, erzeugt durch rigorosen Leistungsdruck und mangelhafte pädagogische Betreuung. Das zudem streng hierarchische Binnenklima unter den Schülern fußte auf einem simplen Prinzip: Wer auf dem Tennis-Court glänzte, genoß alle Freiheiten. Wer sportlich versagte, geriet zum Außenseiter.
Das gnadenlose Ausleseverfahren ist systemimmanent. Dem Tennisnachwuchs wird wenig Zeit zur Entwicklung zugestanden. Wer mit 16 Jahren nicht den Sprung ins Profigeschäft geschafft hat, stellte schon vor Jahren der Psychologe James Loehr, der für Nick Bollettieris Tennis Academy in Brandenton arbeitete, fest, "ist zu spät dran". Die teuren Nachwuchsfabriken in den USA leben, wie Bollettieri zugibt, von dem Ruf, "ungefähr alle drei Jahre einen Weltklassespieler zu produzieren". Da bleibt neben dem sportiven Drill für erzieherische Maßnahmen oft kein Raum.
So brachen sich zum Beispiel in der Palmer Academy Aggressionen ungehindert Bahn. Als ein Student vor den Augen einiger Lehrer wutentbrannt mit dem Tennisschläger auf seine Kollegin Amy Hall eindrosch, verfolgten die Ausbilder die Prügelszene teilnahmslos. Nachdem sich Hall von ihrem Peiniger befreit hatte, befand einer der Trainer lakonisch: "Sie hat verdient, was sie bekam."
Kritiker dieser Massenhaltung in Tennisinternaten wie Martina Navratilova, die seit Jahren vor dem "Teenage Burnout" im Nachwuchsbereich warnt, haben trotz solcher Vorfälle einen schweren Stand. Wer in einer amerikanischen Tennisakademie ausgebildet wird, glauben immer noch viele Eltern, habe die günstigsten Voraussetzungen, Profi zu werden. Scott Humphries, lange bei Palmer, gewann 1994 das Junioren-Turnier von Wimbledon. Thomas Haas, 18, deutsche Nachwuchshoffnung aus München, wurde bereits mit 13 Jahren zu Bollettieri geschickt.
Daß bei der Auslese allerdings so mancher auf der Strecke bleibt, sei unbestritten, meint Ann Thomas, seinerzeit psychologische Betreuerin der Palmer Academy. Labile Jugendliche, fordert Thomas, sollten besser "zu Hause bleiben und sich einen Trainer nehmen".
Tennisakademien, behauptet die Psychologin, seien sensible Kunstprodukte, die persönliche Probleme der Schüler nicht lösen, sondern verschärfen würden. Im schlimmsten Falle "zerfleischen sich die Kinder gegenseitig".
Amy Hall wurde in der Palmer Academy ein Opfer des Talent-Darwinismus. Die Texanerin verließ den Tennis-Knast - nachdem sie von einem Mitschüler angefallen und sexuell belästigt worden war.
Oft, sagt Marc Levin, der mit den rauhen Sitten bei Palmer nie zurechtkam, hätten "die Angestellten gar nicht mitgekriegt, was in der Akademie alles lief". Dann wieder hätten die Trainer das Klima noch angeheizt mit sexistischen Sprüchen: "Deine Titten sind zu groß, deshalb spielst du so schlecht."
Daß es im Zuge feuchtfröhlicher Geselligkeit auch zu sexuellen Annäherungen zwischen Studentinnen und Lehrern kam, behauptet ein ehemaliger Hausmeister Palmers, "war allgemein bekannt".
In dem Bestreben, aus den überwiegend Minderjährigen kleine Tennisgötter zu formen, sei jede Art der persönlichen Zuwendung verlorengegangen. Levin: "Es gab niemanden, dem man vertrauen konnte."
Zermürbt und desillusioniert begann Marc Levin kurz nach seinem 14. Geburtstag zu trinken. Ein Leidensgenosse sagt: "Alkohol war die Lösung."
Denn die Versorgung klappte prima. In der Palmer Academy besorgten Angestellte gegen entsprechendes Salär Bier und Schnaps. Zockerabende - ein beliebter Zeitvertreib, bei dem das Personal den Anvertrauten nicht selten das Taschengeld abknöpfte - endeten mitunter erst, wenn der erste Kartenspieler vom Stuhl kippte.
Daß Palmer, der auch seinen Angestellten Sprechverbot erteilte, das Eigenleben seines Camps womöglich unterschätzte, erscheint eher unwahrscheinlich. Denn schon in den Anfangszeiten der Akademie, damals noch dem Saddlebrook Tennis Resort angeschlossen, gehörten ausschweifende Gelage zum Schulalltag. Jerry Giddens, geschäftstüchtiger Mitarbeiter in Saddlebrook, erinnert sich: "Man konnte 25 bis 30 Dollar verdienen, wenn man den Kids ein Six-pack verkaufte."
"Wo viele Teenager unter einem Dach wohnen", räumt Bolettieri ein, würden nun mal Schwierigkeiten auftauchen, "Sex, Drogen und Alkohol". Der ehemalige Angehörige der US-Eliteeinheit Green Berets pflegt derartige Auswüchse mit militärischem Drill zu bekämpfen. Rund um die Uhr patrouillieren auf seinem Anwesen Sicherheitskräfte.
John McEnroe beschimpfte Bollettieri ob der rüden Praktiken einst als "Scharlatan". Und Andre Agassi, jähzorniger Lieblingsschüler Bollettieris und derzeit die Nummer zwei der Weltrangliste, betrank sich während seiner Ausbildung in Brandenton oft bis zur Besinnungslosigkeit, weil er mit dem strengen Internatsdasein nicht klarkam.
Die Vorwürfe lassen Bollettieri ("Ich bin der Michelangelo des Tennis") kalt. Sein Geschäft floriert: Seit 1978 besuchten über 11 000 Schüler das Tenniscamp des Paukers mit dem Hang zur soldatischen Disziplin. Vor zwei Jahren eröffnete er noch eine Dependance in Bühl im Schwarzwald, um auch am deutschen Tennisboom teilzuhaben.
Dort lassen sich 15 Talente auch nicht von jener trüben Aussicht abschrecken, die ein ehemaliger Palmer-Absolvent so beschreibt: "Die Akademie macht dich entweder zum Champion, oder sie verwandelt dich zu einem Außenseiter mit einem Punkerhaarschnitt und zehn Ringen im Ohr."
Michael und Jane Levin zahlten in 18 Monaten über 50 000 Dollar im festen Glauben, ihrem Sohn würde bei Norman Palmer eine harmonischere Ausbildung zuteil als auf einer öffentlichen Schule. Als sie ihn abmeldeten, war er kein Champion. Marc Levin besucht heute eine Sonderschule für Problemkinder. Y

DER SPIEGEL 46/1995
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