13.11.1995

AstronomieWink mit dem Kriegsbeil

In Arizona wollen sich deutsche Astronomen am Bau eines Superteleskops beteiligen - die Apachen protestieren gegen das Vorhaben.
Hoch oben auf dem Gipfel hausen die Geister des Berges. "Seit ewigen Zeiten führen die Ga'an mein Volk", sagt die Apachenfrau Ola Cassadore Davis, 70, "sie geben uns Wissen und Heilung."
Nicht mehr lange, fürchtet die Sprecherin der Apache Survival Coalition (ASC). Bald werde der Mount Graham, der wie ein Monolith aus der Wüste von Arizona ragt, von allen guten Geistern verlassen sein.
Schuld hat wieder mal der weiße Mann. Mit Bulldozern will er den Urwald plattmachen und Bauten aus Stahl und Beton in den Fels rammen. Aber nicht stinkende Fabriken, lärmende Bergwerke oder Skipisten werden den "heiligen Berg entweihen": Ein Spiegelteleskop der Universität von Arizona hat den Zorn der Indianer erregt.
Das "Large Binocular Telescope" (LBT), das nach Art eines Opernglases aus zwei fest miteinander verkoppelten 8,4-Meter-Parabolspiegeln bestehen soll, wäre das scharfsichtigste Fernrohr der Welt. Astronomen könnten mit dem zweiäugigen Superteleskop ferne Planetensysteme erstmals direkt beobachten (SPIEGEL 46/1995). Auch ließe sich damit womöglich das Rätsel der Quasare lösen, die wie Leuchttürme am Rande des Universums schweben und tausendmal heller strahlen als Galaxien.
Immer lauter trommeln Apachen aus dem San Carlos Reservat, das in der Nähe des Mount Graham liegt, in den US-Medien gegen das Projekt. Der Teleskop-Bau sei "nur mit der Schändung einer Kirche vergleichbar". Jetzt schleudern die Indianer ihr Kriegsbeil über den großen Teich bis nach Deutschland.
Mit knapp 30 Millionen Mark wollen sich die deutschen astrophysikalischen Institute und Sternwarten an der Errichtung des LBT beteiligen. "Wir bezahlen den zweiten Spiegel, ohne uns bliebe das Teleskop auf einem Auge blind", sagt Günther Hasinger, Direktor am federführenden Astrophysikalischen Institut in Potsdam. Anfang nächster Woche will der Rat deutscher Sternwarten über eine deutsche Beteiligung entscheiden.
Die Rothäute setzen auf einen Domino-Effekt: Fallen die politisch überkorrekten Deutschen um, kippt womöglich das ganze Projekt. Anfang Oktober übergab eine Apachendelegation dem deutschen Botschafter in Washington einen Protestbrief an Kanzler Kohl. Bereits im Frühjahr war die ASC-Sprecherin Cassadore Davis nach München gejettet, um den Rat deutscher Sternwarten von einer Mitarbeit am LBT abzuhalten.
Schon haben sich gute Deutsche mit den roten Brüdern im Westen solidarisiert: In München kämpft eine "Big Mountain Aktions Gruppe" gegen die deutsche Beteiligung an dem ketzerischen High-Tech-Fernrohr; in Hamburg macht das "Institut für Ökologie und Aktions-Ethnologie" mit Ausstellungen und Flugblättern mobil. Zusammen mit anderen Unterstützergruppen haben sie das "Mount Graham Network Europe" ins Leben gerufen.
An den Aufruhr müssen sich die Sterngucker, im Gegensatz zu den Kollegen von der Genforschung, erst noch gewöhnen. Rolf Kudritzki, amtierender Vorsitzender des Rates deutscher Sternwarten, sah sich bislang eher auf "der anderen Seite der Barrikade"; der Münchner Astrophysiker sitzt für die Bündnisgrünen im Gemeinderat.
Um die Wogen zu glätten, starteten Kudritzki und Hasinger im Sommer zur Versöhnungstour durch die Apachenreservate. Die Friedenspfeife wurde den Gelehrten auf einem Treffen mit ASC-Vertretern aber nicht gereicht. Statt dessen nahmen die Indianer die Gespräche mit Videokameras auf; Wortprotokolle verschickten sie per Internet.
"Der Berg ist so riesig, da ist Platz für uns alle", erklärte Hasinger. "Ihr habt dort oben nichts zu suchen", donnerte ihm Apachenmann Brad Allison entgegen, "hätte Gott euch dort haben wollen, hätte er euch zu Sternen gemacht."
Nicht alle Apachen denken so. Er habe nichts gegen das Fernrohr, sagt Harrison Talgo, der langjährige Stammesrats-Chef der San Carlos Apachen. Vor dem Teleskop-Streit sei von der Heiligkeit des Mount Graham in Wahrheit nie die Rede gewesen. Talgo: "Meine Vorfahren waren als Nomaden nicht an einen festen Ort gebunden, sie zogen herum."
