13.11.1995

SchachMatt vom Mäzen

Ein Kunsthändler verspekulierte Millionen, die ihm Großmeister anvertraut hatten, bei Immobiliengeschäften im Osten.
Deutsche Schachprofis wußten stets, wo ihr Geld gewinnbringend arbeiten würde. Sie trugen ihr Erspartes zu Heinrich Jellissen.
Bis zu zwölf Prozent Zinsen versprach der Chef der Bundesligamannschaft von Bayern München, der sich als Lebemann, väterlicher Berater und großzügiger Schach-Mäzen die Ehrfurcht der Denksportler erworben hatte.
Im letzten Dezember war plötzlich Schluß mit der wundersamen Geldvermehrung. Hobby-Anlageberater Jellissen erlag mit 54 Jahren überraschend einem Herzleiden. Und die Schachprofis, die insgesamt etwa drei Millionen Mark Einlagen abholen wollten, mußten von Jellissens Witwe Eva-Maria erfahren, daß der vermeintliche Multimillionär so viele Schulden hinterlassen hatte, daß mangels Masse nicht einmal ein Vergleich zustande kommen würde.
Damit gelang Jellissen, was nicht einmal die Anbieter von Bauherrenmodellen in der an Abzockern reichen Fußball-Bundesliga fertigbrachten: Er stürzte die Spitzenkräfte einer ganzen Branche, Funktionäre und Journalisten inklusive, synchron ins finanzielle Matt. Obendrein bescherte er mit seinen Winkelzügen den Schachspielern noch eine Identitätskrise: Nicht tumbe Fußballer, sondern ausgerechnet die Geistesgrößen des deutschen Sports ließen sich für eine Handvoll Prozente nasführen.
Ob der verschrobene Großmeister Robert Hübner, der 1981 bis ins Kandidatenfinale um die Weltmeisterschaft vordrang, der für Deutschland spielende Weltranglistenzehnte Artur Jussupow, die Bundesligaspieler Raj Tischbierek, Stefan Kindermann oder Ralf Lau; ob Schachonkel Helmut Pfleger, der mit seinen nächtlichen Partie-Kommentierungen die Zuschauer der dritten ARD-Programme sanft in den Schlaf schwatzt, oder Horst Metzing, der Geschäftsführer des Deutschen Schachbundes - mit bis zu 680 000 Mark pro Person bezahlten die scharfen Analytiker ihre Schnäppchen-Mentalität.
Sie gehören zu jenem Dutzend Schachgrößen, die ihre Forderungen bereits angemeldet haben. "Und es kommen immer noch welche dazu", sagt der Münchner Konkursverwalter Franz-Joachim Sessig. Die tatsächliche Zahl der Geschädigten liegt womöglich weit höher. Denn etliche Forderungen wurden nicht anerkannt, da auf den vorgelegten Wechseln nicht einmal der Gläubigername eingetragen war.
Zudem bot Privatbanker Jellissen eine prächtige Möglichkeit, bar gezahlte Gewinngelder aus dem Ausland am deutschen Fiskus vorbei profitabel zu parken. Daher schreiben viele Profis ihre Einlagen lieber in den Wind, als neugierigen Steuerfahndern erklären zu müssen, woher die Gelder stammen.
Die Branche rätselt nun, ob sie einem eiskalten Abzocker aufgesessen ist oder ob die Not den Ehrenmann Jellissen zum Betrug getrieben hat. Bis heute sind viele Profis überzeugt, daß "er kein Krimineller war", sagt der Berliner Tischbierek.
Auch Lau (Mönchengladbach) glaubte, eine Erbschaft von 51 000 Mark einem "hochseriösen Menschen" anzuvertrauen, "zu dem ich mehr Vertrauen hatte als zu jeder Bank". Letzte Zweifel zerstreute ein Besuch auf Jellissens Anwesen. "Der hatte Originale an der Wand", erinnert sich Lau, "die erkannten selbst Kunstbanausen."
Noch im Frühjahr, als längst klar war, daß die Einlagen verschwunden waren, standen die Schachprofis des FC Bayern tapfer zu ihrem Gönner und erkämpften "für Jellissen" die neunte Deutsche Meisterschaft. Danach löste sich die Elitetruppe wegen Geldmangels auf.
Vertrauen hatte sich der belesene Germanist erarbeitet, weil er Bares für die an chronischem Geldmangel leidende Branche besorgte. Mit fürstlichen Gehältern lockte der Mäzen Spitzenkräfte zum FC Bayern, gewann die Schweizerische Kreditanstalt als Turniersponsor und verschaffte seinen Spielern weltweit lukrative Auftritte.
Am liebsten jedoch plauderte der aparte Kunstkenner über seine Verdienste und die Annehmlichkeiten des Reichtums. 30 000 Mark, so ließ Jellissen einen Spieler wissen, brauche er im Monat schon für einen angemessenen Lebensstil, zu dem stets ein erstklassiger Wein gehörte.
Daß der Mann sein Geld nicht allein mit Kunsthandel und Expertisen, sondern auch mit Spekulationen machte, wußten nur Eingeweihte. Mitte der achtziger Jahre steckte Jellissen schon einmal in einer bedrohlichen Klemme. Damals retteten ihn private Einlagen, die er später mit Zinsen zurückzahlte.
Jellissens letzter Coup sollte sich indes als einige Nummern zu groß erweisen. Im Goldrausch der deutschen Vereinigung stieg Jellissen ins Immobiliengeschäft ein, plante Neubauten im bayerisch-ostdeutschen Grenzgebiet und kaufte eine Baufirma gleich dazu.
Bereits 1993 hatte er angeblich über 20 Millionen Mark Verbindlichkeiten aufgetürmt. Dennoch akquirierte Jellissen weiter und beschleunigte damit jene verhängnisvolle Abwärtsspirale, die Konkursrichter als Anfang eines zumeist schnellen Endes kennen: Um ein Loch zu stopfen, müssen zwei neue aufgemacht werden. Der Hauptgläubiger, die Sparkasse Regensburg, war nur mit einer Sicherheitsübereignung von Jellissens Kunstbesitz zu beruhigen.
Auf die Bilder konzentrieren sich nun die verbliebenen Hoffnungen der Brettspieler. Womöglich, beruhigt Witwe Eva-Maria Jellissen, lasse sich die Sicherheitsübereignung wegen juristischer Ungereimtheiten aushebeln. Dann könnten die Werke im Winter bei Sotheby's in London versteigert und "zumindest Teile der Forderungen beglichen werden".
Daran glauben viele Spieler indes nicht mehr. So ahnt Tischbierek, der eigens einen Kredit aufgenommen hatte, um seine Einlage bei Jellissen zu erhöhen: "Da kommt Null."
Inzwischen bedauern einige Profis schon, eine anfangs als pietätlos verworfene Variante nicht in die Tat umgesetzt zu haben: "Wir hätten mit ein paar Mann in Jellissens Villa anrücken sollen", sagt ein Bundesligaspieler, "und einfach ein paar teure Bilder mitnehmen müssen." Y

DER SPIEGEL 46/1995
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