13.11.1995

Krimis„Korrupt und kaputt“

SPIEGEL: Frau Gercke, wir machen uns Sorgen um Ihre Detektivin Bella Block. In Ihrem neuen Roman "Auf Leben und Tod" darf sie nicht mehr ermitteln, sondern nur noch ein paar Leichen am Wegesrand entdecken. Verliert Bella ihre kriminalistische Tatkraft?
Gercke: Daß Bella weniger ermittelt, liegt daran, daß ich Detektive absolut lächerlich finde. Sie übernehmen einen Fall, klären ihn auf, und danach soll die Welt wieder in Ordnung sein: absurd.
SPIEGEL: Da kommen Sie aber bald in die Bredouille: Wie wollen Sie eine Detektivin als Hauptfigur beschäftigen, wenn Sie nicht ans detektivische Handwerk glauben?
Gercke: Es wird sicher kompliziert, Bella neue Fälle anzuhexen. Das sehe ich ganz klar. Aber ich will sie nicht nur darauf reduzieren, daß sie irgendwelchen Spuren hinterherjagt, wie das bei Serienfiguren oft passiert.
SPIEGEL: Darauf war Bella Block auch in Ihren ersten Romanen nicht festgelegt. Im Gegenteil: Sie eilte auf roten Stilettos tatendurstig durch die Welt und nahm sich fesche junge Kerle zur Brust. Diesmal hingegen hat sie keine einzige Affäre, sondern muß am Leid der Welt verzweifeln und Wodka in _(* Gespielt von Hannelore Hoger. )
sich hineinkippen. Wo ist Bellas Lebensfreude geblieben?
Gercke: Ja, die ist mit den Jahren geschwunden, das gebe ich zu. Ich habe an mir selbst gespürt, daß Bella immer depressiver wird.
SPIEGEL: Und warum?
Gercke: Bella ist doch eine gescheite Frau. Die sieht, was um sie herum vor sich geht. Hier in Deutschland ist alles so zäh und öde, so ohne jede gesellschaftliche Utopie. Im Gegenteil, wer heute den Begriff Utopie in den Mund nimmt, macht sich geradezu lächerlich. Darum finde ich, daß man über Deutschland nichts mehr schreiben kann. Zu diesem Land fällt mir nichts mehr ein. Und darum ist eben auch Bella immer niedergeschlagener geworden.
SPIEGEL: Warum machen Sie überhaupt noch mit ihr weiter?
Gercke: Im sechsten Krimi, "Kinderkorn", wollte ich Bella eigentlich schon umbringen. Ich dachte mir, ich erledige sie und fertig. Dann bin ich sie los.
SPIEGEL: Und wie ist Bella Ihrem Schreibtisch-Attentat entgangen?
Gercke: Mord erschien mir dann doch zu brutal. Ich schicke sie jetzt häufiger ins Ausland, ich glaube, es gefällt ihr inzwischen, sich in Europa umzusehen und neue Fälle zu bearbeiten.
SPIEGEL: Es wäre ja auch schade um so ein Prachtweib gewesen.
Gercke: Sicher. Als ich sie erfand, Ende der achtziger Jahre, war Bella durchaus meine Traumfrau: selbständig, Anfang 50 und dementsprechend erfahren, energisch, lebensklug, mit feministischem Biß.
SPIEGEL: Sogar mit ziemlich viel Biß. Den meisten Männern begegnet Bella mit kalter Verachtung. Finden Sie sie nicht manchmal etwas ruppig?
Gercke: Sie hätten Bella gern gefügiger?
SPIEGEL: Nun ja, wenigstens ihre netten jungen Liebhaber könnte sie etwas besser behandeln.
Gercke: Wenn Bella mit einem Mann ins Bett geht, gaukelt sie ihm keine ewige Liebe vor. Es geht darum, Vergnügen aneinander zu haben - warum soll das so schlimm sein? Anders als viele andere Frauen macht Bella ihr Wohlbefinden nicht von einem einzigen Mann abhängig. Genau das gefällt mir an ihr.
SPIEGEL: Aber muß sie die Jungs immer gleich so abkanzeln?
Gercke: Die meisten, denen sie begegnet, sind ziemliche Langweiler, ganz wie im richtigen Leben. Warum soll sie lieb sein zu Kerlen, die weniger wissen und weniger leisten als sie, aber dennoch den dicken Max markieren?
SPIEGEL: Es gibt eine neue Bella-Block-Verfilmung, die zweite, wieder mit Hannelore Hoger in der Titelrolle. Weitere Folgen sind für 1996 geplant. Gefällt Ihnen Bella im Fernsehen?
Gercke: Hannelore Hoger ist die ideale Besetzung. Aber ich fürchte, daß sich die TV-Bella immer weiter von meiner ursprünglichen Figur entfernt. Der Plot des neuen Films stammt schon nicht mehr von mir, und es würde mich auch nicht wundern, wenn das Fernsehen Bellas sexuelle Unternehmungslust beschränkte, weil diese nicht ins Weltbild der Verantwortlichen paßt.
SPIEGEL: Von Lesern und Zuschauern kommt kein Protest gegen die sexuell aktive ältere Dame?
Gercke: Nein. Die Leser regen sich viel eher darüber auf, daß Bella gelegentlich Leute erschießt. In "Nachsaison" etwa ermordet sie zwei Mafia-Folterer. Bei Lesungen werde ich oft gefragt: Geht es nicht ohne diese Brutalität? Anfangs habe ich die Frage gar nicht begriffen, bis mir klar wurde: In anderen Krimis werden zwar haufenweise Menschen umgebracht. Aber weil Bella eine Frau ist, reagieren die Leser und vor allem die Leserinnen viel empfindlicher darauf, wenn sie Gewalt ausübt.
SPIEGEL: Das "Thelma and Louise"-Phänomen.
Gercke: Genau. Ich finde das absolut lächerlich und auch ärgerlich. Warum wird mit zweierlei Maß gemessen? Gewalt ist schließlich ein konstituierendes Element unserer ganzen Gesellschaft. Und meine Krimis schildern dieses System: korrupt, kaputt, patriarchal, kapitalistisch.
SPIEGEL: Fehlt noch was?
Gercke: Ich glaube nicht.
SPIEGEL: Läßt sich diese Wirklichkeit denn überhaupt noch mit dem Genre Krimi einfangen?
Gercke: Auf jeden Fall. Dieses oben gegen unten, diese Hierarchien, in denen sich Leute gegenseitig fertigmachen, das kann man in Krimis besser darstellen als in allen anderen literarischen Genres, die Satire vielleicht ausgenommen.
SPIEGEL: Weil Sie als Autorin mit einer Heldin angetreten sind, hat man Ihren Romanen gleich das Etikett "Frauenkrimi" aufgepappt. In England oder den USA wäre das undenkbar. Dort verfassen Frauen von Agatha Christie bis Sue Grafton seit Jahrzehnten fast die Hälfte aller Kriminalliteratur.
Gercke: Stimmt. Aber für mich und meine Kolleginnen in Deutschland hat dieses Etikett sehr erfreuliche Folgen. Wir werden ununterbrochen zu Lesungen und Vorträgen eingeladen, verkaufen unsere Krimis bestens, und etliche Verlage haben mittlerweile sogar Frauenkrimi-Reihen eingerichtet, um der großen Nachfrage gerecht zu werden. Y
* Gespielt von Hannelore Hoger.

DER SPIEGEL 46/1995
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