13.11.1995

MalereiDas Zeigen der Lämmer

Der Schriftzug am Dekollete-Saum der Madonna ist deutlich lesbar: "Raphael Urbinas AD MDIV". Ob aber wirklich der große Raffael aus Urbino diese "Heilige Familie mit dem Lamm" gemalt habe, und zwar im Jahr 1504, darüber konnten sich die Kenner bislang nicht einigen. Schon deswegen, weil nur wenige sie im Original gesehen hatten. Nun wird das sonst in Privatbesitz versteckte Kleinod (32 mal 22 Zentimeter) erstmals öffentlich ausgestellt - und aufgewertet. Eine Studio-Schau im Kasseler Museum Fridericianum (bis 21. Januar) zeigt es neben gemalten und grafischen Kopien und bringt auch die zerfledderte Vorzeichnung bei, von der die Komposition offenbar auf den Malgrund durchgepaust worden ist; Spuren dieser Prozedur sind hier wie da festzustellen. Der Kasseler Museumsmann Jürgen Lehmann deutet die "Heilige Familie" als Wendepunkt in der Laufbahn Raffaels: Dessen umbrischer Frühstil prägt noch den Landschaftshintergrund, die Figuren aber künden von dem "Kulturschock" (Lehmann), den der 21jährige Künstler erfuhr, als er nach Florenz kam und Leonardo da Vinci begegnete. Eine Bildvariante im Madrider Prado läßt sich als bestellte Replik verstehen, ihre seltsame Inschrift "MD VII IV" als doppelter Hinweis auf das Jahr der Ausführung (1507) und das der künstlerischen Erfindung (1504).

DER SPIEGEL 46/1995
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