13.11.1995

FotografieLeichenreden für Lebendige

Er ist ein Genie an der Kamera - und ein Meister des Mißmuts: Eine Pariser Ausstellung feiert den Fotografen Joseph Gallus Rittenberg.
Die Party ist vorbei. Verschwitzt und ein wenig verloren steht der kleine Mann in der Mitte des Raums. Sein Blick irrt ein letztes Mal über seine Schöpfungen, und der Mann wirkt dabei zerfahren und verträumt zugleich. Die mannshohen, von innen beleuchteten Bildkästen, in denen er seine Fotografien exakt in Augenhöhe präsentiert, erinnern plötzlich an verlassene Wachhäuschen vor dem Königspalast eines Märchenlandes - pompöse Symbole eines untergegangenen Reiches, vor denen einst Operettenoffiziere paradierten.
Der schwarze Anzug des Mannes ist zerknittert, das schwarzgraue Haar steht ihm in wilden Strähnen um den Schädel. Gerade noch haben sich hier, im Untergeschoß des Pariser Centre Pompidou, ein paar hundert Menschen durch den kahlen, mit grauem Teppichboden ausgelegten Ausstellungsraum gedrängelt. Die Besucher haben oft minutenlang vor den Bildkästen verharrt; bemüht, die Rätsel zu ergründen, die in vielen der Fotografien verborgen scheinen.
Der kleine Mann, der 1948 im österreichischen Linz geboren ist und sich nach seinem Heimatort Gallneukirchen mit dem Mittelnamen Gallus schmückt, hätte Grund, sich zu freuen über das Interesse und den Respekt, mit denen man hier seinen Bildern begegnet. Hat nicht sogar der Leiter der Fotografieabteilung im Centre Pompidou, ein scheuer, wortkarger Mensch, davon geredet, daß der französische Staat einige dieser Bilder ankaufen solle? Aber Joseph Gallus Rittenberg spricht auch in der Stunde des Triumphes lieber von seinen Niederlagen. "Mich als Person nimmt keiner wahr", klagt er, "die Leut' gehen einfach über mich drüber". So hat der vom Erfolg gestreßte Rittenberg ganz schnell zu jener Rolle zurückgefunden, die er nun mal fürs Leben gewählt hat: Mißmutskomödiant einerseits, tragischer Untergeher andererseits; eine Existenz, wie sie aus den Büchern seines Lieblingsdichters Thomas Bernhard entsprungen sein könnte.
Denn unbestritten ist der Fotograf Rittenberg, der Heiner Müller als Geist im Gully porträtiert hat und Thomas Bernhard als Nachtphantom am Rand eines Meeres aus Finsternis, ein ziemlich berühmter Mann. Doch ebenso unbestritten ist er ein berüchtigter Kauz, der von sich selbst sagt: "Manchmal bin ich leider neben der Spur unterwegs"; ein streitbarer Sonderling, dessen Ansichten Bildredakteure und schreibende Journalisten verstören: Halbstundenlang kann er wider den "visuellen Analphabetismus" unserer Zeit wüten, gegen die Ignoranz, die seiner Arbeit häufig entgegenschlage - dann aber verkündet er prophetisch: "In ein paar Jahren werden meine Bilder unbezahlbar sein. Die Frage ist bloß, ob ich's noch erleb'."
Im Centre Pompidou haben sie ihm nun, im Rahmen einer Elias-Canetti-Installation, eine Porträtausstellung eingerichtet; im Frühjahr werden die Wiener Festwochen dem Lichtbildner Rittenberg eine große Werkschau widmen, für die der Künstler einen Zeppelin mieten will, um Rittenberg-Werke im Riesenformat am Himmel über Wien zu präsentieren.
"Installation melancolique" lautet der Titel des Pariser Projekts, und Rittenberg selbst behauptet, seine Autorenporträts seien "lauter Nekrologe": Leichenreden nicht nur auf tatsächlich Verstorbene wie Thomas Bernhard, Helmut Qualtinger und Werner Schwab, den Rittenberg mit brennendem Mantel abbildete. Sondern auch auf lebendige Dichter wie Friederike Mayröcker und Ernst Jandl, die der Fotograf gemeinsam auf einem Sofa plaziert hat; sie mit Faschingsprinzessinnenkrone, ihn mit einer Clownsnase im müden Gesicht.
Rittenberg hat seinen Bildern, von denen viele in der Zeit, der Süddeutschen und in der Wiener Presse veröffentlicht wurden, scheinbar alles Spontane und Lebendige ausgetrieben. Und doch wirken sie bei aller Inszenierung wie Schnappschüsse, flüchtige Blicke in eine beschädigte Welt. Den angeblich blasphemischen Regisseur Christoph Schlingensief zeigt er auf einer ans Christenkreuz montierten Schaukel unter düsterem Gewitterhimmel; im Hintergrund sieht man ein zerfallendes Gotteshaus mit dem Graffito "Fürchtet euch nicht".
Ihn selbst treibe eine "vitale Todessehnsucht an, die mich am Leben hält", behauptet der Künstler. Und auch seine Bilder seien nur etwas für Betrachter, "die sich schwertun mit dem Leben - nur zum Umbringen fehlt ihnen halt die Kraft".
