13.11.1995

ZeichentrickRot-grüne Indianer

Glückliche Wilde, unberührte Natur und geldgierige Weiße: „Pocahontas“ ist der erste politisch korrekte Animationsfilm von Disney.
Erst sind da die schmalen Fesseln, dann kommt ein Paar ewig langer Beine, die noch das Supermodel Nadja Auermann neidisch machen können. Das kurze, geschlitzte Waschlederkleid, das am Rücken von polangen schwarzen Haaren verdeckt wird, strahlt niedlich-freche Erotik aus und paßt so gar nicht zu dem Gesicht, das eher herb wirkt und kaum etwas von dem typischen Zeichentrick-Kitsch hat: schräge Augen, hohe Backenknochen und eine flache, gerade Nase. Ein indianisches Gesicht.
Es gehört Pocahontas, der Titelfigur des neuen Walt-Disney-Films, der in dieser Woche anläuft. So erwachsen war noch kein Werk aus Disneys Trickstudios: Die Personen sind realitätsnäher gezeichnet, die Story hat kein Happy-Ending, und zum erstenmal gab eine historische Begebenheit die Vorlage ab. Die Häuptlingstochter Pocahontas soll zu Beginn des 17. Jahrhunderts den britischen Siedler John Smith und dessen Männer vor den Kriegern ihres Stammes gerettet haben. Schon sehen sich die Disney-Studios mit dem überraschenden Vorwurf konfrontiert, ihr Film sei politisch zu korrekt.
Besorgten, durch jahrelange Debatten über "political correctness" sensibilisierten amerikanischen Eltern, deren Kinder mehr aus Kino und Fernsehen denn aus Büchern lernen, wollten die Disney-Studios in ihrem 33. Zeichentrickfilm offenbar keine Diskriminierung von Minderheiten mehr zumuten. Und so wird das Leben der Indianer zum Disney-Idyll retuschiert, putzige Tiere, nette Menschen - "versuch's mal mit Gemütlichkeit!" Der rote Mann ist der erste Grüne; die Indianer streben nach Harmonie mit der Natur, pflanzen Mais, paddeln singend über rosa-blaue Flüsse, spielen Federball, und ganz nebenbei wird berichtet, daß sie gerade ein paar andere Stämme fertiggemacht haben.
Die Briten dagegen sind grobschlächtig und unsensibel: Angetrieben von dem goldgierigen Gouverneur Ratcliffe, wühlen sie den Boden an der paradiesisch schönen Chesapeake Bay um, vertreiben Tiere und fällen Bäume, während Ratcliffes Diener Büsche zu albernen Tieren zurechtschneidet - Greenpeace hätte nicht besser gegen Naturzerstörung polemisieren können.
Natürlich sind da auch unter den Engländern gute Menschen, zumindest einer, der schöne, blonde Captain John Smith: Er lernt sehr schnell, daß der Wald mehr als ein Baugrundstück ist. Pocahontas und Smith verlieben sich ineinander und praktizieren die erotische Völkerverständigung, doch das dürfen sie nicht, weil Indianer und Briten verfeindet sind - Romeo und Julia in der Neuen Welt.
Zum Schluß gibt es Frieden zwischen den Völkern, aber keine Chance für die Liebe. Die Leute von Disney sind vom Feminismus angesteckt: Vor die Wahl zwischen Selbstverwirklichung in der Ehe oder im Beruf gestellt, entscheiden sich starke, erwachsene Frauen für den Beruf - Smith segelt nach England zurück, und Pocahontas bleibt bei ihrem Stamm, um später einmal selbst Häuptling zu werden.
Das ist zwar politisch korrekt - aber nicht historisch. Die echte Pocahontas war höchstens zwölf, als sie Captain John Smith rettete, der Jahre später die Geschichte aufschrieb. Sie hatte nie eine Liebesaffäre mit ihm, dafür war sie zu jung, und außerdem war Smith nicht groß, sportlich, blond und glattrasiert, sondern klein, dick, dunkelhaarig und bärtig. Y

DER SPIEGEL 46/1995
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