13.11.1995

RegisseureDirty Old Peter Pan

Wenn Larry Clark in seiner Lieblingskneipe "Barocco" im New Yorker Tribeca-Viertel sitzt - gleich an der Ecke, wo er sein Loft hat - und die kleinen Muschelschalen aus dem Spaghettiteller fischt, macht er sich Sorgen um die jungen Leute von heute. Die sind in Gefahr. "Ich kann Kondome nicht leiden, kein Mensch kann Kondome leiden, und die Kids schon gar nicht! Das ist der ganze Scheiß!" Clark, eher wortkarg und düster, ist kein Mensch, dem man nachsagen könnte, daß er Humor hat.
Der Regisseur des Films "Kids", seines Erstlingswerks, das in den USA ziemliches Aufsehen erregt hat, ist 52, trägt einen struppigen Bart, einen schon ergrauenden Pferdeschwanz und hat die sehnige, ausgemergelte Konstitution eines trockengelegten Junkies.
Doch er ist zäh. An schönen Wochenenden zieht er mit seinem Skateboard zum Washington Square Park, nur ein paar Blocks nördlich, wo sich dann Rudel von halbwüchsigen Skateboard-Freaks tummeln. Er liebt die Skater. Da läßt er im Gespräch seine Spaghetti kalt werden und bekommt etwas Schwärmerisches: Die Skater, mit denen er seine Kreise dreht, sind für ihn die Verkörperung von Jungsein, Freisein, Leichtsein. Wenn er mit einem von ihnen ins Reden kommt, gibt er sich oft als zehn Jahre jünger aus. Natürlich ist er dann immer noch dreimal so alt wie die, von denen er als ihresgleichen akzeptiert sein möchte, doch das macht nichts: Innerlich ist er ihnen ganz nah.
Und weil er also genau weiß, daß sie Kondome für eine Lästigkeit halten, macht er sich Sorgen. Deshalb dreht er, ohne Honorar natürlich, Kondom-Werbespots fürs Public TV. Und nur deshalb bedauert er, daß "Kids" in den USA - trotz aufsehenerregender Kontroversen - bisher von zu wenigen Kids gesehen wurde: Der Film lief nur in einem begrenzten Zirkel von Großstadtkinos. Seine eigentliche Zielgruppe werde "Kids" erst erreichen, wenn er zu Weihnachten auf den Videomarkt kommt, sagt Clark: "Alle Kids müssen ,Kids'' sehen!" - und er sagt das, als handle es sich um eine 90minütige Aidsand-Safer-Sex-Lektion.
Die bundesdeutsche Filmbewertungsstelle hat "Kids" mit dem Prädikat "wertvoll" versehen und dazu festgestellt, mit seinen "bis an die Schmerzgrenze harten Einstellungen" sei dies ein Film, der "angst macht und Ekel erzeugt". Zumindest das mit dem Ekel trifft gewiß zu.
"Kids" erzählt 24 Stunden aus dem Leben eines New Yorker Skateboard-Freaks namens Telly (Leo Fitzpatrick), eines schmächtigen Bürschchens, das 17 Jahre alt sein mag, aber wie 14 aussieht, und mit seinem schiefen letzten Milchzahn einen Rest kindlicher Unschuld ausstrahlt. Nur die macht Telly erträglich, denn im übrigen ist er ein großmäuliger Scheißkerl, der auf die Frage nach seinem wesentlichen Lebensinhalt antwortet: Ficken. Um vor Aids auch ohne Kondom sicher zu sein, so behauptet er, habe er eine Garantie-Strategie: nur Jungfrauen flachlegen.
So sehen wir zu Beginn des Films, vormittags, diesen Telly einem jungen Mädchen auf seinem Jungmädchenbett zwischen Plüschtieren mit viel Geschlecke, Geschmatze, Gelutsche und Liebesgelaber sein letztes Restchen Widerstandskraft abschwatzen; und wir sehen gegen Ende, keine 24 Stunden später, wie er auf einem anderen Bett ein anderes, noch dümmeres und wohl von Drogen schon arg verwirrtes Mädchen mit demselben Geschwätz niedermacht. Erst als es zu spät ist, beginnt die Kleine kläglich zu weinen.
"Packender Streifen um eine Clique, deren Anführer ständig Jungfrauen verführt", schreibt die deutsche Teenie-Zeitschrift Bravo zu ihrem Film-Fotoroman "Kids". In der Bravo lassen sich jede Woche deutsche Kids nackt abbilden und teilen dazu ihren Altersgenossen mit, wie es beim berühmten "ersten Mal" war. "Ich hatte es mir besser vorgestellt!" meldete zum Beispiel David, 15, Ende Oktober, denn "sie wollte Oralverkehr". Und Sina, 17, erinnerte sich: "Ich hatte keinen Orgasmus, weil Andre zu schnell kam."
