13.11.1995

MusikSchweben und stechen

Der Jazztrompeter Hannibal hat sich als Opernmacher, Dirigent Barenboim als multikultureller Maestro versucht. Ergebnis: nur guter Wille.
Die schwarze Kunst der großen Geste ist ihm auf den Leib geschrieben. Immer wieder, selbst mitten im Satz, reißt der schöne Mann die gefalteten Hände aus dem Schoß und streckt die gespreizten Finger pathetisch in die Luft. Dabei dreht er die Augen mit feierlichem Ernst zur Zimmerdecke, zieht, "hui hui", die Luft durch die Zähne, röhrt ein andächtiges "Oh" in den Raum oder schmettert fortissimo "Wow wow" nach oben, als erwarte er jeden Moment eine neue Erleuchtung von der Deckenlampe der Hotelbar.
Irgendwo über sich weiß der Geistesbeschwörer eine Großmacht, die ihn lenkt und beseelt: "the spirit". Er redet mit ihr, er hört auf sie, und nun, nach 14 Jahren "voll Träumen und Visionen", hat ihm diese ferne Schöpferkraft sogar eine monumental besetzte Komposition eingegeben: Mit dem Zweiakter "African Portraits" versucht der texanische Jazztrompeter Hannibal Lokumbe, 47, den Aufschwung ins Musiktheater.
Wieso Lokumbe? Vor mehr als 20 Jahren platzte ein drahtiger Bläser namens Marvin Charles Peterson auf die internationale Jazzerszene; der nannte sich "Hannibal" und zählte unter dem Beinamen des karthagischen Feldherrn rasch zur Black Power am Blasrohr.
Aus dem Stand, meist weit nach hinten gelehnt und tief in die Knie gebeugt, preßte Hannibal Marvin Peterson selbst schnellste Läufe makellos in die Spitzenlagen seines Instruments. Sein Staccato, haarscharf und glasklar, war Klasse; aber seine Trompete konnte auch schmusen wie ein Horn oder stöhnen wie eine Posaune.
Mit seinem Goldstück, schrieb 1974 die New York Times, könne dieser "Muhammed Ali der Jazztrompeter wie ein Schmetterling schweben und stechen wie eine Biene".
Die smarte Tour und die scharfe Attacke hat Hannibal wohl immer noch drauf. Doch allmählich steht ihm die Szene oben, und er findet "die Leute zum Kotzen, die da bloß ihre dicken Dollar für Eintrittskarten hinblättern".
Vom Mainstream-Jazz ermüdet, zieht es den Spiritisten nun unaufhaltsam zu völker- und rassenverbindenden Tongemälden von abendländischem Kaliber. Schon arbeitet er an einer "Eternal" genannten Messe und notiert in einer riesigen Kladde, welches "neue Menschenbild" ihm "the spirit" dafür übermittelt hat: "Ein asexuelles Geschöpf, das dem Allmächtigen nahe ist".
Seit dem 2. April 1995 ist die Wende nach oben sogar aktenkundig. An jenem Tag nämlich, verrät der Tonsetzer, habe ihm "der Geist" seiner Urgroßmutter "offiziell die Genehmigung erteilt, in der Öffentlichkeit den Namen _(* Im Mai in der Chicago Symphony ) _(Hall. )
Lokumbe zu tragen". Lokumbe, afrikanischen Ursprungs, bedeutet "der Geist im Wind". Hui, oh, wow - nun setzt die große Sause ein.
Jedenfalls kommen jetzt unter dem Komponistennamen Hannibal Lokumbe jene "African Portraits" als CD auf den deutschen Markt, die Anfang Mai in Chicagos Symphony Hall mitgeschnitten worden sind und die ihr Schöpfer hartnäckig "Oper" nennt.
Alles, nur das nicht. Schon der Librettist Lokumbe hat sich einen opernuntauglichen Leidfaden zurechtgelegt, der, ohne dramatischen Zusammenhalt, vom Sklavenhandel in Schwarzafrika bis zu den weißen Menschenschindern auf texanischen Baumwollfeldern reicht und der sich am Schluß, nach viel "God''s love" und "Sweet Jesus", im Tremolo der "Erlösung" verheddert.
"Einen clever gemachten Mischmasch" hat der Chicago Reader die knapp einstündige Kantate genannt, und zu mehr als einem multikulturellen Patchwork im Zeichen des Kreuzes hat es auch nicht gereicht.
Da stößt Gospel-Pathetik auf realistisches Schreckensgeschrei, und in der zweiten Szene wird gar richtig geschossen. Auf langatmige Litaneien in der westafrikanischen Sprache der Mandingo folgt die scheinheilige Frömmelei eines katholischen Priesterchores.
Kaum hat der gambische Kora-Virtuose Alhaji "Papa" Bunka Susso seiner 21saitigen Harfen-Laute exotische Zupfer entlockt, fällt auch schon Chicagos philharmonische Heerschar ein, und es setzt laute Schläge wie beim alten Orff. Wenn der Jazztrompeter Hannibal zwischendurch den Mund vollnimmt, hat das, immer noch, herrlichen Schneid; macht der E-Musiker Lokumbe auf sinfonischen Soul, kandieren die Streicher, und alles klingt vollfett.
Da nützt es auch nicht, daß der Berliner Staatsopernchef und eingefleischte Bayreuthianer Daniel Barenboim höchstselbst taktiert und das gutgemeinte Unikum gewohnt glatt über die Bühne bringt.
Zwar hat der klassisch geschulte Frackträger in Chicago zwischen den kunterbunt gewandeten Trommlern aus Lokumbes Stammlanden recht putzig ausgesehen; aber mehr als den Promi-Namen steuert er nicht bei: Goodwill-Musik ist immer die, die nicht gut ist.
Gleichwohl wird sich der weltläufige Maestro wohl weiter für das Opus stark machen. Wenn er im Juni 1997 mit seinen Chicagoer Musikern wieder durch Europa tourt, will er Lokumbes hochherzigem Medley in Köln, zur Avantgarde-Triennale, die europäische Erstaufführung bereiten.
Das Spektakel dürfte dann unter freiem Himmel stattfinden - im Schatten der hohen Domkirche. Auch gut, da ist der "spirit" nicht weit. Y
* Im Mai in der Chicago Symphony Hall.

DER SPIEGEL 46/1995
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