13.11.1995

MedizinSchütteln des Kopfes

Sind Mikropillen gefährlich? Die Berliner Arzneimittelbehörde schafft neue Irritation.
Die Ruhe nach dem Sturm war trügerisch. Neue Verwirrung und neue Ängste kamen auf Deutschlands Frauen im gebärfähigen Alter zu - diesmal ausgelöst von den Berliner Arzneimittel-Wächtern. Mitte letzter Woche war perfekt, was die Hamburger Morgenpost das "Pillen-Chaos" nannte.
Vor zwei Wochen erst hatte das europäische Arzneimittelkomitee CPMP in London die Aufregung über die Mikropillen als unangemessen bezeichnet.
Die vorläufigen Ergebnisse dreier noch nicht abgeschlossener Studien waren der Anlaß für Panikmeldungen über die Gefährlichkeit der hormonellen Verhütungsmittel gewesen. Doch aus dem Londoner Expertenkreis kam Entwarnung: Das den Mikropillen nachgesagte Thrombose-Risiko stehe in keinem Verhältnis zu ihrem Nutzen.
Am letzten Montag fachte das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, Nachfolger des Bundesgesundheitsamtes (BGA), die Aufregung aufs neue an - obwohl auch die Berliner Beamten die Londoner EU-Entscheidung mitgetragen hatten.
Im europäischen Alleingang verordnete das Berliner Institut der inkriminierten Gruppe von Mikropillen doch noch eine Zulassungsbeschränkung - die kaum verwirrender sein könnte*: *___Mikropillen mit den Wirkstoffen Desogestrel oder ____Gestoden dürfen vom 11. Dezember an all jenen Frauen ____bis zu einem Alter von 30 Jahren nicht mehr verordnet ____werden, die zum erstenmal die Pille nehmen. *___"Familiäre Faktoren", die für ein Thrombose-Risiko ____von Bedeutung sind, müssen vor jeder Verschreibung ____"sorgfältig ermittelt" werden. *___"Zusätzlich" zu den schon bekannten Risikofaktoren ____wie Übergewicht und Rauchen sollen die Ärzte künftig ____Thrombose-Fälle "bei nahen Verwandten" abfragen. ____Entsprechende Warnhinweise muß künftig auch der ____Beipackzettel enthalten. *___Für Frauen, "die zur Zeit zufriedenstellend auf ____eines der betroffenen Arzneimittel eingestellt sind", ____besteht "kein Anlaß", die Pille zu wechseln.
Deutschlands Frauenärzte reagierten mit Unverständnis und Protest. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie kritisierte die "überraschenden Maßnahmen", die "aufgrund der augenblicklichen Datenlage" nicht notwendig seien. Für eine Pillenpanik bestehe kein Anlaß, teilte der Berufsverband der Frauenärzte mit, man könne die Berliner Entscheidung "nur mit Kopfschütteln kommentieren". Vor übereilten _(* Biviol, Cetenyl, Cyclosa, Dimirel, ) _(Femovan, Lovelle, Marvelon, Minulet und ) _(Oviol. )
Verboten hatten schon die Autoren der drei Studien gewarnt: Die Auswertung der Daten sei noch nicht abgeschlossen. Dementsprechend beschloß die Europäische Arzneimittelbehörde, ihre Entscheidung bis zu der für Juni 1996 angekündigten abschließenden Bewertung aufzuschieben.
Im Gegensatz dazu erklärt nun die Berliner Arzneimittelbehörde, für sie sei der "begründete Verdacht ausschlaggebend, nicht der Beweis". Die krause Jein-Entscheidung aus Berlin, so Jürgen Beckmann, Leiter des Bereiches Arzneimittelsicherheit bei dem Berliner Amt, sei eine "differenzierte Zwischenlösung", der "Datenlage angepaßt".
Daß die Risiken auch nach den Daten der neuen Studien "absolut gesehen nicht groß" seien, gibt Beckmann zu. Dennoch gelte es, speziell die jüngeren Frauen zu schützen, denn sie hätten "genügend andere Pillen" zur Verfügung.
Daß andererseits die älteren Frauen bei der Mikropille bleiben dürfen, begründet das Amt mit der von Wissenschaftlern geäußerten Vermutung, die Pillen der dritten Generation könnten das Herzinfarktrisiko senken. Da bei den Jüngeren das Infarktrisiko niedrig sei, könnten sie auf diese Segnungen der Mikropille leicht verzichten.
Allerdings räumt das Berliner Institut auch ein, daß die behauptete infarktsenkende Wirkung der Mikropille ein "sehr vorläufiges Ergebnis" sei. Auch könne sich die Thrombose-Warnung am Ende doch noch "als grundlos" erweisen.
Deshalb warten auch die Berliner Arzneimittelwächter auf die Schlußbewertung durch die EU-Kommission im nächsten Sommer. Bis dahin ist, man kann nie wissen, die Beschränkung befristet.
* Biviol, Cetenyl, Cyclosa, Dimirel, Femovan, Lovelle, Marvelon, Minulet und Oviol.

DER SPIEGEL 46/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/1995
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Medizin:
Schütteln des Kopfes

  • Trump attackiert eigene Partei: "Die Republikaner müssen härter werden"
  • Pläne der Bundesregierung: Landwirte demonstrieren gegen neue Gesetze
  • Japan: Kaiser Naruhito verkündet seine Regentschaft
  • Kletterweltcup in Xiamen: "Spiderwoman" bricht Rekord im Speed-Climbing