Es ist die verordnete aseptische Sprache des Sexualkundeunterrichts, die hier auf merkwürdige Art das Erlebnis dem Körper entfremdet: Wer redet denn so? Das Schockierende oder Explosive oder Befreiende von "Kids" ist die Sprache. Diese Halbwüchsigen reden fast nur über Sex - die Mädchenclique schnatternd und kichernd über den Geschmack von Sperma, die Jungenbande angeberisch über Verführungstricks - und sie reden, sie quasseln in einem Fluß unerhört argloser Obszönitäten daher: als würden sie das, was ihnen angeblich am meisten bedeutet, zugleich am meisten verachten.
Larry Clark, dessen Kunstehrgeiz als Regisseur ganz auf "Authentizität" in der Art eines Dokumentarfilms gerichtet ist, zeigt ein phänomenales Gespür für die Eigenart seiner halbwüchsigen Darsteller, allesamt Laien, die er in Skateboard-Cliquen rund um den Washington Square rekrutiert hat: Mit flinker, beweglicher Handkamera ist er ihnen stets auf der Pelle; er erhebt sich nie auch nur fünf Zentimeter über ihre infantile Sicht der Welt; und die Unmittelbarkeit der Sprache, mit der diese schmuddelige Portion Wirklichkeit beredet wird, beglaubigt den Schein von "Authentizität": Sie ist die krönende Schicht Schmutz.
Telly und seine Kumpel sind ja keine Jungkriminellen aus den Slums; sie sind Mittelstands-Früchtchen. Sie klauen morgens ein bißchen, um sich Drogen leisten zu können; sie schweinigeln; sie brettern später auf ihren Skateboards zum Washington Square; sie verhöhnen ein schwules Paar; sie dreschen einen Schwarzen, der sie respektlos anquatscht, mit ihren Brettern so brutal zusammen, daß er halbtot, wenn nicht ganz tot liegenbleibt; sie reißen abends Mädchen auf und brechen in ein Schulschwimmbad ein; sie dröhnen sich schließlich mit billigen Drogen und Bier zu, bis sie umfallen.
Es gibt keine Minute in "Kids", die ein empfindendes Herz erfreuen könnte, die Kamera aber ist immer Kopf an Kopf dabei und registriert alles, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen: Eine Mohrrübe ist eine Mohrrübe, mehr kann man darüber nicht sagen.
Larry Clark, wie er da im "Barocco" sitzt und seine Skateboard-Freunde als "romantic outlaws" darstellt, beschönigt dennoch nichts von ihrer Amoral. Er sagt, was alle sagen: Die Eltern sind schuld, nämlich deren zerrüttete Verhältnisse. Die einzige Elternfigur, die in "Kids" kurz ins Bild kommt, ist Tellys Mutter. Ein Säugling, den sie stillt, hängt ihr an der Brust und eine Zigarette zwischen den Lippen - kein Wunder also, daß der Sohn nur bei ihr auftaucht, um das Haushaltsgeld zu stehlen.
Clark hält sich für einen guten Vater, der seine Kinder (neun und zwölf Jahre alt) fern aller Laster auf dem Land aufwachsen läßt, auch in eine Privatschule schickt, und er zählt sich zu jenen Künstlern, die ihr ganzes Werk als Gegenentwurf zur vermurksten eigenen Kindheit verstehen: In den halbwüchsigen Abenteurern, in die er sich hineinphantasiert, feiert er eine immerwährende Pubertät.
Clark, geboren 1943 in Tulsa, Oklahoma, stellt sich als Unglückskind schlechthin dar: Der Vater, ein Handelsreisender, der früh in Alkoholismus hinüberdämmerte, traktierte den Sohn meist mit wortloser Verachtung; die Mutter, die als Fotografin bei Taufen, Hochzeiten und ähnlichen Anlässen für den Unterhalt ihrer Familie sorgte, nahm den kleinen Larry gern zur Arbeit mit: Der Junge, der ein schwerer Stotterer war, mußte Faxen machen und sich auslachen lassen, damit fröhliche Gesichter auf die Fotos kamen.
Was ihn aufrechthielt, war die unzerstörbare Überzeugung, ein Künstler zu sein, auch wenn er nicht wußte, ob ihm Literatur oder Malerei mehr lag. Von seinem 16. Lebensjahr an, sagt Clark, nahm er, neben Alkohol, täglich Drogen. Anfangs in Tulsa waren es Amphetamine, die man spritzte, später auf der Kunsthochschule in Milwaukee lernt er Marihuana schätzen, und als Soldat in Vietnam dann das ganz harte Zeug.
Drogen haben einen Großteil seines Lebens bestimmt; die Liste der konsumierten Stoffe, die er vor fünf Jahren anläßlich seiner letzten Entziehungskur aufgestellt (und veröffentlicht) hat, ist quantitativ enorm und umfaßt von Mescalin und Peyote bis Kokain und Heroin so ziemlich alles, was man sich überhaupt reinhauen kann.
