13.11.1995

StädtebauDer Prinz in der Platte

Der ostigste Bezirk Berlins empfängt hohen Besuch: Prinz Charles inspiziert das Plattenbauquartier Hellersdorf.
In der Zentrale der PDS in Berlin-Hellersdorf, vor dem Bild von Karl Marx und einem Hammer-und-Sichel-Relief, versucht Frank Beiersdorff, die ideologisch korrekte Linie zu entwickeln. "Auch viele Linke", sagt der Mann aus dem PDS-Bezirksvorstand, "haben ja in England ein durchaus positives Verhältnis zur Monarchie."
Das bedeute natürlich nicht, "daß wir jetzt hier unseren Kaiser Wilhelm wiederhaben wollten", sichert sich der vollbärtige Postkommunist ab. Aber da Prinz Charles sich für Ökologie und humanen Städtebau engagiert, ist er auch der PDS "durchaus willkommen".
Die Hellersdorfer Volkspartei - sie holte unlängst bei den Wahlen über 40 Prozent - trifft die Stimmung im Stadtteil. Von einigen verbohrten Radikaldemokraten abgesehen, wird der britische Monarch in spe freudig erwartet. "Ich verstehe zwar nicht, was er hier will, aber ist doch 'ne gute Publicity", urteilt eine junge Mutter. "Ganz cool", findet es ein Schüler, "daß jetzt so weltberühmte Leute hierherkommen." Einen echten Thronfolger hat Hellersdorf noch nicht gesehen.
Wenn Prinz Charles am Montag dieser Woche zu einem fünftägigen Deutschland-Besuch in Berlin landet, wird er nach einer Begrüßung im Roten Rathaus als erstes den östlichsten Bezirk der Hauptstadt beehren. "SKH trifft mit Einwohnern zusammen", heißt es im offiziellen Besuchsprogramm.
Daß Seine Königliche Hoheit neben dem Schloßpark von Sanssouci und der Stralsunder Altstadt auch jene berüchtigten "Plattenbauten" in Augenschein nimmt, ist einem guten Bekannten des Prinzen zu danken. Der Londoner Architekt John Thompson, der sich mit der Sanierung von Großsiedlungen in Manchester oder Belfast auch auf dem europäischen Festland einen Namen gemacht hat, ist an der Planung für die dringend nötige Urbanisierung der Hellersdorfer Schlafstadt beteiligt.
Mitte Oktober leitete Thompson einen "Community Planning Workshop", bei dem die Bewohner rund um den zentralen "Cecilienplatz" ihre Verbesserungsvorschläge formulieren konnten. Die von den Londonern auf dieser Grundlage gezeichneten Pläne wird der Prinz nun enthüllen.
"Ich finde das einfach witzig", sagt Karin Scheel, die Charles zu diesem Zwecke in der HO-Galerie, "Hellersdorfer Originale", empfängt. Die Galeristin hofft, daß der Bezirk mit Hilfe des Thronfolgers von seinem Negativ-Image wegkommt.
Dies tut in der Tat not. Seit Mitte der achtziger Jahre am Stadtrand aufbetoniert, präsentiert sich Hellersdorf als Platte pur: Bis zum Horizont nichts als schmucklose Beton-Kuben, 95 000 Menschen in 40 000 Wohnungen. Für den Prince of Wales, laut New York Times "Britanniens bekanntester Architekturkritiker", ist so etwas der Inbegriff herzloser Bau-Unkultur.
Charles führt seit 1984 einen Kreuzzug gegen die moderne Architektur. "Die Menschen werden übereinander in Betonfächer geschichtet", hat er die Entwicklung der Birminghamer City kritisiert. "Monströse Karbunkel", schimpfte er über Bürohäuser in London; den Lesesaal des Neubaus der British Library kanzelte er als "Versammlungssaal der Akademie für Geheimpolizisten" ab.
Wie allerdings John Thompson und seine Londoner Planer mit Überraschung feststellen mußten, sieht die Trabantenstadt nur auf den ersten Blick wie ein Beton-Slum aus.
Hellersdorf ist der Bezirk mit den jüngsten Bewohnern in Berlin. Das durchschnittliche Haushaltseinkommen, 3050 Mark, liegt um mehr als 800 Mark über dem im West-Berliner Bezirk Kreuzberg; die Arbeitslosenquote mit 7,5 Prozent weit unter Hauptstadt-Niveau.
"Als wir vor zwei Jahren hier ankamen", erinnert sich Fred London, Mitarbeiter von John Thompson and Partners, "dachten wir: O Gott, wie trostlos! Aber wir merkten schnell, daß die Leute hier gerne leben. Es existiert eine gute Sozialstruktur, auch wenn Geschäfte, Unterhaltung und Kultur noch fehlen." Entgegen allen West-Berliner Warnungen erlebten die Londoner die Hellersdorfer zudem als "sehr offen und freundlich".
Dies gilt auch für Uwe Klett. Der agile Sozialstadtrat hat nach der Wende zwei Jahre im schottischen Glasgow Wirtschaftswissenschaften studiert und ist bestens mit dem aktuellen Stand "Legitimationskrise" der Royals auf der Insel vertraut. "Die britische Monarchie kann einem leid tun", befindet der aussichtsreiche Bezirksbürgermeister-Kandidat der PDS.
Klett, der zu einem Empfang mit dem Prinzen geladen ist, will ihn bitten, bei der Vermittlung einer britischen Partnerstadt behilflich zu sein. Vielleicht gelingt es ihm auch, Charles für eine kleine Spende zu gewinnen.
Die Bewohner des Hochhauses in der Ernst-Bloch-Straße 35, die staunend vor ihrer Haustüre stehen, haben schon vom SKH-Besuch profitiert. Ein neues Klingelbrett ziert den Eingang, der Flur wird frisch tapeziert, die Beleuchtung des Fahrstuhls ist erneuert. "Alles nur, weil der Prinz in unser Haus kommt", berichten zwei Mädchen aufgeregt.
Die Mutter der beiden betrachtet die Verschönerung a la Potemkin nüchterner als beruhigende Kontinuität staatlichen Repräsentationswillens. "Das Gemache und Getue ist ja wie unterm Sozialismus", sagt sie. "Früher kam Honi, jetzt Charly." Y

DER SPIEGEL 46/1995
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