13.11.1995

„Ich galt als Monster“

SPIEGEL: Kelly Michaels, Sie saßen fünf Jahre unschuldig im Hochsicherheitstrakt des Frauengefängnisses von Clinton in New Jersey. Wie haben Sie das durchgestanden?
Michaels: Die ersten 15 Monate waren die schlimmsten, die verbrachte ich in Einzelhaft.
SPIEGEL: So drakonisch werden in Amerika sonst nur zum Tode verurteilte Serienmörder behandelt.
Michaels: Man sagte mir, die Einzelhaft sei zu meinem eigenen Schutz. Meine Mitgefangenen hatten zwar gemordet und andere Schwerverbrechen begangen. Doch mein angebliches Vergehen wog in ihren Augen schlimmer: Ich war verurteilt wegen sexuellen Mißbrauchs von drei- bis fünfjährigen Kindern, damit galt ich für sie als verabscheuungswürdiges Monster.
SPIEGEL: Wie sind Sie das Stigma gegenüber Ihren Mitgefangenen losgeworden?
Michaels: Das Leben im Gefängnis ist eine Subkultur, in der sich die Menschen irgendwie einzurichten suchen. Ich fing an zu malen, sang im Gefängnischor "Gute Hirten" mit und bot mich an, Nachhilfestunden zu geben, um einigen Mitgefangenen einen Schulabschluß zu ermöglichen.
SPIEGEL: Sie wurden eine mustergültige Gefangene?
Michaels: Ich war ein wohlerzogenes Mädchen aus katholischem Elternhaus . . .
SPIEGEL: . . . verurteilt wegen "115 schändlichen Handlungen sexuellen Charakters" an den Ihnen anvertrauten Kindern.
Michaels: Daß die Öffentlichkeit glaubte, ich hätte diese abscheulichen Dinge wirklich getan, daran habe ich während der fünf Jahre jeden Tag gedacht.
SPIEGEL: Empfanden Sie Wut und Haß gegen die Kinder, die gegen Sie ausgesagt hatten?
Michaels: Nein. Die Kinder waren ebenso Opfer wie ich. Sie wurden tatsächlich mißbraucht, aber nicht durch mich, sondern durch die Staatsanwälte und die sogenannten Experten. Sie waren es, die den Kindern mit Suggestivfragen _(* Vor der Urteilsverkündung im Essex ) _(County Courthouse in Newark. )
Antworten entlockten über Dinge, die ich nicht getan hatte, nicht getan haben konnte, weder an dem unterstellten Ort - das war ein Raum, der von anderen Mitarbeitern des Kindergartens ständig durchquert wurde - noch zu dem vorgeblichen Zeitpunkt: In der halbstündigen Mittagspause, so wurde ja angegeben, hätte ich mit den Kindern abartige Handlungen begangen.
SPIEGEL: Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort?
Michaels: So ungefähr. Amerika durchlebte in den achtziger Jahren eine Massenhysterie; der Wahn, Kinder würden reihenweise geschändet, und der Satanskult blühten in jedem Winkel auf.
SPIEGEL: Richter und Geschworene sind dem Trend willig gefolgt.
Michaels: Vor allem die Staatsanwälte. Für die waren solche Schauprozesse, die von den Medien kritiklos ausposaunt wurden, wichtige Stufen ihrer beruflichen Karriere.
SPIEGEL: Betrachten Sie sich als Opfer des amerikanischen Justizsystems?
Michaels: Nein, es hat ja am Ende funktioniert, in meinem Fall allerdings mit fünfjähriger Verspätung.
SPIEGEL: Gleichwohl strengen Sie jetzt einen Zehn-Millionen-Dollar-Schadensersatzprozeß gegen den Staat New Jersey an. Wollen Sie sich rächen, oder wollen Sie Millionärin werden?
Michaels: Weder das eine noch das andere. Mein Urteil wurde aufgehoben, die Staatsanwaltschaft verzichtete auf eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Rechtstechnisch bin ich damit "nicht schuldig", doch absolut unschuldig bin ich noch nicht. Ich will meine Integrität wiederhergestellt wissen. Dazu würde es bereits genügen, wenn eine Mutter oder ein Vater der von mir damals beaufsichtigten Kinder sich entschuldigen würde und mir einen einzigen Dollar für erlittenes Unrecht anböte.
* Vor der Urteilsverkündung im Essex County Courthouse in Newark.

DER SPIEGEL 46/1995
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