Die ganzen sechziger Jahre lang hat Clark, wenn er zu Hause in Tulsa mit seiner Junkie-Clique herumhing, fotografiert, und als 1971 das autobiographische Bilderbuch "Tulsa" erschien, machte sein rüder Realismus Sensation. Manche Clark-Bilder - etwa eine nackte Schwangere, die sich eben eine Heroinspritze setzt, ein bumsendes Paar auf dem Rücksitz eines Autos oder ein totes Baby in einer Kiste - bewiesen Schocckraft, und sein aggressiver Bildstil beeinflußte Filme wie Scorseses "Taxi Driver", Coppolas "Rumble Fish", Gus Van Sants "Drugstore Cowboy".
Der junge Fotograf aber, der als Nachfahr von Robert Frank gerühmt wurde, machte nichts aus dem Erfolg, sondern setzte unter Pennern und Gelegenheitsprostituierten seine Drogenkarriere fort, wobei auch einiges an milieutypischen Delikten zusammenkam. 1976 wurde Clark zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, weil er bei einer Pokerpartie auf seinen Gegner geschossen hatte; er saß 19 Monate ab.
"Tulsa" wurde für Fotoliebhaber rasch eine teure Rarität; Clark hat nie eine Neuauflage erlaubt. Für ihn ist das Buch ein Grabstein, sagt er, denn von den "romantic outlaws", die seine Drogenkumpel damals für ihn waren, sind längst fast alle tot. "Ohne Drogen hätte ich kein einziges dieser Fotos gemacht, aber ohne das Fotografieren hätte ich die Drogen nicht überlebt."
1983 hat Clark, nun in New York, einen zweiten autobiographischen Fotoband veröffentlicht, "Teenage Lust", der, besonders in einer Serie über puertoricanische Strichjungen auf der 42nd Street, sein eigentümlich kaltes voyeuristisches Interesse an Halbwüchsigen preisgibt: Clark als "dirty old man" und Peter Pan in Personalunion.
Clarks Kunstproduktion der letzten zehn Jahre besteht aus Riesen-Collagen, die auf Ausstellungen auch in Köln, München, Berlin zu sehen waren: Pinnwände, auf denen eigene Schwarzweiß-Jungenfotos mit bunten Glamourbildern von Teenie-Stars wie River Phoenix oder Matt Dillon, mit Pornofetzen, Cartoons und Zeitungsberichten über minderjährige Mörder oder Selbstmörder kombiniert sind, gelegentlich durch ein T-Shirt oder ein Skateboard gekrönt. Auf diesen Ikonenwänden stellt sich, so Clark, "nichts anderes dar als meine Obsession, diese Jungen zu fotografieren".
Als er die Skateboard-Cliquen lange genug mit der Kamera umkreist hatte und in ihm der Plan reifte, den Washington Square Park zum Zentrum eines "Great American Teenage Movie" zu machen, hatte er dort auch schon den richtigen Autor gefunden: Der Skateboarder Harmony Korine erwies sich als Filmfreak, als Möchtegern-Regisseur, der schon ein halbes Drehbuch in der Schublade und einen Ferienjob als Produktionshelfer bei dem Regisseur Paul Schrader hinter sich hatte. Mit 19 Jahren schrieb Korine für Clark "Kids". Als es ans Drehen ging, übernahm Korine, mit Perücke und dicker Brille getarnt, einen Mini-Auftritt als Drogenwrack, und seine Freundin, die blonde, bleiche, pathetisch schöne Chloe Sevigny, bekam die weibliche Hauptrolle.
Im "Barocco" wird Clark gelegentlich das Telefon an den Tisch gebracht: Die Dinge sollen ja weiterlaufen. Als nächstes, so plant er, soll Korine seinen ersten Film als Regisseur machen, dann Clark seinen zweiten, wieder nach einem Drehbuch von Korine, und diesmal sollen die Eltern im Mittelpunkt stehen. Das ist eine Drohung.
Eine berühmte späte Fotoserie von Clark aus dem Band "Die perfekte Kindheit" zeigt, wie fürs Familienalbum aufgenommen, den ersten Besuch eines 13jährigen bei einer Prostituierten*. Um das Maß seiner Anteilnahme an diesem Jungen deutlich zu machen, hat Clark gesagt: "Das bin ich." Seine Anteilnahme an Telly, dem ultimativen kleinen Strolch in "Kids", ist nicht geringer. _(* Larry Clark: "Die perfekte ) _(Kindheit". Scalo Verlag, Zürich. 200 ) _(Seiten; 78 Mark. )
Regisseur Clark in New York, Clark-Foto aus "Die perfekte Kindheit": Jungsein, Freisein, Leichtsein
B. GILBERT U. CLARK; AUS "DIE PERFEKTE KINDHEIT", SCALO VERLAG
Mittelstands-Früchtchen, die klauen und saufen, prügeln und vergewaltigen
Alles an Drogen, was man sich überhaupt reinhauen kann
* Larry Clark: "Die perfekte Kindheit". Scalo Verlag, Zürich. 200 Seiten; 78 Mark.
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 46/1995
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