13.11.1995

GESTORBENGilles Deleuze

70. Unscheinbar, in Hut und Strickjacke, trat der Philosoph auf - wie seine Bücher, die beharrlich verwinkelt und fazitlos bleiben. Denn Deleuze, der nach Normalkarriere im Hochschulmilieu 1969 auf einem Lehrstuhl der Pariser Universität Vincennes landete, war in Wirklichkeit ein stiller Subversiver - radikaler noch als sein verehrter Freund Foucault. Fragen, auf die seine geschniegelten Kollegen immer antworten, wollte er offenhalten, und wenn er schrieb, zwang jede seiner Zeilen zu der Einsicht, daß Ideen lebendig bleiben müssen. Schon der erfolgreiche "Anti-Ödipus" von 1972, ein gemeinsam mit dem Psychoanalytiker Felix Guattari geschriebener Gegenwurf zur damals verehrten Psychoanalyse, war ein Buch schneller, atemloser Gedankenbilder, das den Stil einer ganzen Intellektuellen-Generation prägte. Später durfte das Pilzgeflecht ("Rhizome") der Zeichenverbindungen gleich auf "Tausend Plateaus" wuchern. Mehr als allen Begriffen traute der Hegel-Gegner dabei seinem Sprachwitz, erst recht, wenn er Klassiker deutete: Leibniz etwa, den Erfinder der in sich verschlossenen Monaden, ließ er unter dem Titel "Die Falte" ein Spiel von Einfalt und Entfaltung spielen. Mancher solcher Wort-Funde wird in Erinnerung bleiben, gewiß auch der Satz: "Es gibt kein Verstehen, sondern Stufen des Humors." Am 4. November stürzte sich Gilles Deleuze, an unheilbarem Lungenkrebs leidend, aus dem Fenster seiner Pariser Wohnung.

DER SPIEGEL 46/1995
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