Ein pragmatisches Verhältnis zu ihrem heiligen Berg pflegen die im Norden Arizonas beheimateten White Mountain Apachen. Direkt neben ihren religiösen Zeremonienstätten betreiben sie Skipisten.
Unberührte Wildnis herrscht aber auch auf dem Mount Graham schon lange nicht mehr. In den unteren Bergregion gibt es sieben Campingplätze, einen künstlichen See, ein Bible Camp und ein Feriendorf mit knapp 100 Holzhäusern. Jährlich 300 000 Jäger und Touristen brausen über den Arizona State Highway 366 zu dem beliebten Ausflugsziel.
Echte indianische Berggeister lassen sich von all diesem Rummel nicht aus der Ruhe bringen. Auch die Radio- und Fernsehtürme, die vom Gipfel des Mount Graham ihre Funkwellen aussenden, haben sie bislang nicht vertrieben. Seltsam, daß nun ausgerechnet das neue Sternenfernrohr die Geister in die Wüste jagen soll.
Doch wen kümmern solche Feinheiten, wenn es um eine große Sache geht? Viele junge Apachen wittern eine Chance, sich für vergangene Demütigung und Unterdrückung zu revanchieren. In der Indianerbewegung Nordamerikas sei der Teleskop-Streit inzwischen zu einem "Symbol für die Bewahrung und Wiederbelebung indianischer Identität geworden", glaubt die Göttinger Gesellschaft für bedrohte Völker.
Als die Universität von Arizona vor zehn Jahren erstmals Pläne veröffentlichte, auf dem Mount Graham insgesamt sieben Teleskope aufzustellen, hatten die Stammesfürsten der Apachen noch keine Einwände. Jahrelang waren nur Umweltschützer dagegen. Um eine zweite Front zu eröffnen, gründeten sie mit ein paar Indianern die Apache Survival Coalition.
Mit einer Prozeßlawine hatten die Öko-Aktivisten zuvor vergeblich versucht, die "massive Zerstörung einer einmaligen Naturlandschaft" zu verhindern. Gegen ihren Widerstand wurden die ersten zwei kleineren Teleskope errichtet.
Seit zwei Jahren lauschen Forscher des Bonner Max-Planck-Instituts für Radioastronomie auf dem 3267 Meter hohen Felsklotz nach Signalen ferner Sterne. Nebenan fahnden die Himmelsforscher des Papstes mit ihrem neuen Vatikan-Teleskop (Vatt) nach Heiden im Weltall.
"Die Astronomen starren voller Bewunderung in den Himmel", klagte Öko-Vorkämpfer Robin Silver verbittert, "und sehen nicht, was sie unter ihren Füßen zertrampeln."
Seit der letzten Eiszeit hat die umliegende Wüste die Gipfelwälder des Mount Graham vom Rest der Welt abgetrennt. Viele Tier- und Pflanzenarten kommen nur dort vor. Die Astro-Industrie, so prophezeite Silver düster, würde etwa die letzten 160 Grahamhörnchen der Erde ausrotten.
Doch die angekündigte Öko-Katastrophe fiel aus. Bis heute weigern sich die Grahamhörnchen auszusterben. Biologen haben kürzlich über 400 dieser mit Eichhörnchen verwandten Tiere gezählt, mehr als je zuvor.
Von einem Kahlschlag im Bergurwald kann ohnehin keine Rede sein: Von 1600 Hektar Tannen und Fichten in der Gipfelregion mußten gerade mal drei Hektar gefällt werden, um die ersten beiden Teleskope und eine Zufahrtsstraße zu bauen.
Zehnmal mehr Bäume schlugen allein die Forstarbeiter, als sie in den sechziger Jahren Feuerschneisen anlegten, die bei einem Waldbrand die Flammen eindämmen sollen.
Das geplante Superteleskop LBT würde nur 0,4 Hektar Wald verschlingen, weniger als ein halbes Fußballfeld. Um ja keine Futterplätze der Grahamhörnchen zu zerstören, verlagerten die Astronomen den LBT-Bauplatz sogar um einige hundert Meter. Das war ein Fehler: Die inzwischen gerodete Fläche liegt nunmehr außerhalb der für die Teleskope vorgesehenen zehn Hektar. Die Anwälte der Umweltschützer setzten prompt einen vorläufigen Baustopp durch.
Nun hofft die Universität von Arizona auf eine Ausnahmegenehmigung vom US-Kongreß. Auf einen anderen Standort wollen die Astronomen nicht ausweichen. Der Wüstenberg bietet ihnen trockene Luft und viele klare Nächte - ein ideales Plätzchen, um den Kosmos zu enträtseln.
"Auf dem Mond wäre die Sicht natürlich noch besser, und dort würde sich auch niemand beschweren", sagt Astrophysiker Kudritzki, "nur leider ist dieser Standort für uns etwas zu teuer." Y
[Grafiktext]
Internationales Observatorium auf dem Mount Graham
Kartenausriß - Lage Mount Graham
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 46/1995
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