13.11.1995

PopPavarotti ans Telefon

Die irische Popband U2 strebt nach Höherem: Auf ihrer neuen Platte nennen sie sich „Passengers“ und beschäftigen einen Startenor.
Der Mann will aufregend sein, und er strengt sich mächtig dafür an. Auf der letzten Tournee seiner Band U2 verkleidete sich Paul Hewson, der mit Künstlernamen Bono heißt, jeden Abend als Mephisto. Wenn der Behornte nicht sang, telefonierte er während der Show mit Regierungsbeamten oder bestellte 10 000 Pizzas für sein Publikum.
"Die erste Pflicht des Rock'n'Roll-Stars ist es, kein Langweiler zu sein", erklärte der 35jährige neulich als Gast einer literarischen Fragestunde. Weil er das Problem der Langeweile kennt, wird es den Künstler auch nicht überrascht haben, daß die Anwesenden ihn nicht nach den Erstausgaben in seiner Hausbibliothek fragten, sondern nach der Debüt-CD der Passengers. Einer Platte, über welche die U2-Musiker sowenig wie möglich reden möchten und zu der Bono deshalb nur an jenem Literatur-Abend und dann niemals wieder ein paar offizielle Erklärungen abgegeben hat.
"Original Soundtracks 1", das neue Album der U2-Leute, soll ein Experiment sein. Sie nennen es ein Projekt. "Mit den Passengers können wir Dinge wagen, mit denen wir als U2 nicht durchkommen würden", erklärt Bono das Werk, an dem auch prominente Gäste wie Luciano Pavarotti und Brian Eno beteiligt sind.
Brian Eno, der vor mehr als 20 Jahren seine Karriere als exzentrisch geschminkter Keyboarder bei Roxy Music begann, gilt dieser Tage als Trend-Forscher und ist als Produzent gut im Geschäft. Für U2 hat er die Alben "The Joshua Tree" und "The Unforgettable Fire" produziert; die Band verehrt ihn als Autorität und hat ihm auch diesmal uneingeschränkt die Regie überlassen.
Das ist vom ersten Ton an zu hören. "Wer ein U2-Album erwartet, wird enttäuscht sein", warnt Bono die Käufer: Statt der gewohnten Rockmusik gibt es Elektro-Kunst mit U2-Schnipseln. Da zirpen und blubbern die Module, und ab und zu rauscht das Echo einer verzerrten Gitarre durch die unendlichen Weiten des Klang-Universums. Das amerikanische Fachblatt Entertainment Weekly befand, "daß man zu den Klängen auch wunderbar das Badezimmer aufwischen" könne.
Die "Original Soundtracks 1" sind weitgehend instrumentale Kompositionen für 13 Filme eher obskurer Regisseure. Zu den Ausnahmen gehört Bonos Hausfreund Wim Wenders. Für das Werk "Jenseits der Wolken", das der Deutsche mit dem Altmeister Michelangelo Antonioni drehte, komponierten die Passengers gleich zwei Titel. Die größte Aufmerksamkeit hat bisher das Lied "Miss Sarajevo" erregt, das verzweifelten U2-Fans Halt geben wird, weil es als Melodie mit Gesang zu erkennen ist. Zudem singt Startenor Luciano Pavarotti. Stolz berichtet Bono: "Pavarotti rief tagelang bei mir zu Hause an. Weil ich nie zurückrief, brüllte er meine Haushälterin an, sie solle Gott ausrichten, daß er Pavarotti ein Lied zu schreiben habe." Bono gab nach und komponierte "Miss Sarajevo".
Daß der Experimental-Pop durchaus gelungene Momente enthält, ist eher Brian Eno als den U2-Musikern zu verdanken, die sich offenbar nur aus Orientierungslosigkeit auf das Projekt eingelassen haben. Als die vier Schulfreunde Paul "Bono" Hewson, Dave "The Edge" Evans, Adam Clayton und Larry Mullen Jr. vor fast 20 Jahren U2 gründeten, hatten sie noch einen Plan: Sie wollten laut sein, und sie wollten die Welt erobern. Beides ist U2 zeitweilig gelungen. Unter der Führung des hochbegabten PR-Strategen Bono schreckten sie auch vor großen Themen aus Religion und Politik nicht zurück.
Zu Beginn der neunziger Jahre hatte die Band sich verlaufen. Die Musiker verkündeten, daß sie genug davon hätten, "gute Menschen" zu sein. Was sie statt dessen anfangen wollten, wußten sie nicht so genau. Am Ende des letzten U2-Konzertes in den achtziger Jahren sprach Bono zu den Fans: "Wir müssen uns eine Zeitlang zurückziehen und alles noch einmal überdenken."
Als die Musiker lange genug meditiert hatten, trafen sie sich im Studio, um zu streiten. Bono und Gitarrist The Edge wollten Veränderung. Warum etwas verändern, das noch gut funktioniert, gaben die beiden anderen zu bedenken.
"Du hast nicht einmal deinen Haarschnitt in den vergangenen zehn Jahren verändert", keifte Bono eines Nachts seinen Schlagzeuger an. "Schreib lieber mal wieder ein brauchbares Lied", konterte Larry Mullen Jr. Die daraufhin erschienene Platte "Zooropa" und die anschließende Multimedia-Tour verdankten U2 den Ideen von Brian Eno. "Die Lieder sollten den Eindruck erwecken, die Hi-Fi-Anlage sei kaputt", sagte der angemietete Kreative.
Nach dem Imagewandel von bodenständigen Politrockern zu postmodernen Popzynikern zogen sich U2 erst einmal ins Privatleben zurück und schrieben Film-Soundtracks für "Batman" und James Bond. Bono ließ sich einen Bart wachsen und schwieg. Bassist Adam Clayton wollte das Fotomodell Naomi Campbell heiraten, aber die wollte nicht.
Brian Eno blieb der Band treu. Was er vielleicht bereuen wird. Nach der literarischen Fragestunde sagte der Herausgeber einer U2-Fanzeitschrift: "Es war schon eindrucksvoll, wie sich Bono von der Passengers-Platte distanziert hat. Falls es ein Reinfall wird, schieben sie einfach alles auf Brian Eno!" Y

DER SPIEGEL 46/1995
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