13.11.1995

KunstgeschichteGuru im Bart

Machen Haare den Denker? Ein Archäologe hat das Image des antiken Intellektuellen erforscht.
Für altgediente Senatoren war es ein kleiner Skandal. Anstatt wie üblich rasiert vors Römervolk zu treten, begrüßte der neue Kaiser Hadrian seine Untertanen dauergewellt und mit lockigem Vollbart.
Hatten Imageberater ihn animiert? Oder wollte der Adoptivsohn des Militärfürsten Trajan nur ein paar Patrizier schocken? Jedenfalls fand der neue Look sofort Anklang. Überall im Römerreich kopierten Statthalter und Amtmänner Hadrians Haartracht, und auch seine Nachfolger Antoninus Pius, Mark Aurel oder Pertinax trugen Bärte - immer längere sogar, auf die Gefahr hin, als zottelige Asketen belächelt zu werden.
Wie das kam, hat jetzt der Münchner Archäologe Paul Zanker in einer spannenden Bildnis-Studie erklärt*: Bärte waren in der mittleren Kaiserzeit das Abzeichen von Denkern und Weisen, der Modenwechsel also - Vergleiche mit der Gegenwart sind erlaubt - ein politisches Signal: Kein roher, geharnischter Tatmensch, sondern ein Intellektueller würde von nun an die Supermacht Rom regieren.
Um diese Botschaft noch dem fernsten Provinzbauern klarzumachen, vertraute Hadrian auf die Bildhauer - und einer Tradition, die seit langem nur noch Denkern, oft griechischen Hauslehrern, ein behaartes Kinn zubilligte. Wie heute der sprichwörtliche Professor mit Hornbrille, so galt für Römer ein Bartträger als Gelehrter. _(* Paul Zanker: "Die Maske des ) _(Sokrates. Das Bild des Intellektuellen ) _(in der antiken Kunst". Beck Verlag, ) _(München; 384 Seiten; 78 Mark. )
Reiche Kaufleute, selber weder Aussteiger noch besonders kulturbeflissen, stellten sich ganze Büsten-Kollektionen bärtiger Weiser als Souvenirs in den Garten.
Daß solche Porträts viel mit "Bildungskult" (Zanker), aber wenig mehr mit dem wahren Aussehen eines Platon oder Aristoteles zu tun haben, stört den Forscher nicht. Er zeigt anhand der steinernen Porträts, die oft nur in späten Kopien überliefert sind, wie sich die öffentliche Rolle des Intellektuellen gewandelt hat.
Unter den Griechen wurden viele alte Stadtgrößen, vom Dichter bis zum General, gern im Haarschmuck ergrauter Bürgertugend abgebildet. Die Norm für Denker aber war das nicht. Ein sensibler Hellene las genauso aus den Mantelfalten ab, ob der Geehrte ein Weiser war - so präzise war der Bildnis-Code des guten Bürgers festgelegt.
Sokrates, als Jugendverhetzer hingerichtet, machte deshalb schon Mühe: Kahl, plattnasig und fett sollte er gewesen sein, und ganz durfte kein Bildhauer von dieser Tradition abgehen. Aber bald statteten Fans die Statuen des frommen Zweiflers doch mit einem adretten Bürgermäntelchen aus und ließen seinen Kugelkopf zur Denkerstirn verfeinern.
Für die späteren Römer blieb solches Nuancenspiel unverständlich. Wollten sie jemanden als Meisterdenker feiern, dann gaben sie der Statue lieber einfach ein Buch, das Merkmal des Lehrers, in die Hand. Oder sie hängten ihm den Bart um, der durch Sokrates'' radikale Nachfolger, etwa den Tonnenbewohner Diogenes, zum Schema und antibürgerlichen Markenzeichen geworden war.
Auch einem neuen Guru aus Nahost passierte das: Mal wurde er als edles Wunderkind im Griechenmantel, dann wieder als zugewachsener Hippie mit prächtigen Rastalocken porträtiert. So ist es für Zankers Kollegen mitunter schwer zu entscheiden, wen sie auf einem Sargrelief eigentlich vor sich haben: irgendeinen Weisheitslehrer - oder Jesus selbst. Y
* Paul Zanker: "Die Maske des Sokrates. Das Bild des Intellektuellen in der antiken Kunst". Beck Verlag, München; 384 Seiten; 78 Mark.

DER SPIEGEL 46/1995
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