Stürmischer Herbstwind knattert durchs nächtliche Paris, auf der Terrasse des Straßencafes wird es ungemütlich; aber Rittenberg, der gerade noch niedergeschmettert und betrübt schien vom Trubel der Ausstellungseröffnung, redet sich voller Begeisterung hinein in die Bekennerwut des "natural born losers", des ewigen Verlierers: Ob während seiner Zeit als Bühnenbildstudent an den Akademien in Salzburg und Wien oder später an der Münchner Filmhochschule - immer habe er sich deplaziert gefühlt, "auch wenn ich eigentlich immer Spitzenwerte erreicht habe in dem, was ich gerade gemacht hab'".
Hin- und hergerissen zwischen Minderwertigkeitsangst und Größenwahn, gerät dem Fotografen Rittenberg bis heute der Alltag zur milden Katastrophe. Am Geld fehlt es fast immer, weswegen Rittenberg in München, wo er seit 25 Jahren lebt, in einen Dauerkleinkrieg mit Pfandleihern und Bankbeamten verwickelt ist. Sehr komisch kann er etwa davon erzählen, wie er einmal seine Kamera ins Leihhaus tragen mußte und tags darauf zu einem dringenden Termin geschickt wurde - der Opernsänger, dem er wenig später mit einer russischen 150-Mark-Kamera auf den Leib rückte, blaffte empört: "Der Mensch will mich mit einem Spielzeugapparat verarschen!"
Selbst das Geld für die Bahnfahrt nach Paris, wo ihm zwar die Ehre der Ausstellung zugebilligt wurde, nicht aber ein Reisekostenvorschuß, konnte Rittenberg erst in letzter Minute auftreiben. Er wandte sich an einen Mann, der ihm bereits früher mal geholfen hatte; und der, so berichtet Rittenberg, schenkte ihm 5000 Mark.
Der Mann heißt Leo Kirch. Bei dem hat Rittenberg schon in den siebziger Jahren, als er selbst noch Filmschüler war und Kirch ein nicht ganz so mächtiger Filmhändler, gearbeitet - als Pförtner und Bote. Irgendwann habe Kirch von seinen künstlerischen Umtrieben erfahren, erzählt Rittenberg, und bei einem Zufallsgespräch im Aufzug erhielt er vom Chef den Auftrag, für eine seiner Firmen Filmplakate zu entwerfen. Rittenberg brachte es damit immerhin zu internationalen Auszeichnungen.
Mitte der achtziger Jahre war Schluß mit den Plakaten, woran, so Rittenberg, "eigentlich eine Liebesgeschichte schuld war" und die Erkenntnis, "daß mich nur die Fotografie am Leben hält". Und weil Rittenbergs Bilder oft sämtliche Grundregeln des Handwerks mißachteten, indem sie die Abgebildeten aus dem Zentrum der Bilder an den Rand rückten und die Schatten die Gesichter nahezu unkenntlich machten, gab es immer wieder Streit mit den Auftraggebern.
"Da sieht man ja nix", klagte einmal ein fassungsloser Redakteur, Rittenberg antwortete kühl: "Da war auch nix zu sehen."
Trotzdem beharrte der Mann darauf, daß er seine Bilder in der Zeitung gedruckt sehen wollte und nicht als gerahmte Kunstobjekte aufgehängt in Galerien. "Die Zeitung ist meine Galerie", heißt einer seiner Lieblingssätze. Der jahrelange Hader mit schnittwütigen Layoutern und kopfschüttelnden Blattmachern habe letztlich nur die Kraft seiner Arbeit bewiesen: "Meine Bilder kann man nicht abwürgen - sie würgen zurück."
Der Fotograf Rittenberg tut den Menschen und Dingen Gewalt an. Es ist nicht die Neugier, die ihn treibt; es sind die Bilder, die er bereits im Kopf hat. Wenn er einen Porträtauftrag bekommt, vertieft er sich erst mal ins Werk des Abzubildenden. Er arbeite "in Trance", behauptet Rittenberg, "bei mir müssen sich die Leute in meinen Bildern beweisen, sonst mach' ich's nicht".
Für den SPIEGEL sollte Rittenberg einmal Günter Grass porträtieren; die Mauer war gerade gefallen, und Grass gab Auskunft über seine Zweifel. Nach dem Interview forderte der Fotograf den Schriftsteller auf, sich neben einer Mülltonne zu postieren. Zunächst sei Grass völlig entgeistert gewesen, sagt Rittenberg; "aber dann habe ich ihm erklärt, daß die Mülltonne genau das richtige Behältnis sei für die Selbstzweifel der Deutschen".
Im SPIEGEL stieß Rittenberg mit seiner Eingebung auf begrenztes Verständnis. Man könne ein Gespräch über Grass und die Deutschen nicht mit einem Foto präsentieren, das den Dichter als Müllmann zeige, hieß es.
Gedruckt wurde das Bild schließlich doch. In der Hausmitteilung. Über Würgemale an Redakteuren und Lesern ist nichts bekannt. Y
Flüchtige Blicke in eine beschädigte Welt

DER SPIEGEL 46/1995
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